Zoff in der Wirtschaftswissenschaft: Wir reden auch ohne Griechisch mit, Herr Bachmann

Die globale Finanzmarktkrise fehlt auf dem VWL-Stundenplan, kritisieren Studenten des Arbeitskreises real world economics. Sie wollen an der Uni lernen, eines Tages wirtschaftliche Katastrophen zu bekämpfen - und darum soll ihnen kein Professor verbieten, mitzureden. Eine Replik.

VWLer mit Meinung: Wir reden nicht nur, wenn wir gefragt werden Fotos
REUTERS

Wir, zwölf Studenten der Wirtschaftswissenschaften, sind einigermaßen empört und schuld ist nicht unwesentlich Herr Professor Rüdiger Bachmann. Der schrieb in seinem Gastbeitrag für den UniSPIEGEL vom 05. Januar, es gäbe vor allem ein Kommunikationsproblem zwischen Lehrenden und Studenten. Das war seine Kritik am Vorwurf unseres Arbeitskreises real world economics, dass die aktuell gelehrten Wirtschaftswissenschaften an den Problemen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise vorbeigehen und die Volkswirtschaftslehre (VWL) vor allem um sich selbst kreist.

Als Lehrender glaubt Bachmann dort die Oase eines "flexiblen, offenen Wissenssystems" zu sehen, wo wir eine trockene Staubwüste der Mathematik vermuten. Er behauptet weiter, als vermeintliche Idealisten und Gutmenschen seien wir bei der Philosophie besser aufgehoben und brächten nicht die richtige Studienmotivation für die VWL mit.

Darüber hinaus sei die VWL eine "Sozialwissenschaft der besonderen Art", in der es "weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe" mehr gäbe. Und Bachmann schließt damit, dass uns das umfangreiche Rüstzeug fehle, um Wirtschaftskrisen zu analysieren. Deswegen würden wir uns auf monokausale Erklärungen zurückziehen.

Erstaunt fragen wir uns: Ist das so?

Ein Ingenieur studiert, um eines Tages eine Maschine bauen zu können, die das Leben einfacher macht. Ein Mediziner lernt, um eines Tages Menschen zu heilen. Wieso sollten wir nicht studieren, um eines schönen Tages die Welt zu verstehen und das wirtschaftliche Zusammenleben zu verbessern?

Wir glauben, dass unsere Enttäuschung nicht von falschen Erwartungen unsererseits verursacht wird, sondern von Lehrern wie Herrn Bachmann und von einer Lehre, wie sie heute in der VWL an Unis stattfindet.

Darüber hinaus bezweifeln wir, dass ein einfaches Kommunikationsproblem vorliegt. Schließlich setzen sich nicht nur Studenten, sondern auch promovierte und habilitierte Ökonominnen und Ökonomen mit Studienabschluss für eine Neuordnung der Wirtschaftswissenschaften ein. So erfahren die World Economic Association mit über 7000 Eintritten in kürzester Zeit und das Institut for New Economic Thinking in New York einen großen Zulauf. Auch Dennis Snower, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sagte kürzlich in der deutschen Ausgabe der Financial Times: "Wir stehen am Anfang einer Revolution."

Unsere Meinung zu sagen, ist unser Recht

Um nicht missverstanden zu werden, möchten wir noch einmal betonen: Wir haben uns die Kritik innerhalb der VWL nicht ausgedacht, sondern beziehen uns auf aktuelle Beiträge und Einschätzungen von Ökonomen. Wir wollen und können auch nicht in ihrem konkreten Forschungsbereich mitreden. Aber wir sind mündig genug, um über grundlegende Annahmen der "modernen VWL" zu reflektieren und Konsequenzen für die Lehre zu fordern.

Bezüglich der Lehre sind wir Studenten berechtigt und verpflichtet, unsere Meinung zu sagen. Wir werden uns nicht auf die wundersame Erleuchtung, die ein akademischer Studienabschluss bringen soll, vertrösten lassen. Die Unterstellung, wir beherrschten die Sprache der Ökonomen nicht und sollten deshalb nicht mitreden (Bei Bachmann: "So wie man auch erst mal Griechisch lernen muss, wenn man den Homer im Original lesen will"), ist unerhört. Und der damit verbundene Versuch uns einzuschüchtern, ist einer Diskussion unangemessen. Bloße Autoritätsargumente, Respektlosigkeit und die Aberkennung von Mitspracherecht allerdings zeugen von einem Stil, den wir eigentlich in den aufgeheizten sechziger und siebziger Jahren verorten würden, und der uns ausgestorben erschien und nicht mit modernem Wissenschaftsbetrieb zu vereinbaren ist.

