Jungmediziner helfen Obdachlosen: Verarzten, wen die Kollegen wegschicken

Von Almut Steinecke

Diese Patienten sitzen selten in normalen Arztpraxen: Obdachlose, Drogenabhängige und Unversicherte können sich in der Hagener Ambulanz "Luthers Waschsalon" behandeln lassen - von Medizinstudenten. Die angehenden Ärzte lernen dort deutlich mehr als Verbinden und Zähne füllen.

Sozial engagierte Studenten: Wie angehende Mediziner Obdachlosen helfen Fotos
Matthias Jung

"Beschissen!" Martin Schmidt* antwortet unmissverständlich auf die Frage, wie es ihm heute geht und fasst sich mit einer Hand an die Brust: "Ich kriege kaum Luft, kann man hier mal ein Fenster aufmachen?" Dann plumpst der 41-Jährige in den Behandlungsstuhl, atmet aus, wird ruhiger. Normalerweise regt sich der ängstliche Asthmatiker länger auf, wenn ihm eine Zahnbehandlung bevorsteht. Aber dem jungen Mann, der ihn gleich verarzten wird, und der sich gerade so freundlich nach seinem Befinden erkundigt hat, dem vertraut Schmidt.

Dabei ist der junge Mann erst 23 und steckt noch mitten im Studium. Doch Schmidt, gelernter Maler und im Moment arbeitslos, sitzt auch nicht in einer gewöhnlichen Zahnarztpraxis. Aus "Panik vor dem Bohrer" war er so lange nicht mehr in Behandlung, dass er schon jetzt ein Gebiss bekommen muss. Aber "Zähne kosten richtig Kohle" - und die hat er im Moment nicht. Deshalb sitzt Schmidt jetzt in "Luthers Waschsalon" in Hagen. Gemeinnützige Einrichtungen für sozial Bedürftige und Obdachlose gibt es in den meisten Städten, hier jedoch sind es Studenten wie der 23-jährige Denis Meermann, der jetzt in Schmidts Mundhöhle äugt.

Zusammen mit seiner zwei Jahre jüngeren Kommilitonin Beatrice Baatsch, die ihm heute assistiert, studiert Denis Zahnmedizin an der Universität Witten-Herdecke. "Die Arbeit in Hagen weitet den Blick", sagt Beatrice. Man bekäme ein Gefühl dafür, "dass man sich die Schicht seiner Patienten nicht aussuchen kann. Und auch nicht aussuchen wollen sollte". Hier zehrt sie von dem Grundgedanken, "dass man einfach jeden Menschen gut versorgen und behandeln sollte".

Die jungen Studenten verringern die Hemmschwelle

"Luthers Waschsalon" nahe des Hagener Hauptbahnhofes wurde 1997 von der Bahnhofsmission und der Lutherkirchengemeinde gegründet, um fehlende Duschen und Waschmöglichkeiten für Menschen am Rande der Gesellschaft zu ersetzen - daher der Name. Das Angebot wurde zunächst durch eine Ambulanz des Allgemeinen Krankenhauses erweitert, doch schnell fehlte das nötige Personal. Daraufhin stieg vor neun Jahren Deutschlands älteste Privatuniversität Witten-Herdecke (UWH) ein und bietet seither kostenlos medizinische Behandlungen an: Zweimal pro Woche arbeiten Medizin- und Zahnmedizinstudenten in der Einrichtung - unter Aufsicht von zugelassenen Ärzten.

Einerseits spiegelt der soziale Einsatz die Ideale der Privatuni wider: Persönlichkeitsbildung, Interdisziplinarität und soziale Verantwortung. Für die Zahnmedizinstudenten ist eine Hospitation im "Waschsalon" verpflichtender Bestandteil des Lehrplans. Ab dem siebten Semester üben sie hier das Anfertigen einer Prothese oder das Füllen eines Zahns.

Gleichzeitig sei es in "Luthers Waschsalon" sogar von Vorteil, dass die Studenten noch kein typisches ärztliches Verhalten an den Tag legen, sagt Paul Jansen, 55, einer der Gründer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Witten-Herdecke und Allgemeinmediziner. Die Natürlichkeit der Studenten vertrage sich nämlich gut mit der "inneren Unordnung" der "Waschsalon"-Patienten.

