Witten/Herdecke: Absolventen sammeln 800.000 Euro für Krisen-Uni

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Es geht ums Überleben der privaten Universität Witten/Herdecke. Ex-Studenten haben viel Geld gesammelt, um eine "feindliche Übernahme" durch einen Investor zu durchkreuzen. Der will nicht als Bösewicht dastehen - ein Krisengipfel soll die Lösung bringen. Psychogramm einer Uni am Abgrund.

Daniel Berger kann es kaum fassen: "800.000 Euro in nur vier Tagen. Das ist doch irre." Der 38-Jährige sitzt im Büro seiner kleinen Biotechnologiefirma in Witten, einem Städtchen im Ruhrgebiet. Berger wohnt in der Nähe, in Wetter-Volmarstein. Weit ist er nicht weg von seiner ehemaligen Hochschule, der Privatuni Witten/Herdecke - auch emotional.

Suche nach den Millionen: Alumni und aktuelle Studenten wollen die Uni Witten/Herdecke retten
DPA

Suche nach den Millionen: Alumni und aktuelle Studenten wollen die Uni Witten/Herdecke retten

Als kurz vor Weihnachten Nordrhein-Westfalen Landesmittel von 4,5 Millionen Euro einbehielt, steuerte Deutschlands älteste Privatuniversität auf die Insolvenz zu. "Ich war empört", sagt Berger, "meine Freunde, wie ich Alumni, waren es auch."

An der Universität schätze er besonders, sagt Berger, dass "Wittener Studenten ihr Studium als Unternehmung begreifen". Und weil die Alumni dieses Studium akut bedroht sehen, haben sie etwas unternommen. Am letzten Freitag klemmten sie sich an die Telefone: Geld sammeln und die Uni retten. Dafür gründeten sie den Verein Alumni-Initiative UW/H. 250.000 Euro sollten zusammenkommen bis Donnerstag, bis zu einem weiteren Krisentreffen im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium. Und schon nach vier Tagen hatten sie Spendenzusagen über 800.000 Euro.

Die Uni steht am Abgrund, darum sind die Ziele des Vereins klar umrissen. "Witten/Herdecke braucht ein Investorenmodell", sagt Berger. Aber eben nicht irgendein Investorenmodell.

Ein Kampf von guten und finsteren Mächten?

Aus Sicht des Alumni-Vereins gibt es im Ringen ums Überleben genau zwei Parteien: hier die Streiter für die Ideen der Universität, die Guten, die den besonderen Wittener Geist und die Kultur bewahren wollen. Und dort einfluss- und renditehungrige Investoren mit egoistischen Interessen.

Gibt es diese Front wirklich? Und wer sind dann diese finsteren Mächte? Zu seinem Lager zählt Berger die Stiftung als Betreiber der Uni, das Kuratorium, den neuen Alumni-Verein und die Studenten, auch die Stiftung der Darmstädter Software AG. Dagegen beobachten Absolventen und Studenten die Näherung des Konzerns SRH Holding voller Argwohn, ebenso wie Eingriffe von NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).

Es geht um eine Neuverteilung der Gesellschafteranteile, um relevante Mitbestimmung an der Uni - dafür sammelt der Alumni-Verein. "Wenn das Spiel gespielt ist, wollen wir 50,1 Prozent behalten", sagt Berger. Aber auch 25,1 Prozent würden noch taugen - als Sperrminorität.

Das Kuratorium hat den Alumni zugesagt, jeden Spendeneuro mit einem weiteren aufzustocken. Damit steht das Konto schon bei 1,6 Millionen Euro. Mitmischen wollen die Alumni und anderen Investoren Grenzen aufzeigen: "Wer unser Geld will, der bekommt es mit uns zu tun", sagt Berger kämpferisch.

Ein "Grundgesetz" nennt er die vorläufige Vereins-Charta, die Eigenheiten der Uni betont: So soll sie laut Artikel 4 "gewährleisten, dass ausschließlich die individuelle Eignung über die Zulassung zum Studium entscheidet", nicht etwa das Geld eines Bewerbers. Auch soll sich die Hochschule verpflichten, "sozialverträgliche Alternativen zur Ableistung der Studiengebühren während des Studiums bereitzustellen". Erhalten bleiben müsse zudem das Studium Fundamentale mit wöchentlichen Kursen zur kulturellen, musischen und gesellschaftlichen Bildung.

