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Wohnungsnot in Amsterdam: "Hier kannst du im Bikini im Garten liegen"

Amsterdamer Studenten werden oft gefragt, ob sie Holzschuhe tragen und Joints rauchen. In Wahrheit kämpfen sie vor allem gegen die eigene Obdachlosigkeit. Mit rabiaten Vermietern und schlüpfrigen Angeboten muss man bei der Zimmersuche rechnen, weiß Verena Bardtholdt.

Deutsche, die in Amsterdam studieren wollen, starten mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Intensivkurs Niederländisch für Deutsche. In sechs Wochen lernt man an der Universiteit van Amsterdam, Worte zu verkleinern und Deklinationen zu vergessen.

Das beste am Sprachkurs ist aber, dass man in einem Zimmer der wenigen Studentenwohnheime unterkommt. Denn leider ist damit nach dem Sprachkurs Schluss, weil es lange Wartelisten für diese Zimmer gibt. Und wer noch nicht seit Jahren auf so einer Liste eingeschrieben ist, hat in Amsterdam abenteuerliche Zeiten vor sich.

Die Zimmergesuche an überfüllten schwarzen Brettern sind ein erster Hinweis auf den Ernst der Lage. Findige Aushangschreiber texten Anzeigen, in denen das Wort SEX ganz groß geschrieben wird. Die Idee dahinter: So brüllt die eigene Anzeige am lautesten vom Schwarzen Brett - und vielleicht hört das ja gerade jemand, der tatsächlich ein Zimmer zu vermieten hat. Andere versuchen es mit klassischen Kleinanzeigen, mit Belohnungen oder schreiben sich bei kostenpflichtigen Agenturen ein, die optimistische Namen wie "Direct Wonen" tragen.

Prügelkommando im Hausflur

Wer sich traut, kann auch ein leerstehendes Haus oder Büro besetzen. Hausbesetzen, sogenanntes Kraken, ist in den Niederlanden nämlich erlaubt, vorausgesetzt das Haus stand mindestens ein Jahr lang leer, ohne dass in dieser Zeit Renovierungsarbeiten stattgefunden haben. Doch die meisten Suchenden landen schließlich trotz aller Kreativität in Sozial- oder Genossenschaftswohnungen, die zu Mondpreisen illegal untervermietet werden.

Jürgen, 28, und ein paar Freunde hatten zu ihrer großen Freude eine Wohnung gefunden. Jenseits des Hafens in Amsterdam Noord durften sie sich zu fünft eine Dreizimmerwohnung teilen, die Miete von damals noch 3500 Gulden (knapp 1600 Euro) auch. Die WG war damit zufrieden. Eines Tages meldete sich dann der zwielichtige Vermieter. Unerwartet und grundlos wollte er die Studenten, entgegen allen Amsterdamer Mietgesetzen, plötzlich rauswerfen.

Als sich die WG weigerte, die Wohnung zu verlassen, stellte der Vermieter einfach die Heizung ab. Die Studenten dachten an ein technisches Problem, Jürgen ging in den Hausflur, um den Sicherungskasten zu kontrollieren. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass was passieren könnte", sagt er.

Es passierte aber was: Im Flur wurde er von einer Gruppe Männer und seinem Vermieter überfallen und zusammengeschlagen. Danach haben die Studenten die Wohnung schnell geräumt und sind in einem Hochhaus in Zuidoost, Amsterdams sozialem Brennpunkt, untergekommen.

Baden im Kübel auf dem Balkon

So gefährlich geht es selten zu, kleinere Probleme dagegen sind normal. Beate, 29, war heilfroh, als sie nach verzweifelter Suche ein legales Zimmer in schöner Lage fand. Endlich Ruhe in den eigenen vier Wänden. Ein Zimmer, ein Bett und ein paar Mitbewohner im gleichen Flur - beinahe normale Wohnzustände. Der Haken: Beate musste die nächsten zwei Jahre entweder in einem Kübel auf dem Balkon baden oder bei Freunden duschen. Zum Zimmer gehörten nämlich ein Klo und eine cholerische Hausverwalterin, aber kein Bad.

Sarah, 28, hatte gerade eine Wohnung illegal untergemietet. Kurz nachdem sie eingezogen war, wurde sie dann stutzig - Gerichtsvollzieher standen vor ihrer Tür. Als Sarah den Namen des Vermieters auch noch auf einer Schuldnerseite im Internet fand, verließ sie die Wohnung fluchtartig. Ohne Mietvertrag hätten die Gerichtsvollzieher nämlich einfach ihre Habseligkeiten mitnehmen dürfen.

"Und hier kannst du im Sommer im Bikini im Garten liegen" - dieses verlockende Angebot machte mir ein alter Mann auf Socken in einem Zimmervorstellungsgespräch und kniff mir dabei beherzt in den Arm. Opa Ben bot ein Kellerzimmer ohne Fenster an. Die zwei Kolumbianerinnen, die dort zu der Zeit noch wohnten, wollte er rauswerfen. Sie hätten ihm mit der Mafia gedroht, das lasse er sich nicht bieten. Da habe ihm die vorige Mieterin doch besser gefallen - eine Nudistin, die gern nackt mit ihm Fernsehen geguckt habe.

Prima Stoff für Gute-Nacht-Geschichten

Wahrscheinlich war dieses Gespräch der Grund dafür, dass ich bald darauf bei einem fanatischen Christen einzog. Adriaan verbot zwar jeglichen Besuch in seinem Haus, aber wenigstens konnte er nicht eklig werden, während er fünf Mal in der Woche in der Kirche sang.

Die Stadt Amsterdam reagiert auf die schwierige Wohnungslage mit Initiativen wie Wohncontainern für Studenten. Bis 2010 sollen rund 5000 weitere Studentenunterkünfte gebaut werden. Allein an der Universität von Amsterdam gibt es aber 25.667 Studenten. Es muss also noch viel mehr passieren. Das Problem in Amsterdam ist schlicht, dass es hier zu voll ist - schon heute leben 4459 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Trotzdem ist Amsterdam eine tolle Stadt zum Studieren. Die Wege sind hübsch und kurz, die Sprache ist gar nicht so schwer, und die Uni kümmert sich beinah liebevoll um ihre Studenten. Außerdem bieten die Wohnungsdramen später einmal prima Stoff für Gute-Nacht-Geschichten.

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