"Obdachlose Menschen haben keine geordnete Struktur im Alltag, und erleben sich oft als ausgegrenzt und nicht akzeptiert", sagt Jansen. Aufgrund mangelnder Körperhygiene durch das Leben auf der Straße schämten sie sich häufig auch, eine normale Arztpraxis zu betreten. "Hier bieten die Studenten also ein Angebot, dass eine niedrigere Hemmschwelle für viele bedeutet", so Jansen.

Fünf bis zehn Prozent der Deutschen sind nicht krankenversichert

So empfindet es auch Patient Schmidt: "Die Leute hier sind alle viel sympathischer. Die treten mir anders gegenüber", sagt er. Er gehört zu dem Großteil der Patienten hier, mehr als die Hälfte ist männlich und zwischen 40 und 60 Jahre alt. Fünf bis zehn Prozent der obdachlosen und sozial bedürftigen Menschen, die "Luthers Waschsalon" aufsuchen, haben keine Krankenversicherung, und können deshalb gar keinen normalen Arzt aufsuchen. Dieser Fall kann trotz der seit 2007 in Deutschland geltenden allgemeinen Krankenversicherungspflicht eintreten, wenn beispielsweise Selbstständige die Beiträge nicht bezahlt haben.

Die oft stark vernachlässigte Mundhygiene der Patienten sei anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig, gibt Beatrice zu. Doch ihre Reaktion ist pragmatisch, nicht pikiert: "Da muss man mit allem rechnen, und das ist nicht so das, was man sonst so sieht", sagt sie. "Auf der anderen Seite ist das bei jedem gleich. Wenn man Zähne nicht putzt, sehen sie bei jedem ungeputzt aus. Und ich habe ja die Geräte um das zu ändern, dann führe ich eben eine professionelle Zahnreinigung durch."

Stephanie Sperling behandelt auch im "Waschsalon". Der 25-Jährigen macht die Arbeit so viel Spaß, weil sie das Gefühl hat, "dass die Patienten es hier einem viel mehr danken, wenn man etwas für sie tut". Und sie beobachtet gerne, wie Menschen, die sie zunächst als "sehr, sehr zurückhaltend" erlebt, nach und nach "immer vertrauensvoller" würden.

Zwischen zwei und fünf Patienten behandeln die Studenten an einem Vormittag. Der pensionierte Zahnarzt Hans Ritzenhoff, 73, beobachtet jeden Handgriff von Denis und Beatrice, als sie mit zusammengezogenen Augenbrauen, die Gesichter halb verdeckt vom Mundschutz, Wachsmodelle schnitzen für die Prothese von Hartz-4-Empfänger Schmidt.

"Normale Ärzte wollen solche Patienten meist nicht haben"

Für zehn Euro pro Einsatz reist Ritzenhoff zweimal pro Woche mit dem öffentlichen Nahverkehr von Solingen nach Hagen. Und auch sonst lebt der Waschsalon von sozialem, ehrenamtlichen Engagement. So wandern die Modell-Prothesen von Denis und Beatrice später in das Dentaltechniklabor von Zahntechniker Frank Löring auf dem Campus Witten-Herdecke. Löring trägt die Kosten selbst, über 10.000 Euro werden es dieses Jahr wohl werden, schätzt er.

Im Gegensatz zu den angehenden Zahnärzten sind Studenten der Humanmedizin in "Luthers Waschsalon" in erster Linie beratend tätig. Sie werden laut Jansen der Behandlung durch einen Allgemeinmediziner vorgeschaltet, als Eisbrecher sozusagen. Ihre Einsätze können sich die Humanmedizin-Studenten als Praktikum anrechnen lassen, das sie allerdings auch in einer Klinik absolvieren könnten. Die freiwilligen Einsätze im "Waschsalon" haben jedoch einen besonderen Lerneffekt, sagt Jansen. Bei der geballten Begegnung mit zum Teil alkoholkranken, drogensüchtigen und obdachlosen Menschen trainierten die Studenten "soziale Verantwortung, Möglichkeiten und Grenzen des Gesundheitssystems für Randgruppen sowie den Umgang mit Menschen in Notlagen".