Sicher ist keinem in den Wirtschaftswissenschaften mit einer Verbannung der Neoklassik oder Mathematik geholfen, denn beide haben ihre Berechtigung. Wir fordern aber eine vielfältigere Lehre, in der Theorien und Methoden einander kritisch gegenübergestellt werden. Wir wollen nicht stumpf Inhalte zum Auswendiglernen vorgebetet bekommen. Angesichts der vielfältigen Forschungsfelder der VWL verstehen wir den jahrelangen Drill entlang am Super-Sonderfall "vollkommener Wettbewerb" nicht. Alle größeren und viele kleine Denkrichtungen, die es gibt, sollten in der Einführungsvorlesung, Mikro- und Makroökonomie vorkommen.

Sie legen uns Scheuklappen an - wir wollen keine

Hierzu zählen wir beispielsweise die Neoklassik, Institutionenökonomik, ökologische Ökonomik, systemtheoretische, evolutorische Ansätze und die Verhaltensökonomik. Darüber hinaus ist auch der Blick in die Geschichte des eigenen Faches unabdingbar. Die Auseinandersetzung mit Denkern der Vergangenheit, also mit den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, hilft, um das Verständnis und die Intuition für das eigene Fach zu schärfen.

Das Gleiche gilt für die Methoden innerhalb der Volkswirtschaftslehre. Alle, die zur Verfügung stehen, verdienen auch eine kritische Würdigung, darunter die mathematische Modellierung, die empirische Analyse, experimentelle Ansätze, aber auch qualitative Verfahren bis hin zur historischen Betrachtung. Sie alle haben Vor- und Nachteile, aber alle haben auch Relevanz für wissenschaftliches Arbeiten. Darüber hinaus müssten philosophische Grundlagen der Ökonomik ein Pflichtfach sein.

Zusätzlich wünschen wir uns einen anderen Umgang zwischen Studenten und Lehrenden, denn auch wir sind mündige Wesen. Wir wünschen uns Raum für Diskussion, Hinterfragen und Weiterdenken und die entsprechende Unterstützung. Junge Studenten zu Beginn der Hochschulausbildung werden nicht gerade zu kritischem Hinterfragen erzogen. Sie müssen sich zunächst ein unbestreitbar Werte-durchsetztes Rüstzeug aneignen, das selten kritisch überdacht, sondern vielmehr als grundlegend für jedwede Problematik betrachtet wird. Damit legen sie uns Scheuklappen an, und die wieder abzusetzen ist meist nur Aufgabe der Studenten selbst.

Deswegen lehnen auch wir die monokausale Erklärung der Wirtschaftskrise "Die Finanzkapitalisten sind böse", wie sie uns von Prof. Bachmann in den Mund gelegt wird, ab. Wir fordern den Mut und die Öffnung zu einer Vielfalt an differenzierten Erklärungen. Die aktuelle Debatte braucht mutige Wissenschaftler mit Diskussionskultur, die auch studentische Einwände ernst nehmen kann.

