Wissenschaftssprache: So klappt's mit der Hausarbeit

Von Anne Haeming

2. Teil: Die fünf größten Fehler

Studentin: In der vorlesungsfreien Zeit stehen oft viele Hausarbeiten an Zur Großansicht
Corbis

Studentin: In der vorlesungsfreien Zeit stehen oft viele Hausarbeiten an

Ballast streichen

Nur wer es schafft, eine Schneise durchs Dickicht der Sekundärliteratur zu schlagen, kann auch Position beziehen. Groebner rät, auf Lieblinge zu verzichten und Gedanken mit eigenen Worten zu formulieren. Er schreibt: "Wenn alles wichtig und unverzichtbar ist, jedes Detail, dann kippt beim Lesen der ganze Text plötzlich nach hinten, wie ein U-Boot, in dem jemand eine Luke geöffnet hat, und versinkt unter seinem eigenen Gewicht, bis er am lichtlosen Grund des Meeres im Faktenschlamm aufsetzt."

Sprechende Automaten verbannen

Bürokratisierung, Internationalisierung, Methodenbewusstsein: Derart abstrakte Substantive, gefolgt von Passivkonstruktionen, panzern die Ideen eines Autors, es gibt kein Durchdringen zum Kern. Bei Begriffen, die so mechanisch wie gut geölte Roboter funktionieren, muss man vorsichtig sein: "Beobachten Sie, an welchen Stellen in Ihrem Text diese sprechenden Automaten erscheinen und wo sie sich auffällig zu vermehren beginnen", rät Groebner. Das seien in der Regel exakt jene Passagen, in denen die Argumentation "vager, schaumiger und wolkiger" werde.

Begriffsdrachen hinterfragen

Jeder, der schon einmal eine Seminararbeit schreiben musste, kennt sie: "Diskurs", "Komplexion", "Geist" und "Zeitgeist", "Wissensgesellschaft". Es sind je nach Disziplin gesetzte Großbegriffe, hinter denen ganze Theoriekomplexe stehen. Wer sie verwendet, signalisiert jedoch nicht nur: Ich kenne das, ich verstehe das, ich beziehe mich darauf. Doch man sollte sich nicht hinter derlei "Supersubstantiven" verstecken, findet Valentin Groebner, sondern sollte sie mit eigenen Worten erklären: "Als Autorin & Autor dürfen Sie auf den Zauber des Begriffs, den Sie verwenden, selbst nicht vertrauen - und vor allem dann nicht, wenn Sie ihm viel verdanken und das Ihren Leserinnen auch mitteilen wollen."

Schreiber-Arroganz ablegen

Wer glaubt, es kommt in wissenschaftlichen Texten nur auf die Inhalte an, nicht aber auf die Sprache, mit der sie vermittelt werden, der irrt. Schließlich muss man es auch schaffen, die Leser von seinen Thesen zu überzeugen, findet Valentin Groebner: "Wenn Wissenschaftler sagen, dass ihnen schreiberische Eleganz verdächtig und dass sie nur 'Oberfläche' oder 'literarischer Effekt' sei, dann sagen diese abwertenden Ausdrücke vor allem etwas über diejenigen aus, die sie gebrauchen."

Aus dem Versteck hervortreten

Wenn der Wissenschaftler sich aus seinem eigenen Text komplett zurückzieht, ist der Text wie tot, findet Valentin Groebner. Das "Ich" des Autors als Urheber des Textes zu verleugnen, sei absurd: "Manchen Autoren ist sogar das hauchzarte Pronomen 'es' zu anstößig", schreibt Groebner. "Es ist ihnen offenbar zu pronomig, zu sehr Subjekt, und deshalb lassen sie es in der Ellipse eines vorangestellten Halbsatzes gänzlich verschwinden. 'Anzumerken ist allerdings.' 'Hier muss in erster Linie.'"

