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Plagiate: Liebe Unis, bitte stimmt euch ab

Ein Interview von

Bitte erst mal definieren: Ein zentrales Forum soll Standards für Plagiats- und Fälschungsfälle in der Wissenschaft entwickeln Zur Großansicht
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Bitte erst mal definieren: Ein zentrales Forum soll Standards für Plagiats- und Fälschungsfälle in der Wissenschaft entwickeln

CDU-Ministerin Annette Schavan stürzte über ihre Doktorarbeit, ihre Fürsprecher schimpften über ein angeblich unfaires Plagiatsverfahren. Nun fordert auch der mächtige Wissenschaftsrat bessere Standards. Ein nachträglicher Freundschaftsdienst? Überhaupt nicht, sagt Chef Manfred Prenzel.

Zur Person
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    Manfred Prenzel, Jahrgang 1952, ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Technischen Universität München und seit Juli 2014 Vorsitzender des Wissenschaftsrates, dem wichtigsten Beratungsgremium der Politik in Hochschulfragen in Deutschland. Prenzel ist außerdem nationaler Projektmananger der Pisa-Studie.
SPIEGEL ONLINE: Herr Prenzel, hat die ehemalige CDU-Bildungsministerin Annette Schavan sich schon bei Ihnen bedankt?

Prenzel: Warum sollte sie?

SPIEGEL ONLINE: Der Wissenschaftsrat, dem Sie vorstehen, hat Empfehlungen zur wissenschaftlichen Integrität vorgelegt. Darin steht, dass Hochschulen bei Fehlverhalten den Eindruck willkürlicher Entscheidungen vermeiden und über gemeinsame Standards nachdenken sollten. Schavans Fürsprecher hatten der Universität Düsseldorf im Plagiatsverfahren genau das vorgeworfen: dass sie willkürlich entscheide.

Prenzel: Reden wir über den gleichen Text? In unserem Papier geht es darum, wie man das Bewusstsein für eine Kultur der Redlichkeit und Qualität in der Wissenschaft schärfen kann. Wir zeigen dabei ein ganzes Spektrum von Fällen und Bereichen auf, in denen sich die Wissenschaft über gemeinsame Standards verständigen sollte. Um die in der öffentlichen Debatte so intensiv diskutierten Plagiate in Dissertationen geht es da nur am Rande, schon gar nicht speziell um den Umgang mit Doktorarbeiten von Politikern.

SPIEGEL ONLINE: Seltsam. Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka (CDU) hatte vor zwei Jahren in einem Interview doch gesagt: "Ich werde im Wissenschaftsrat vorschlagen, dass dort Standards für die Überprüfung von Doktorarbeiten entwickelt werden." Das Düsseldorfer Verfahren hatte sie dabei natürlich im Hinterkopf. Die neuen Empfehlungen des Wissenschaftsrats sind also kein Dankesdienst für die Schavan-Freunde?

Prenzel: Dieses Thema ist schon lange im Themenspeicher eines unserer ständigen Ausschüsse und wurde 2011 bereits das erste Mal aufgegriffen - also lange vor der Zeit, auf die Sie anspielen. Es wurde von der Politik weder gewünscht noch bestellt.

SPIEGEL ONLINE: Unter Ihrem Amtsvorgänger hatte sich der Wissenschaftsrat mit anderen Forschungsorganisationen außergewöhnlich stark für Schavan in Stellung gebracht. "Die kommenden Verfahren werden anders ablaufen als die vergangenen", hatte der damalige Wissenschaftsratschef einmal gesagt.