SRH: "Kein Interesse an einer übergeordneten Rolle"

Diese Punkte zählen für die Alumni zum Kern der Uni, Investoren wollen sie mit der Charta ausbremsen - vor allem die Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) Holding. Der von Klaus Hekking geleitete Gesundheits- und Bildungskonzern betreibt sieben Kliniken sowie 30 Bildungseinrichtungen, darunter sechs private Fachhochschulen mit insgesamt rund 5000 Studenten. Bereits im Sommer 2007 bemühte sie sich um Wittener Anteile. Querelen ließen den Deal platzen, auch weil die Uni keinen großen Einfluss auf ihr Konzept zulassen wollte.

Heute sagt Nils Birschmann, Sprecher und Verhandlungsführer der SRH, die Hochschule habe sich damals "unmöglich" verhalten. Nun sitzt man abermals an einem Tisch - mit sehr unterschiedlichen Zukunftsvisionen.

Nach internen Protokollen der Universität, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, ist die Liquidität bis Ende Februar gesichert; die Februargehälter seien aber nicht gedeckt. Die SRH fordere eine Erweiterung des Fächerkanons und einen raschen Anstieg der Studentenzahl auf 3000 (bisher rund 1200) sowie "marktgerechte Studiengebühren". Präziser: Die Uni solle sich "auf Sicht" zu 70 Prozent aus Studiengebühren finanzieren, die SRH akzeptiere die Studierendengesellschaft in der bisherigen Form nicht.

Und vor allem: "Die SRH will bis zum Ende des Restrukturierungsprozesses eine gestaltende Mehrheit von 75 Prozent, um die notwendigen Maßnahmen zügig durchführen zu können", heißt es im Protokoll eines Gesprächs vom letzten Donnerstag. Damit könnte der Konzern allein über die Geschicke der Hochschule bestimmen. Aus Sicht der Alumni wäre es eine Art "feindliche Übernahme".

Nur schildert die SRH das ganz anders und will die Bösewicht-Rolle keineswegs annahmen: "Wir stehen nicht als Hauptgesellschafter zur Verfügung", sagte Sprecher Nils Birschmann SPIEGEL ONLINE, "wir wollen einer von fünf oder sechs gleichberechtigten Partnern sein." Auch ein Anteil von 25 Prozent oder mehr sei nicht angestrebt. Birschmann: "Wir haben kein Interesse an einer übergeordneten Rolle."

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Forum - Die Pleite von Witten/Herdecke - wäre sie ein Verlust?
insgesamt 169 Beiträge
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1.
Als_Tom 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Nein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
2.
Kojo T 17.12.2008
Kein Verlust - ein Gewinn. Elite ist nicht per Definition herstellbar, auch nicht unbedingt durch teure Experimente, sondern durch Leistung. Experimente wie auf Massenfächer konzentrierte Uni-Neugründungen fördern höchstens die Profilierung Einzelner. Zur Behebung von Engpässen in NC-Fächern wäre auch ein Ausbau bestehender Ressourcen zweckmäßiger. Eine gewisse Kontinuität, eine Leistungstradition, wäre förderlich. Eliteförderung könnte wesentlich stringenter und kostengünstiger an kleinen, klassischen Universitäten eingeführt und betrieben werden.
3.
Baikal 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Ja, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
4.
trendy_randy 17.12.2008
Zitat von BaikalJa, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in.....
Pinkwart hat schon so einige Dinger gucken lassen. Und jetzt solche Äußerungen als FDP-Mitglied. Gleichmacherei ist doch eher anderen vorbehalten - diese Partei stellt sich als liberal dar? Als Förderer des Individuums und der Individualität? Schade wär´s wenn die Hochschule dicht machen müsste - eine Schande wär´s, wenn die FDP der Sargnagel wäre!
5.
Arthi 17.12.2008
Zitat von Als_TomNein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese ....
Die Private Schule muss auf die Einnahmen schauen. Würden viele dort scheitern oder schlechte Noten bekommen,würde der Ruf schlecht leiden. Dann bliebe der Nachschub und somit die Gelder aus. Die Abschlüsse müssten also irgendwie von staatlicher Seite überprüft werden.
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