Die Autoren studieren mehrheitlich Politische Ökonomie (Bachelor) an der Uni Heidelberg. Sie heißen: Desiree Solte, Lara Czichowski, Marius Schürmann, Yannik Saßmann, Konstantin Geiger, Marc Frick, Felix Pöge, Quique Gutschke, Steffen Bettin, und Hendrik Theine. Dominic Egger studiert Economics auf Master in Heidelberg und Lena Kaiser studiert Philosophie und VWL in Mannheim.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
ergoprox 27.01.2012
"Darüber hinaus sei die VWL eine "Sozialwissenschaft der besonderen Art", in der es "weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe" mehr gäbe." Eben, Herr Bachmann, eben! Sie sind zu stur, zu selbstverliebt, die eigene und möglicherweise auch überkommene Methodik zu hinterfragen, wie fast alle Ihre Kollegen auch. Es wird Zeit für einen Generationswechsel an den Lehrstühlen.
2.
ergoprox 27.01.2012
Zitat von sysopDie globale Finanzmarktkrise fehlt auf dem VWL-Stundenplan, kritisieren Studenten des*Arbeitskreises real world economics. Sie wollen an der Uni lernen, eines Tages wirtschaftliche Katastrophen zu bekämpfen - und darum soll ihnen kein Professor verbieten, mitzureden. Eine Replik. Zoff in der Wirtschaftswissenschaft: Wir reden auch ohne Griechisch mit, Herr Bachmann - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,811686,00.html)
Ach so, die Replik erscheint insgesamt etwas naiv, also der "Ton"...
3. Wunderbar!
Traumschau 27.01.2012
Zitat von sysopDie globale Finanzmarktkrise fehlt auf dem VWL-Stundenplan, kritisieren Studenten des*Arbeitskreises real world economics. Sie wollen an der Uni lernen, eines Tages wirtschaftliche Katastrophen zu bekämpfen - und darum soll ihnen kein Professor verbieten, mitzureden. Eine Replik. Zoff in der Wirtschaftswissenschaft: Wir reden auch ohne Griechisch mit, Herr Bachmann - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,811686,00.html)
Aber warum steht der Artikel so weit unten auf SPON? Da ist endlich mal eine Gruppe von kritischen Studenten, die die Diskussion um die Wirtschaftswissenschaften sehr bereichern könnte und SPON tut sie quasi unter "Gedöns" ab. Ich persönlich habe mich sehr über die betreffende Aussage von Bachmann geärgert, die sozusagen den Nicht-Fachleuten geradezu verbietet sich zu diesem Thema zu äußern. Wer aber, wenn nicht die von der herrschenden Wirtschaftslehre und ihren Folgen betroffenen Menschen, hat denn sonst das Recht dazu, die herrschenden Verhältisse zu kritisieren? Welche Berechtigung hat denn eine so dogmatische Wissenschafts - Anwendung, wenn sie aufgrund ihrer katastrophalen Fehleinschätzungen die Lebensbedingungen der Menschen stetig verschlechtert? Was soll das Gerede vom selbstregulierenden Markt, wenn diese These bereits EMPIRISCH widerlegt ist? Ich bin sehr froh, dass diese Gruppe sich so geäußert hat - als Nicht-Fachmann! Bitte weiter so und mehr davon!!
4.
MartinHa 27.01.2012
"Angesichts der vielfältigen Forschungsfelder der VWL verstehen wir den jahrelangen Drill entlang am Super-Sonderfall "vollkommener Wettbewerb" nicht." Jahrelang? Vielleicht in den ersten beiden Semestern des VWL-Studiums. Danach geht es hauptsächlich um Abweichungen vom vollkommenen Wettbewerb. Und um zu verstehen, was Probleme in der Wirtschaft auslöst, muss man erst einmal das Basismodell verstehen. Und das ist nun einmal das Modell des vollkommenen Wettbewerbs. Das heißt nicht, das dieses Modell in allen (oder auch nur den meisten) Fällen 1:1 auf die Realität übertragen werden kann. Die meisten Unterzeichner studieren aber Politische Ökonomie, und nicht VWL. Ein kurzer Blick auf die Studieninhalte zeigt, dass in diesem Fach kaum Zeit für VWL bleibt. Daher haben die Unterzeichner wohl nur eine oder zwei Basisvorlesungen in VWL belegt, wo natürlich erst einmal die Grundlagen vermittelt werden. Wenn es Kritikpunkte am VWL-Studium gibt, dann ja wohl eher, dass den Studenten in den ersten Jahren zu wenig VWL beigebracht wird, und ihnen stattdessen für VWLer unsinnvolle Vorlesungen zu BWL, Jura und Informatik aufgezwungen werden.
5.
MartinHa 27.01.2012
Zitat von TraumschauWas soll das Gerede vom selbstregulierenden Markt, wenn diese These bereits EMPIRISCH widerlegt ist?
Wer redet denn davon? 99.9% der VWL-Professoren werden Ihnen sagen, dass der Markt sich nicht selbst reguliert. Eine funktionierende Marktwirtschaft braucht z.B. unbedingt eine funktionierende Fusionskontrolle und eine Durchsetzung von Kartellverboten. Außerdem müssen Netzwerkindustrien wie die Elektrizitätsnetze preisreguliert werden. Und weiterhin sollten negative externe Effekte (z.B. Umweltschäden) durch entsprechende Maßnahmen (v.a. Steuern) ausgeglichen werden. Etwas weiter gefasst fallen auch Bankinsolvenzen unter negative externe Effekt; daher müssen Banken entsprechen reguliert werden. Klar, über die Details wird viel diskutiert. Aber zu behaupten, dass die VWL nichts von Regulierung wissen will, zeugt eigentlich nur davon, dass Sie sich mit diesem Thema noch nicht wirklich beschäftigt haben, und stattdessen lieber Vorurteile nachplappern. Noch Fragen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Weltfinanzkrise
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 63 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Wirtschaftsausbildung: "Ökonomie ist Gehirnwäsche"

Wir sind der AK
  • PAEcon
    Der Arbeitskreis real world economics an der Uni Heidelberg ist eine studentische Diskussionsplattform. Ziel ist, die Vielfalt ökonomischer Theorien zu fördern, die Lösung realer Probleme in den Vordergrund zu stellen sowie Selbstkritik und Offenheit zu erreichen. Weitere Informationen unter: www.real-world-economics.de

Fotostrecke
Studentenproteste in Portugal: "Wie blöd wir sind"