Wlada in Amerika: Lass dich erobern, New York
In New York gilt: Du bist, wo du wohnst. Vor der Hektik in Manhattan flüchtet Studentin Wlada Kolosowa, 25, und züchtet lieber Tomaten in Brooklyn. Sie findet die Stadt überraschend gemütlich. Nur die Betreuung an der Uni ist ihr zu persönlich: Sie muss erklären, warum ihre Handgelenke verbunden sind.
In New York ist die Adresse dein wichtigstes Accessoire. Deine Postleitzahl ist wie ein Barcode, anhand dessen deine Identität gescannt und schubladisiert wird. Die Bronx ist tough, Brooklyn ist groß und stellenweise hip, Queens schläfrig, über Staten Island braucht man erst gar nicht zu sprechen und Manhattan ist sich sein eigenes Adjektiv. Und das ist nur die grobe Orientierung: In diesen fünf großen "boroughs" gibt es Hunderte Nachbarschaften, Viertel, Straßen und Sträßchen, deren Bewohner so stolz darauf sind, als hätten sie eigenhändig ihren Grundstein gelegt.
Der Journalist Simon Hoggart sagte einst: "Das Erste, das du von Menschen in Washington D.C. erfährst, ist ihr Job. In Los Angeles erzählen sie dir zuerst ihr Sternzeichen. In Houston, wie reich sie sind. Und in New York, wie teuer ihre Miete ist." Und außerdem erzählen New Yorker gern und ausführlich, welche Gegend am besten für dich ist. Also ihre eigene. Insgesamt gibt es zwischen 250 und 300 Viertel in der Stadt. Die Menge, die Auswahl und die Preise paralysieren. Also überließ ich dem Schicksal die Entscheidung. Und das hat ganze Arbeit geleistet: Eine gute Seele leitete meine hilfesuchende Rundmail weiter, ein kleines Wunder geschah, ein paar Stunden später hatte ich ein Zimmer in Clinton Hill, Brooklyn.
Bisher bedeutete New York: Bewegung! Eine Hetzjagd nach den Möglichkeiten zwischen Glas und Stahl, ein erhitztes Reagenzglas, dessen Moleküle im Fast-Forward-Modus herumschwirren. In Clinton Hill ist alles eher Backstein und Slow-Motion. Nur zehn U-Bahnminuten von Manhattan entfernt wachsen Tomaten in den Gärten, hat jeder ein Fahrrad und immer Zeit für ein Pläuschchen. Das Einheimischen/Hipster-Verhältnis ist noch nicht gekippt. Abgesehen von ein paar asymmetrischen Haarschnitten sind auf der Straße hauptsächlich chassidische Locken zu sehen, Cornrolls und Afros, deren Träger mir "Baby", "Darlin'", "Luv" und "Killer Ass" hinterherrufen.
Auf dem Sofa mit grünen Weltrettern
Jay nennen sie "Little Mrs. Snowflake". Er ist einer meiner Mitbewohner. Insgesamt gibt es drei davon, zwei Männer, eine Frau. Allesamt grüne Weltenretter mit Spitzen-Abschlüssen. Amerikanische Laxheit bei der Mülltrennung wird es wohl hier nicht geben.
Dafür habe ich auch nie erwartet, dass New York so gemütlich sein kann! Das Riesensofa im Wohnzimmer verschluckt einen bis zu den Ohrenspitzen, auf der Terrasse wachsen Biokräuter, und wenn man aufs Dach klettert, kann man sogar ein Stückchen Empire State Building sehen. Vorerst reicht mir der Zipfel. In einer Stadt, in der dauernd Geschichte geschrieben wird, lässt sich anscheinend ganz wunderbar daran vorbeileben.
