Zivi für drei Monate: Studienstart sticht Dienst am Vaterland

Münsteraner Richter haben einem jungen Mann seinen Dienst am Vaterland stark verkürzt. Der Zivi hatte einen Studienplatz an einer Top-Uni sicher, doch um ihn anzunehmen, musste er vorzeitig aus dem Dienst scheiden. Geht nicht, sagte das Bundesamt. Geht doch, urteilte das Gericht.

Gerichtsurteil: Für einen angehenden BWL-Studenten fiel sein Zivi angenehm kurz aus Zur Großansicht
DPA

Gerichtsurteil: Für einen angehenden BWL-Studenten fiel sein Zivi angenehm kurz aus

Einen Studienplatz in einem Massenfach zu bekommen ist heutzutage schwer. Froh kann sein, wer für sein Wunschfach und in seiner Wunschstadt einen Platz bekommt - und den dann auch antreten kann. Einem Abiturienten, der seit 1. Juli Zivildienst leistet, wollte das Bundesamt für Zivildienst allerdings einen Studienstart zum kommenden Wintersemester verwehren.

Elf Tage nach Dienstantritt hatte der junge Mann Post von der TU München erhalten, darin eine Zusage für einen Studienplatz in dem begehrten Fach BWL. Ein Studium an einer Top-Uni - das er aber wegen seines Zivildienstes nicht hätte antreten können.

Eine besondere Härte, die laut Gesetz ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Zivildienst ermöglicht, wollte das Bundesamt dennoch nicht erkennen und verweigerte die vorzeitige Entlassung. Dagegen klagte der junge Mann und bekam nun vor dem Verwaltungsgericht Münster per einstweiliger Anordnung Recht (Aktenzeichen: 5L 441/10 - 20. August 2010).

Sein Anwalt argumentierte, sein Mandant hätte nach dem regulären Ende seines Zivildienst im Ende Dezember neun Monate warten müssen, um zum Wintersemester 2011 erneut ein Studium in seinem Fach zu beantragen - mit unsicherem Ausgang. Denn, argumentiert Anwalt Wilhelm Achelpöhler, derzeit verschärfe sich durch die doppelten Abiturjahrgänge und zu wenige Studienplätze der Wettbewerb gerade in beliebten Fächern. Außerdem werde mit der Art, nach der das Bundesamt die Verzögerung des Studienstarts seines Mandanten berechne, "de facto die vorzeitige Entlassungsmöglichkeit aus dem Zivildienst abgeschafft".

Rechenunterricht fürs Bundesamt

Die vom Anwalt kritisierte Rechnung geht so: Laut Bundesamt liegen zwischen dem jetzigen und dem späteren Studienstart zwölf Monate. Weil der Zivildienst neun Monate dauere, gingen dem Studenten nur drei Monate verloren. Eine besondere Härte sei aber erst bei einer Wartezeit von mindestens sechs Monaten gegeben. Das Amt rechnete so, obwohl die Dienstzeit seit dem 1. Juli nur noch sechs Monate dauert.

Dieser bewerberunfreundliche Rechung des Amtes wollten die Münsteraner Richter nicht folgen. Sie zählten vielmehr die Monate so, wie sie den Bewerber real betreffen: Nach sechs Monaten ginge sein Dienst Ende Dezember 2010 zu Ende, den verhinderten Wahlmünchner erwarte dann eine Wartezeit von einem Dreivierteljahr bis zu einem Studienstart im Herbst 2011. Damit sei "das Verbleiben im Dienst eine besondere Härte" im Sinn des Zivildienstgesetzes.

Das Gericht wies außerdem darauf hin, dass etwa das Verwaltungsgericht in Düsseldorf in einem solchen Fall schon anders, nämlich zu Ungunsten des Bewerbers, entschieden hatte (Aktenzeichen: 11 L 1187/10 am 30. Juli 2010 und 11 L 1192/10 am 11. August 2010).

cht

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ja
DerDa 02.09.2010
Meine Güte, man liest von einem jungen Mann der einen "Studienplatz an einer Top-Uni" sicher hat, und denkt: Harvard? MIT? Oxbridge? Und dann ist es doch nur die TU München im "begehrten Fach BWL"...... Wie auch immer, gut für den Mann, gab's bei mir damals nicht. Und wenn BWL an der TU München schon ausreicht, dann kann's bald jeder machen.
2. Pyrrhussieg
Takana 02.09.2010
Ein weiteres Jahr hätte dem jungen Mann vielleicht Zeit gegeben sich darauf zu besinnen, etwas Vernünftiges aus seinem Leben zu machen und vielleicht doch etwas Ordentliches anstatt BWL zu studieren.
3. Weise
Stefan Albrecht 02.09.2010
Zitat von sysopMünsteraner Richter haben einem jungen Mann seinen Dienst am Vaterland stark verkürzt. Der Zivi hatte einen Studienplatz an einer Top-Uni sicher, doch um ihn anzunehmen, musste er vorzeitig aus dem Dienst scheiden. Geht nicht, sagte das Bundesamt. Geht doch, urteilte das Gericht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,715189,00.html
Endlich mal ein paar weise Richter die verstanden haben, dass es sinnvoller ist etwas richtiges zu lernen anstatt irgendwo rumzuhängen. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn der junge Mann vom Wehrdienst und nicht vom Zivildienst befreit worden wäre, denn der Wehrdienst ist sowas von Zeitverschwendung, bei der nur gesoffen und sich gelangweilt wird, wenn man sich nicht gerade von einem Flachhirn namens Stufy anschreien lassen muss, dass es echt nichts mit "Dienst am Vaterland" zu tun hat. Ganz einfach, weil dieses Affentheater dem Staat gar nichts bringt als horrende Kosten und derzeit Tote in Afghanistan.
4. tolle Justiz haben wir
Iggy Rock 02.09.2010
Zitat von TakanaEin weiteres Jahr hätte dem jungen Mann vielleicht Zeit gegeben sich darauf zu besinnen, etwas Vernünftiges aus seinem Leben zu machen und vielleicht doch etwas Ordentliches anstatt BWL zu studieren.
Was wäre wohl gewesen, wenn er ein zulassungsfreies Fach gewählt hätte? Ist das von der Regierung erfundene Vokabular "Eliteuni" entscheidend, oder gar doch der Studiengang BWL? Eine grausame Entwicklung, da existiert schon seit Jahren keine Wehrgerechtigkeit mehr und nun gibt es noch nicht einmal mehr Zivildienstgerechtigkeit. Von den verbliebenen drei Monaten kann man mindestens einen vollständig abziehen, der ist zur Anlernung gedacht und ermöglicht keineswegs den vollen Einsatz des Zivildienstleistenden, laut Gesetz, außer er spielt nur Mensch ärger dich nicht mit Senioren im Heim. Was da übrig bleibt verdient den Namen Dienst nicht, es müsste eher Ferienjob heissen.
5. Wieviel Monate sind es denn nun?
laribum 02.09.2010
"[...] Einem Abiturienten, der seit 1. Juli Zivildienst leistet,[...]" "[...] Sie zählten vielmehr die Monate so, wie sie den Bewerber real betreffen: Nach neun Monaten ginge sein Dienst Ende Dezember 2010 zu Ende,[...]" Man kann mich gern berichtigen, aber mit meinen Mathe- und Kalenderkenntnissen komme ich auf folgendes Ergebnis: Wenn man zum 1. Juli 2010 einen neunmonatigen Dienst beginnt, ist man meiner Rechnung nach erst Ende März 2011 damit fertig.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Studienstart
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
Fotostrecke
Zivi woanders: Jimmy in Israel, Julian in Neuseeland