Haie sterben, wenn kein Wasser durch ihre Kiemen strömt. Manche Haiarten müssen daher ständig in Bewegung bleiben. Manchmal stelle ich mir New York vor als einen riesigen Hai: schnell, mit scharfen Zähnen und ständig in Bewegung.
Die großen Flughäfen pumpen Leben in die Stadt, 24 Metrolinien, mehr als 200 Buslinien, etwa 13.000 Taxen, außerdem Fähren, Fahrradtaxen und Helikopter-Shuttles. Und natürlich all die Unermüdlichen, die sich mit den Coffee-to-go-Bechern in der Hand zu den Galerie-Eröffnungen durchkämpfen, zu den Lesungen, den Cross-fit-Workouts und den Picklebacks an der Bar (Whiskey-Shots, die mit Gurkenwasser runtergespült werden). In kaum einer anderen Stadt peitschen die Möglichkeiten so sehr an einen heran. In kaum einer anderen Stadt scheinen Uhren so sehr wie Stoppuhren, die unentwegt daran erinnern, dass wir zu kurz auf der Erde sind, um alle Gelegenheiten zu nutzen.
Der Vorteil an Großstädten: Für jeden, der sich auf den Weg machen will, gibt es ein Ziel. Selbst bei den absurdesten Interessen findet sich ein Gleichgesinnter, ein Mit-Leidender für jedes Problem. Allein die Liste von New Yorker Selbsthilfegruppen ist lang: Da ist zum Beispiel die Menstruationsschmerzen-Unterstützungsgruppe, da sind die anonymen Workaholiker, da ist die Haustierverlust-Support-Group, der Brustfütterungs-Treff oder das Hilfsangebot unter dem Titel "Doktorand und verwirrt in New York".
Der Nachteil an Großstädten: Der Weg ist meist länger als der Aufenthalt. Manchmal überlege ich mir, in der U-Bahn meinen Hauptwohnsitz anzumelden, zumal die Monatskarte nur ein Zehntel der Miete kostet.
Die U-Bahn, der Gleichmacher und gesellschaftliche Motor
"In der New Yorker U-Bahn sitzen Donald Trump, Woody Allen, ein Crack-Abhängiger und Otto-Normalverbraucher im selben U-Bahn-Abteil", sagte der Schauspieler und Regisseur Ethan Hawke einmal. Nach vier Monaten New York kann ich zu seiner Liste hinzufügen: Hassprediger, eine pummelige Rothaarige, die an der Haltestange strippt, ein Haus-Frettchen und ein Verwahrloster, der echte Dollarscheine an Fahrgäste verteilt.
An Wochentagen kutschiert die U-Bahn über fünf Millionen Menschen durch die Stadt. New York hat eines der längsten U-Bahnstreckennetze der Welt. Würde man alle Gleise verbinden, würden sie bis nach Chicago reichen. Linie A fährt die längste Strecke - fast 50 Kilometer - und wird von Obdachlosen liebevoll A-Hotel genannt, weil man fast zwei Stunden bis zur Endstation schlafen kann.
Augenkontakt wird meist vermieden. Es ist der Versuch, ein wenig Privatsphäre im Menschenmoloch zu gewähren. Die U-Bahn ist nicht nur ein freundlicher Ort, sie ist eine Vision davon, wie das multikulturelle Amerika gern wäre: Egal, welche Hautfarbe oder welches Jahreseinkommen du hast - alle sitzen im gleichen Zug und keiner kommt schneller an als der andere.
Die U-Bahn ist aber auch ein Sinnbild für den sozialen Aufstieg: Jennifer Lopez benannte ein Album nach der Linie 6, die ihr Viertel in der Bronx mit Manhattan verbindet. Rapper Jay-Z soll mit seinem Künstlernamen unter anderem auf die Linie J/Z anspielen, die ihn von Sozialwohnungen in Brooklyn zum Glanz der City transportierte. Nun ja, es hat geklappt: Ich bezweifele, dass die beiden die U-Bahn in den vergangenen 15 Jahren von innen gesehen haben. Jay-Z nimmt jetzt auch mal den Hubschrauber und J-Lo fährt Fahrrad auf Long Island, zumindest in einem Video für ein Frauenmagazin.
