Lasche Zensuren: Wissenschaftsrat fordert Ende der Kuschelnoten

Gut und sehr gut, mit diesen Noten schließen 80 Prozent der Absolventen in Deutschland ihr Studium ab. Der Wissenschaftsrat bemängelt die Kuschelbenotung - und fordert jetzt einheitliche Prüfungsstandards. Eine Zentralprüfung in allen Fächern will das wichtige Beratergremium aber nicht.

Student im Hörsaal: Warum bekommen viele so verdammt gute Noten? Zur Großansicht
DPA

Student im Hörsaal: Warum bekommen viele so verdammt gute Noten?

Nein, so geht es nicht weiter mit den Kuschelnoten an deutschen Hochschulen. So jedenfalls sieht es der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratergremium im Wissenschaftssystem, und fordert jetzt einheitliche Prüfungsstandards.

Der Vorsitzende Wolfgang Marquardt sagte, man müsse festlegen, welche Kompetenzen ein Absolvent am Ende seines Studiums haben solle und mit welchen Kriterien das gemessen werde. Das Problem könne jedoch nicht von der Politik gelöst werden. "Man kann Druck aufbauen, aber lösen müssen es in der Tat die Fachvertreter", sagte er.

Bereits zum Wochenende hin hatte der SPIEGEL über ein Papier des Rates berichtet, in dem das Gremium vor einer "schleichenden Noteninflation" an deutschen Hochschulen warnt. Der Anteil der Studenten, die ihr Studium mit "gut" oder "sehr gut" abschließen, stieg demnach binnen zwölf Jahren von 70 auf gut 80 Prozent. "Was ganz sicher bedenklich ist, ist dass der Trend zu besseren Noten immer weiter anhält", sagte Marquardt jetzt. Der Wissenschaftsrat beklagte auch große Unterschiede bei der Notenvergabe zwischen den verschiedenen Unis und Fächern.

Mehr Geld, mehr Nachwuchs - Welche Faktoren führen zu Kuschelnoten?

Marquardt forderte, innerhalb einer Fakultät über die Notenvergabe zu diskutieren. Man müsse sich klar machen, welchen Einfluss zum Beispiel die Angst habe, Absolventen mit schlechten Noten Chancen zu verbauen. Auch dass Professoren Studenten für ihr Fachgebiet gewinnen wollten oder Geld nach der Zahl der Absolventen vergeben würde, könne eine Rolle spielen. "Da gibt es eine Reihe von subtilen Mechanismen, die dieser Erosion förderlich sind", sagte er.

Zentrale Prüfungen lehnt der Rat, der Bund und Länder bei der Hochschul- und Forschungspolitik berät, jedoch ab. "Man muss sich im Klaren sein, Wissenschaft ist bunt und vielfältig", sagte Marquardt. "Und ich würde mich auch dagegen wehren wollen, dass wir jetzt versuchen, sowas wie eine Zentralprüfung in den 14.000 Studiengängen zu machen." Eine gewisse Breite und Varianz müsse man akzeptieren.

Der Deutsche Philologenverband bezeichnete den Anstieg von guten Noten als leistungs- und studentenfeindlich. "Die eigentlich Leidtragenden sind die guten, leistungsstarken Absolventen, deren Leistungsvorsprung dadurch kaum mehr deutlich wird", erklärte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger.

Der Wissenschaftsrat stellte auch einen Bericht Marquardts zu aktuellen Tendenzen im Wissenschaftssystem vor. Er plädiert darin unter anderem für eine erneute Diskussion über Studiengebühren. Die Gebühren seien nötig, um zwischen dem Studium und einer privat finanzierten Berufsausbildung gleiche Wettbewerbsbedingungen herzustellen, hieß es. Allerdings sind Studiengebühren mittlerweile zum Auslaufmodell geworden - nur Bayern und Niedersachsen bitten ihre Studenten noch zur Kasse. Und auch dort ist fraglich: Wie lange noch?

otr/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
acitapple 12.11.2012
ich frage mich wo das problem daran ist ? einfach ein zentrales abitur und fertig. ok, man kann nicht mehr prahlen a la bayrisches abi vs. hessisches abi, aber das interessiert 2 jahre danach eh niemanden mehr. in anderen ländern geht es doch auch und diese werden immer als vorbilder zitiert.
2. Das
crocodil 12.11.2012
habe ich schon seit Jahren festgestellt. Ich war nur in der Hauptschule und später in der Handelsschule. Aber wenn ich jeden Tag knapp 2 Std. mit meinen Hausaufgaben beschäftigt war, davon kann nur jeder heutige Schüler nur noch träumen. Übrigens ich bin Jahrgang 1950. Vielleicht liegt es heute daran, dass mit den besten Zeugnissen Akademiker in den Beruf wechseln und dann ausser Charts erstellen können und Meetings halten, nichts von ihrem wirklichem Arbeitsgebiet verstehen.
3. Vielleicht liegt's aber auch daran ...
agtrier 12.11.2012
... das die Studenten, die in ihrem Fach nicht mindestens "gut" sind, lieber das Fach wechseln...
4. hä?
bastjan 12.11.2012
Zentrales Abi? Es geht in dem Artikel mit keinem Wort ums Abitur!
5. Wen wundert denn diese Erkenntnis?
wutentbrannt 12.11.2012
Zitat von sysopDPAGut und sehr gut, mit diesen Noten schließen 80 Prozent der Absolventen in Deutschland ihr Studium ab. Der Wissenschaftsrat bemängelt die Kuschelbenotung - und fordert jetzt einheitliche Prüfungsstandards. Eine Zentralprüfung in allen Fächern will das wichtige Beratergremium aber nicht. Wissenschaftsrat will einheitliche Standards bei Notenvergabe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/wissenschaftsrat-will-einheitliche-standards-bei-notenvergabe-a-866746.html)
An den Unis setzt sich doch einfach nur der Kuschelkurs vor, der an den Schulen der meisten Bundesländer vorherrscht. Mit Ausnahme von Rechtswissenschaften, Medizin und ein paar anderen ausgewählten Studiengängen sind doch fast alle vergebenen Noten zumindest anzweifelbar. Folge der 68er Wischwaschi-Mentalität...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Universitäten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare

Fotostrecke
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni
Tipps zum Studium

Fotostrecke
Master-Sorgen: Wenn der Bachelor zur Sackgasse wird