Prenzel: Als wir die Empfehlungen zur Qualitätssicherung bei Promotionen verabschiedet hatten, hatte das auch zu tun mit den damals bekannt gewordenen Plagiatsfällen, insbesondere dem Fall Guttenberg. Bei den aktuellen Leitlinien geht es um viel grundsätzlichere Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Prenzel: Denken Sie an Debatten in den Lebenswissenschaften. Viele Befunde, die nicht den Erwartungen der Forscher entsprechen und die gewünschten Hypothesen nicht bestätigen, werden nicht veröffentlicht. Das liegt zum Teil an den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst, zum Teil aber auch an den Gutachtern und Verlagen. Ab welchem Punkt muss man das Verschweigen von nicht bestätigten Hypothesen als wissenschaftliches Fehlverhalten werten? Das sind häufige Fälle. Unter den Ombudspersonen, die die ersten Ansprechpartner an den Hochschulen bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten sind, herrscht da große Unsicherheit. Wir möchten, dass es ein zentrales Forum gibt, auf dem sie sich austauschen und gemeinsame Standards entwickeln können.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Hochschulverband, der Berufsverband der Professoren, befürchtet, dass eine zentrale Einrichtung "zum Spielball politischer Einflussnahme werden" und einzelne Unis durch eine solche Instanz somit in besonders brisanten Fällen unter Druck gesetzt werden könnten.

Prenzel: Die zentrale Plattform, die wir anregen, soll der Verständigung der Ombudsleute dienen. Sie soll keine verbindliche Norm für die Hochschulen vorgeben. Sie wird auch keine Sanktionen aussprechen können. Das bleibt auch weiterhin Aufgabe der einzelnen Hochschulen.

SPIEGEL ONLINE: Die Ombudsleute der Hochschulen, empfehlen Sie, sollen über abgeschlossene Fälle berichten - allerdings in anonymisierter Form. Warum sollte die Öffentlichkeit nicht erfahren dürfen, dass eine Dissertation in weiten Teilen abgeschrieben oder so unsauber ist, dass ein Doktortitel entzogen wurde?

