Zoff in Deutscher Burschenschaft: "Kopfüber in den rechten Sumpf"

Die Deutsche Burschenschaft diskutierte darüber, eine Verbindung aus dem Dachverband auszuschließen, weil ein Mitglied asiatische Gesichtszüge hat. Florian Reuter, Alter Herr und Mitglied der Marchia Bonn, ist empört. In einem offenen Brief rechnet er mit dem Verband ab.

Liebe Deutsche Burschenschaft,

Du zerbrichst Dir den Kopf darüber, ob ein deutscher Staatsbürger, dessen Eltern nicht beide dem deutschen Volk angehören, Mitglied einer deutschen Burschenschaft werden kann. Dein Rechtsausschuss hat da Zweifel, erst recht einige Deiner Mitgliedsburschenschaften.

Ich bin Mitglied einer Burschenschaft, die Dir, liebe Deutsche Burschenschaft (DB), angehört. Im Gegensatz zu meinem Bund fand ich Dich immer unappetitlich. Ich konnte aber immer sagen: Mein Bund ist meine Heimat, Du bist ein notwendiges Übel, und wenn ich Deine Ausraster trotz ernster Versuche nicht verhindern kann, ist das zwar schlimm, betrifft mich als Burschenschafter aber nicht.

Es betrifft mich doch. Die Irren sind überall, aber es ist ein Unterschied, ob es Rechtsradikale gibt, oder ob man von ihnen majorisiert wird.

Kürzlich habe ich auf dem Haus meiner Burschenschaft nach Jahren wieder Deine Verbandszeitschrift, die "Burschenschaftlichen Blätter", in die Hand genommen. Hauptthema: Die Aktualität und Bedeutung des "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriffs". Ich musste schwer lachen. Hat die DB immer noch nichts anderes zu debattieren, hat dieses Land keine anderen Probleme als die Frage, wer Deutscher ist und in die DB aufgenommen werden kann? Die gleichen sinnlosen Debatten wurden bereits während meiner Aktivenzeit - d.h. Studentenzeit in den Neunzigern - geführt. Es scheint ein existentielles Thema zu sein.

Schon damals hast Du Dich zu meinem Missvergnügen stark nach rechts geneigt. Jetzt springst Du kopfüber in den Sumpf.

Schon damals war die Argumentation wirr: Einerseits war Deutschland überall dort, wo Deutsche leben. Andererseits gab es strenge Kriterien, wer deutsch sein konnte. Die Staatsangehörigkeit war weiß Gott nicht genug, jeder Österreicher war natürlich deutscher als etwa ein Deutschtürke der dritten Generation.

Mich hat das alles sehr geärgert. Ich habe mit anderen versucht, es zu ändern. Ohne Erfolg. Danach war meine Einstellung: Ich bin Mitglied einer bestimmten Burschenschaft geworden, einer mit denkenden Menschen, von denen manche gute Freunde wurden.

Du, liebe DB, hast einen Wahlspruch, der sich so oder ähnlich bei fast jeder Mitgliedsburschenschaft findet: Ehre, Freiheit, Vaterland. Es sind altertümliche Worte, aber ich kann sie für mich mit Leben füllen. Freiheit dürfte zeitlos sein. Vaterland bedeutet für mich, einen gesunden Patriotismus zu leben, eine Verantwortung, die ich für mein Land habe, genauso wie ich erwarte, dass mein Land mich nicht fallen lässt, wenn es mir schlecht geht. Es heißt nicht, dass ich an Wettrennen teilnehme, wer denn der Vaterländischste von allen ist.

Ehre? Ich erinnere mich, dass viele Bünde oder auch Einzelne ausgeschlossen wurden wegen der Aufgabe des Grundsatzes der Ehre. Was immer das heißen mag. "Aufgabe des Grundsatzes der Ehre" war damals der Klassiker, er zog immer: nicht genug gefochten, Aufnahme von Wehrdienstverweigerern, erste Strophe des Deutschlandliedes nicht mitgesungen? Ehre futsch, raus.

Damals dachte ich, Du biegst Deine Satzung, um missliebige Bünde rauszukegeln. Heute denke ich, Du hast ein Rad ab.

Liebe Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn: Du wolltest beantragen, die Burschenschaft Hansea Mannheim auszuschließen, weil sie einen asiatisch aussehenden Deutschen aufgenommen hat. Der Grund ist klar, denn es "weist eine nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung und damit auf eine nicht deutsche Abstammung hin".

Ihr scheint den Genpool reinhalten zu wollen, bis zum letzten Wasserkopf. Nach Eurer Argumentation müsst Ihr DNA-Tests durchführen und festlegen, wie viel Abweichung von der mitteleuropäischen Norm zulässig ist. 0,01 Prozent? Oder 0,0001? Oder jede Abweichung, solange sie nicht zu Schlitzaugen führt?

Ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich kotzen möchte.

Mit burschenschaftlichen Grüßen

Florian Reuter

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Hochschulen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Zum Autor
Florian Reuter
Florian Reuter, 36, arbeitet als Rechtsanwalt in Karlsruhe. Seit 1993 ist er Mitglied und heute Alter Herr der Burschenschaft Marchia Bonn, die dem Dachverband Deutsche Burschenschaft angehört.

Interview zu Burschenschaften
Marta Krajinovic
Die Gießener Politologin Alexandra Kurth ist Expertin für Burschenschaften. Sie erklärt, weshalb die Rechtsextremen immer stärker werden.

INTERVIEW: "Das ist blanker Rassismus"

Begriffe
Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.

Fotostrecke
Langhans trifft auf Burschenschaft: "Mir kommen die schräg vor"
Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft
Wie Rechtsextreme das Ruder übernahmen
Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.

Fotostrecke
Damenverbindungen: "Haben wir dich zur Spießerin erzogen?"