Statt in Manhattan Wolken zu kratzen, verkieze ich. Also fast. Viermal die Woche muss ich zur Uni nach Manhattan. Die ist so putzig, dass man eher Schule dazu sagen will. Die New York University hat fast 40.000 Studenten, die Abteilung für Kreatives Schreiben passt aber in ein kleines Brownstone-Haus mit einer Handvoll Klassenzimmern, einem Kamin und einer Trillion Bücher. Im Unterricht werkeln wir handfest an unseren Kurzgeschichten, bis jemand von seiner Belesenheit übermannt wird und anfängt über "fragmentierte Narrative" und "undurchdringlichen Text-Sound" zu quatschen. Die Schlauberger werden aber recht schnell zum Schweigen gebracht.
Die Hälfte der zehnköpfigen Klasse hat eine sorgfältig gepflegte künstlerische Marotte, und auch ich hatte meinen großen Drama-Auftritt. Kurz vor dem Abflug habe ich mir beim Kaffeemachen das rechte Handgelenk verbrannt und am ersten Uni-Tag zu enge Bekanntschaft mit meinem heißesten Mitbewohner geschlossen, dem Teekessel. Nach der Stunde nahm mich die Professorin beiseite und sagte, dass ich jederzeit mit ihr reden könne. Zehn Tage zu spät zur Uni, verbundene Handgelenke. Ich glaube, die Visa-Geschichte, bei der ich mich mit dem Konsulat rumschlagen musste, nimmt mir hier keiner ab.
Wo fängt die Eroberung an?
Abends schleppe ich kiloweise Bücher nach Brooklyn. Die Versuchung ist groß, sich mit all den Wälzern, die ich lesen muss, gegen New York zu verbarrikadieren. Langsam ist es aber an der Zeit, die Stadt zu erobern. In der ersten Woche war der Supermarkt aufregend genug: 112 Sorten Cornflakes! Kaugummi in Geschmacksrichtung Apfelkuchen-mit-Vanilleeis! Käse aus der Sprühflasche! Aber ich mache Fortschritte: Der U-Bahn-Fahrplan sieht nicht mehr aus wie ein Haufen Spaghetti. Ich habe die Sache mit Downtown und Uptown gecheckt, aufgehört, den Taxis mit ausgemachten Lichtern herzuwinken (besetzt!) und weißen Trucks nachzurennen (nicht jeder von ihnen ist ein Mr. Softee Eiscreme-Wagen!). Ruft mir jemand auf der Straße im Vorbeigehen ein "What's up" zu, behalte ich mein Wohlergehen inzwischen für mich.
Wenn ich zur Rushhour mit der schwitzigen Wange gegen das beschlagene Zugfenster gequetscht werde und New York mich halb umarmt, halb erwürgt, fühle ich mich als ein Teil des Ganzen. Die Mitfahrer sind keine Fremden, sie sind Teammates gegen die Härten der Stadt! Eins zu null für uns! Wir drücken uns gerade kameradschaftlich-verschwitzt nach einem gewonnenen Tag. Das Gute an New York: Man gehört dazu in fünf Minuten genauso wie in fünf Jahren, sagte der Autor Tom Wolfe. Andererseits: Man kann auch 50 Jahre hier leben und kann die Stadt trotzdem nicht sein Eigen nennen. Wo fängt man mit der Eroberung an? Mehr als 120 Museen, 1700 Parks und Erholungsorte, 24.000 Restaurants...
Bis ich eine Aktivität ausgesucht habe, dunkelt es bereits. Um ehrlich zu sein, reicht auch die theoretische Fülle des Kulturangebots, um sich wie ein New Yorker zu fühlen. Ich erkunde erst mal unser Sofa aus der Nahperspektive.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Long Island sei einer der fünf New Yorker Stadtbezirke. Gemeint war jedoch Staten Island. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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- Montag, 12.11.2012 – 13:02 Uhr
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- Wlada Kolosowa, 26, hat in Berlin studiert und ihr Heimatland Russland erkundet. Jetzt ist sie nach New York gezogen, um einen Master in "Kreativem Schreiben" zu machen. Für den UniSPIEGEL berichtet sie von ihrem Neustart in Amerika.
Moritz Vennemann
- Wlada Kolosowa:

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