Fähigkeiten, die einigen Göttern in weiß mit der Zeit abhanden kommen. Mit einem bedauernden Schulterzucken sagt Ritzenhoff: "Die Kollegen in der Praxis wollen solche Patienten nicht haben. Es sei denn, sie haben eine soziale Ader."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Nicht hinreichender Bericht?
Ursprung 30.05.2012
Zitat von sysopMatthias Jung Diese Patienten sitzen selten in normalen Arztpraxen: Obdachlose, Drogenabhängige und Unversicherte können sich in der Hagener Armen-Ambulanz "Luthers Waschsalon" behandeln lassen - von Medizinstudenten. Die angehenden Ärzte lernen dort deutlich mehr als Verbinden und Zähen füllen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,833502,00.html
Wenn die angegebenen Zahlen ueber Unversicherte stimmen, duerfte es Millionen an Kunden fuer solche Behandlungseinrichtungen geben. Dafuer sind 2 Tage offene Tuer fuer kostenlose Zahnbehandlungen in dem schoenen Orte Hagen etwas duenne. Die Schlangen waeren (oder werden nun?) kilometerlang. Irgendwas scheint in dem Bericht also nicht hinzureichen.
2. Kopf unterm Arm
dick_&_durstig 30.05.2012
Zitat von UrsprungWenn die angegebenen Zahlen ueber Unversicherte stimmen, duerfte es Millionen an Kunden fuer solche Behandlungseinrichtungen geben. Dafuer sind 2 Tage offene Tuer fuer kostenlose Zahnbehandlungen in dem schoenen Orte Hagen etwas duenne. Die Schlangen waeren (oder werden nun?) kilometerlang. Irgendwas scheint in dem Bericht also nicht hinzureichen.
Wenn alle Kranken, wie diese hier, erst mit dem Kopf unterm Arm einen Arzt aufsuchen würden, wäre unser Gesundheitssystem saniert. S. fehlender Andrang.
3. Hut ab !
ernesto c 30.05.2012
Zitat von sysopMatthias Jung Diese Patienten sitzen selten in normalen Arztpraxen: Obdachlose, Drogenabhängige und Unversicherte können sich in der Hagener Armen-Ambulanz "Luthers Waschsalon" behandeln lassen - von Medizinstudenten. Die angehenden Ärzte lernen dort deutlich mehr als Verbinden und Zähen füllen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,833502,00.html
Hut ab vor Luthers Waschsalon und den Hagener Medizinstudenten ! Das Beispiel ist so gut, dass es Schule machen muesste.
4. Das Beispiel macht Schule...
Schlangenzung 30.05.2012
Zitat von ernesto cHut ab vor Luthers Waschsalon und den Hagener Medizinstudenten ! Das Beispiel ist so gut, dass es Schule machen muesste.
aus Erzählungen eines jungen Arztes weiß ich, dass auch anderswo in Deutschland junge Ärzte ehrenamtlich Dienst in Ambulanzen für Unversicherte tun. Man hängt das meist nicht an die große Glocke, weil man vermeiden will, dass die Vertreter der "Ausländer raus"-Fraktionen eines Stadtparlaments auf die Idee kommen, in solchen Ambulanzen die Aufenthaltspapiere ausländischer Patienten überprüfen zu lassen.
5. weiß nicht so recht
Anna Konda 30.05.2012
was ich davon halten soll.... Das sind doch keine Übungspuppen! Das sind Menschen mit ernsthafen Gesundheitsproblemen - denen steht ein Arzt zu, kein Student mit sozialer Ader.... Was mich beruhigt, ist dass immerhin noch ein fertiger Arzt mit draufguckt. Bei den Zahnärzten - hey, super. Ist bei uns in der Zahnklinik auch so, dass man sich im Studentenkurs behandeln lassen kann. Dauert ewig (auch mal Monate für ne Krone), aber dafür immerhin nur für die Materialkosten. Das ein Vollgebiss nun wiederum völlig kostenfrei sein soll, da muss ich gestehen, kommt dann doch mein Sozialneid durch...
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