Angsterfüllt durch den Verkehr
Ich fahre auch im echten Leben Fahrrad. Und ich habe oft Angst dabei. In Berlin wähnte ich mich auf dem Fahrrad eher an der Spitze der Verkehrs-Nahrungskette: Fußgänger hatten Angst vor mir, Autofahrer hatten Angst, mich zu verletzten. In New York fühle ich mich eher wie Plankton neben all den Geländewagen-Walen und Lastwagen-Dinosauriern.
Vorher hat mir mein Kokon aus Selbstgerechtigkeit als Schutzkleidung gereicht: Wer kann mich denn guten Gewissens überfahren, während ich mir und der Welt den Hintern rette, vor Cellulite und Abgasen? In New York würde ich am liebsten drei Fahrradhelme übereinander tragen.
Das Unfallrisiko für Fahrradfahrer hat sich über die Jahre zwar verringert, sagt die New Yorker Verkehrsbehörde. Rund 500 Kilometer Fahrradwege wurden zwischen Sommer 2006 und Sommer 2012 angelegt, die Anzahl der Fahrradpendler hat sich zwischen 2007 und 2011 mehr als verdoppelt. Trotzdem sind sie immer noch in der Minderheit: Eine halbe Million New Yorker fährt nach Angaben der Behörde Fahrrad.
Zusammen mit behelmten Kameraden, wiesele ich mich täglich durch die hupende, pupsende Automasse. Trotz und Adrenalin pumpt durch unsere Adern. An den Ampeln treffen wir uns wieder: mit geteerten Lungen und tropfnass. Manchmal glaube ich: Die Hälfte davon ist Angstschweiß.
"Das Auto ist nutzlos in New York, unentbehrlich überall woanders. Genauso ist es mit guten Manieren", sagte Mignon McLaughlin, die Autorin des "Handbuchs für Neurotiker". Die meisten New Yorker geben ihr recht: In Manhattan haben drei Viertel der Haushalte kein Auto - verglichen mit noch nicht einmal zehn Prozent im Rest des Landes. Autofahrer werden halb mitleidig, halb vorwurfsvoll belächelt: Arme CO2-Schmutzfinken in ständiger Suche nach einem Parkplatz! Ein New Yorker Paradoxon: Niemand hat ein Auto, aber jeder einen Freund, der ein Auto hat. Irgendwann muss schließlich jeder zu Ikea.
Beim Weihnachts-Schrottwichteln habe ich einen Glückskeks bekommen. Darin stand: "Wer fliegen will, muss loslassen können, was ihn runter zieht." Am nächsten Tag habe ich festgestellt, dass in New York eher gilt: "Wer fliegen will, muss erst mal zum Flughafen kommen." Ich habe meinen Flieger nach Deutschland verpasst, zwei Tage vor Weihnachten. Langes Drama kurz erzählt: Busshuttle zum Flughafen zusammengebrochen, Supermegastau, zwei Stunden zu spät am Flughafen, Check-in zu, kilometerlange Umbuchungsschlange, Tränen, Telefonflüche, müde Angestelltenaugen unter Weihnachtshüten. Eine Dame mit Rudolph-Geweih stellte mich vor die Wahl: 3000 Euro für eine Umbuchung auf morgen zahlen, oder an Heiligabend im Flieger sitzen.
Ich seufzte und fuhr zurück in die Stadt, zu Laura, die momentan ein paar Blocks neben dem Times Square lebt. Wir tranken Tee und viel Wein. Wir mussten nirgendwo hin, wir schauten nicht auf die Uhren. Wenn man der Zeit hinterher jagt wie einem Verbrecher, wird sie sich wie einer verhalten und immer davon rennen - das gilt auch in New York.
Den nächsten Tag verbrachten wir im Bett und hörten all den Hupen zu, den Eiscremewagen, den Bremsen und den Flüchen der Fahrradfahrer, all den sporadischen Zuckungen des Nervensystems der Stadt. Wir selbst bewegten uns kein Stück.
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