Prenzel: Die Ombudsleute sind Vertrauenspersonen. Sie sind nicht dafür zuständig, einzelne Personen an den Pranger zu stellen. Die Hochschule muss entscheiden, ob sie es öffentlich macht, wenn sie einen Titel entzieht. Die Frage war für uns bisher noch kein Thema.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. ich
ambulans 30.04.2015
befürchte mal, dass prof. prenzel (der hier für den wissenschaftsrat spricht) sich mit seinem statement "... lebenswissenschaften: viele befunde, die nicht den erwartungen der forscher entsprechen ... , werden nicht veröffentlicht" (?!) zumindest einen bärendienst erwiesen hat. wenn ers genauso meint, wies hier steht und ohne weitere umschweife dann auch aufgefasst werden kann, würde es ja bedeuten, dass es 1. eine unumgängliche pflicht zur veröffentlichung von forschungsergebnissen (welcher art auch immer) gäbe und 2. daraus folgend, möglicherweise gefundene forschungsergebnisse z.b. der art, wie sie eventuell den vorstellungen der "rasse-biologen", "sozial-hygieniker" oder den fans der "auf die genetik zurückführbaren kriminalität" a la lombroso (sieht so aus wie - ist also einer) vergangener, unseliger zeiten ohne jedwede einschränkung, geradezu "zwangsweise", zu veröffentlichen wären. ein kurzer blick ins gesetz zeigt auch einem nicht-fachwissenschaftler, dass es so definitiv geht ... dr. rer.civ. ambulans (alle kassen)
2. Heuchelei
uta_f 01.05.2015
So eine erbärmliche Heuchelei, noch mehr Palaver und Verschleppung von Wissenschaftsbetrug. Die DFG hat seit Jahrzehnten klare Richtlinien und dennoch tritt sie diese mit Füßen. Betrug in der Wissenscgaft ist oft einfach nachzuweisen, aber offensichtluch sind entscheidende Positionen ebenso von Wissenschaftsbetrügern besetzt (siehe Botschafterin Schavan...), die nun versuchen heuchlerisch sich ehrbar hinzustellen und Wissenschaftsbetrug zu verschleiern. Ich spreche aus Erfahrung mit dieser heuchlerischen Pseudowissenschaftselite um Schavan, DFG, aber auch Von solchen, die im Wissenschaftsrat etc. tätig sind.
3.
bafibo 01.05.2015
Zitat von ambulansbefürchte mal, dass prof. prenzel (der hier für den wissenschaftsrat spricht) sich mit seinem statement "... lebenswissenschaften: viele befunde, die nicht den erwartungen der forscher entsprechen ... , werden nicht veröffentlicht" (?!) zumindest einen bärendienst erwiesen hat. wenn ers genauso meint, wies hier steht und ohne weitere umschweife dann auch aufgefasst werden kann, würde es ja bedeuten, dass es 1. eine unumgängliche pflicht zur veröffentlichung von forschungsergebnissen (welcher art auch immer) gäbe und 2. daraus folgend, möglicherweise gefundene forschungsergebnisse z.b. der art, wie sie eventuell den vorstellungen der "rasse-biologen", "sozial-hygieniker" oder den fans der "auf die genetik zurückführbaren kriminalität" a la lombroso (sieht so aus wie - ist also einer) vergangener, unseliger zeiten ohne jedwede einschränkung, geradezu "zwangsweise", zu veröffentlichen wären. ein kurzer blick ins gesetz zeigt auch einem nicht-fachwissenschaftler, dass es so definitiv geht ... dr. rer.civ. ambulans (alle kassen)
Um solche Fälle geht es hier wohl kaum, eher um solche, wo sich eine vielversprechende Theorie in der Praxis nicht verifizieren läßt. Die Ursache dafür kann nicht nur darin liegen, daß die Theorie schlicht falsch ist, sondern auch darin, daß sie nur für eine noch nicht klar identifizierte Gruppe zutrifft oder daß die Versuchsanordnung nicht direkt sichtbare Mängel hat. Werden solche "Nicht-Ergebnisse" nicht veröffentlicht, tappt vielleicht demnächst ein anderer Forscher in dieselbe Falle - und alle diese Forschungen kosten Geld, das besser eingestzt wäre, wenn man nicht mehrfach denselben nutzlosen Versuch unternehmen würde.
4.
TS_Alien 01.05.2015
Plagiate und andere Betrügereien bei einer Dissertation müssen nachträglich immer zur Aberkennung des Doktorgrades führen. Sollte tatsächlich neben der formalen auch die wissenschaftliche Qualität von Dissertationen bald eine Rolle spielen, können sich viele Fachbereiche warm anziehen. Dann wäre es vorbei mit den inhaltlich dünnen Brettern, die dennoch zu einem Doktorgrad führen. Was manche Fachbereiche seit Jahrzehnten vormachen, nämlich nur denjenigen Menschen einen Doktorgrad verleihen, die jahrelang wissenschaftlich hochwertige Arbeit geleistet haben und als Experten auf ihrem Gebiet gelten, sollte überall zum Standard werden.
5. >bafibo (nr. 2, oben),
ambulans 02.05.2015
Zitat von bafiboUm solche Fälle geht es hier wohl kaum, eher um solche, wo sich eine vielversprechende Theorie in der Praxis nicht verifizieren läßt. Die Ursache dafür kann nicht nur darin liegen, daß die Theorie schlicht falsch ist, sondern auch darin, daß sie nur für eine noch nicht klar identifizierte Gruppe zutrifft oder daß die Versuchsanordnung nicht direkt sichtbare Mängel hat. Werden solche "Nicht-Ergebnisse" nicht veröffentlicht, tappt vielleicht demnächst ein anderer Forscher in dieselbe Falle - und alle diese Forschungen kosten Geld, das besser eingestzt wäre, wenn man nicht mehrfach denselben nutzlosen Versuch unternehmen würde.
nett gemeint, ihr einwand - und dass ich zugegebenermaßen auch zugespitzt habe/wollte, ist offensichtlich. interessanterweise lässt mich SPON - trotz mehrfacher versuche von mir - meinen lapsus "statt: definitiv natürlich: (definitiv) >nicht!" - nicht korrigieren. ein schelm, wer ...
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