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insgesamt 4 Beiträge
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1. feines Thema
albert schulz 13.05.2012
Über die traumhaften Zitate beim Professor konnte ich Tränen lachen, fast besser noch als bei SPAM. Es geht wohl zuvörderst darum, die benutzten Begriffe zu erklären, was Wissenschaftler sehr ungern tun. Insbesondere haben sie die fatale Angewohnheit, sie in einem Sinn zu verwenden, den allein sie definiert haben, leider weder mündlich noch schriftlich. Der zweite Punkt ist das Sortieren und Systematisieren, das man eigentlich schon auf der Schule hätte lernen müssen. Also der Aufbau eines logischen Konzepts, das alle Aspekte verständlich erfaßt und in einen Zusammenhang bringt. Hierzu ist eine brutale Reduktion der Fakten erforderlich, eine der schwierigsten Aufgaben, weil beim Schreiben allerlei neue Gedanken auftauchen. Diese lassen sich regelmäßig nicht in ein logisches Konzept einbauen, sondern können nur ausgeschlossen werden. Oder man verweist in der Fußnote auf die nicht klärbare Problematik oder wirft seine Ansätze weg, eine der elegantesten Lösungen. Ich neige zu Füllwörtern und Konjunktiven, eine stilistisch und inhaltlich miserable Lösung. Oder wie das mein Deutschlehrer formuliert hat: „Wenn Sie fünfzehn Seiten für die Darlegung benötigen, und ein anderer nur fünf, dann bekommt der die eins. Auch wenn Ihre Abschweifungen richtig und interessant waren.“ Eine ganz besondere Gräßlichkeit sondersgleichen ist das Substantivieren von jedem und allem. Es verunstaltet jeden Text und erschwert das Lesen ganz ungemein. Es wäre zwar möglich, daß hochkomplexe Sachverhalte dargestellt werden, aber sehr viel wahrscheinlicher ist, daß da eine Menge gequirlter Scheißdreck zusammengebacken wurde, um die Aussagen zu vergeheimnissen. Häufig ein Anzeichen dafür, daß der Autor seine Darlegungen selbst nicht versteht, eine Art theologisches Dilemma. MINT – Fachleute müßten präzise formulieren können, wie die Mathematiker und Physiker, aber dummerweise werden diese Fächer von Adepten studiert, die in Deutsch bestenfalls eine vier haben, und auch nicht gern lesen. Man lasse sich einfach mal erklären, wie ein Programm funktioniert. Grauenvolles Radebrechen mit Begriffen, die die Brüder vermutlich selbst nicht verstehen. Mein wichtigster Software – Lieferant hat Germanisten eingestellt für diese Aufgabe, ein anderer beschäftigt Philosophen. Ein echter Knochenjob, sich das Zeug erklären zu lassen, zu verstehen, und dann sprachlich klar zu formulieren. Für die modernen Ingenieurwissenschaftler gilt das Phänomen übrigens auch. Die Altvorderen haben sich noch durch einen überaus präzisen Sprachstil ausgezeichnet. Noch was von Talleyrand (ich meine La Rochefoucauld): „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, seine Gedanken zu verbergen.“ Und um seine einzigartige Wissenschaft zu schüt-zen. Oder sein Handwerk. Und wer nur Spiegel liest, läuft Gefahr, sich Sprach- wie Denkfä-higkeit gnadenlos und irreparabel zu versauen. Kein Wunder, daß der Zwiebelfisch sich ge-rade hier großer Beliebtheit erfreut: „Was bin ich froh, ich bin nicht so.“
2. konkreter Zusatz
albert schulz 13.05.2012
Fetten, Kursivsetzen, Großbuchstaben, Einrücken und anderen Unfug wie Klammern sollte man tunlichst unterlassen. Das machen nur sprachlich nicht versierte Menschen, und derer gibt es gar viele. Ein guter Text spricht für sich selbst. Denken, Begrifflichkeit, Sprache sind eins. Es gab da mal den schönen Lehrsatz, daß die Form doch dem Inhalt entsprechen möge, und umgekehrt. Und gleich noch einen: es geht nicht unbedingt darum, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Einen Text einen Tag oder auch ein Jahr liegen zu lassen ist ebenfalls ein guter Trick. Der Text wird dadurch nie besser, aber man gewinnt Distanz. Fleischer nach Verlegetechniken für Abflußrohre zu befragen ist etwa so sinnvoll, wie wenn man Fußballspielern Fragen der Philosophie oder Politik vorlegt. Oder die arrogantesten Schnösel der Republik nach Bescheidenheit fargt. Oder die Piraten nach dem Urheberrecht.
3. Optimierungspotenzial ;-)
Michael Allers 15.05.2012
Enorm hilfreich ist auch eine schlüssige Gliederung, welche Autoren zu gedanklicher Klarheit und Lesern zu einem schnellen Überblick verhilft. Den Überschriften dieser Seite entnehme ich jedoch, dass es zu den fünf größten Fehler gehört, Ballast zu streichen, sprechende Automaten zu verbannen, Begriffsdrachen zu hinterfragen usw..
4. reine Selbstkritik
albert schulz 15.05.2012
Zitat von Michael AllersEnorm hilfreich ist auch eine schlüssige Gliederung, welche Autoren zu gedanklicher Klarheit und Lesern zu einem schnellen Überblick verhilft. Den Überschriften dieser Seite entnehme ich jedoch, dass es zu den fünf größten Fehler gehört, Ballast zu streichen, sprechende Automaten zu verbannen, Begriffsdrachen zu hinterfragen usw..
Das ist ein besonders abgefeimter und hinterhältiger Trick von SPON und dem Spiehel. Die Jungs lieben die Selbstkritik über alles, es ist fast ein Prinzip. Es ist durchaus empfehlenswert, weil es anregt.
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Valentin Groebner, Jahrgang 1962, wünschte sich ein Porträt von Sebastian Brant aus dem frühen 16. Jahrhundert, anstelle eines Autorenfotos. Groebner dazu: "Auch eine Sehnsucht von Professoren: Den berühmten älteren Kollegen zum Verwechseln ähnlich sehen. Ganz das Vorbild!" Wirklich? Er hat verschiedene Lehraufträge in der Schweiz und den USA. Seit März 2004 ist er Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Wie Groebner wirklich aussieht, sehen Sie

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