Zorniger Zwischenruf: Lasst mich rein, ich kann Arzt

Ihr Abi ist nicht exzellent, aber sie will Medizin studieren: Lea, 22, machte in drei Jahren eine medizinische Ausbildung, verklagte über ein Dutzend Unis, absolvierte Praktika, arbeitet als Sanitäterin - vergebens. Zwischenruf einer jungen Frau, die in einem Ärztemangel-Land einfach nur Ärztin werden will.

Muss man nur wollen? Lea glaubt nicht, dass ein gutes Abi gute Mediziner ausmacht Zur Großansicht
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Muss man nur wollen? Lea glaubt nicht, dass ein gutes Abi gute Mediziner ausmacht

Vor drei Jahren habe ich mein Abitur gemacht: 2,4 - eigentlich gar nicht so schlecht. Dachte ich zumindest. Seitdem warte ich. Ich möchte Medizin studieren, seit ich denken kann. Der Wunsch, Ärztin zu sein, gehört zu meinem Leben. Ich bin mit diesem Wunsch aufgewachsen und habe nie eine andere Richtung für mich gesehen.

Ich fühle mich dazu berufen, Menschen zu helfen. Ich glaube, ich wäre eine gute und einfühlsame Ärztin.

Mir war klar, dass es nicht einfach wird. Bei der Auswahl nach Abiturnote hatte ich keine Chancen, da der NC dort bei etwa 1,2 liegt. Und bei der Auswahl nach Wartezeit müsste ich noch etwa zwölf Semester ansammeln. Daher hoffte ich auf das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH), das es Abiturienten wie mir erleichtern soll, einen Studienplatz zu ergattern. 60 Prozent der Studienplätze sollen demnach an Bewerber gehen, die eine Berufsausbildung hinter sich haben, die gute Leistungen im Test für medizinische Studiengänge schaffen, die ehrenamtlich gearbeitet haben oder andere Leistungen vorweisen können.

Einer Klausel habe ich damals wohl noch nicht genügend Bedeutung beigemessen: "Die Abiturdurchschnittsnote muss bei der Auswahl einen maßgeblichen Einfluss behalten."

Ich begann also einige Tage nach meiner Abi-Verleihung mit dem dreimonatigen Pflegepraktikum, machte daraufhin eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten, zwei Jahre lang; habe nebenbei rund 18 Unis verklagt, die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Ohne Rechtsschutzversicherung hätte das schnell mehr als 10.000 Euro kosten können.

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Ich arbeite ehrenamtlich als Sanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz, habe weitere Praktika gemacht und den Medizinertest erfolgreich absolviert. Den veranstalten einige Unis, um die Eignung ihrer Bewerber zu testen. Selbstverständlich habe ich mich jedes halbe Jahre nach allen Regeln des AdH beworben sowie geschätzte hundert Postkarten für diverse Losverfahren um Nachrückerplätze verschickt.

Einige dieser Leistungen sollten meinen Durchschnitt verbessern, das hoffte ich jedenfalls.

Drei Jahre Arbeit - gerade mal 0,1 Notenpunkte besser

Nachdem ich meine Ausbildung beendet hatte, war ich guter Hoffnung, meinem langersehnten Studienplatz ein Stückchen nähergerückt zu sein. Um so größer war die Enttäuschung, dass viele Unis meine Ausbildung in keiner Weise, andere nur gering honorierten. An zwei Unis bekam ich für drei Jahre Arbeit im medizinischen Bereich 0,1 Notenpunkte gutgeschrieben - in Regensburg und München. Bei vielen anderen war meine Ausbildung gänzlich unerheblich. Und zu einem Auswahlgespräch, bei dem ich mich hätte persönlich vorstellen können, wurde ich nie eingeladen.

Für mich stellt sich nach drei Jahren des Wartens die Frage, wie sinnvoll das Auswahlverfahren ist. War die Grundidee dieses Verfahrens nicht, auch Bewerber zuzulassen, die sich durch besondere Leistungen abheben? Die anhand einer medizinischen Ausbildung oder ehrenamtlicher Arbeit ihre große Motivation für das Studium und den späteren Beruf zeigen?

Da die Durchschnittsnote leider weiterhin einen maßgeblichen Einfluss behalten muss, reichen selbst meine bisherigen Anstrengungen nicht. Jenseits eines Durchschnitts von 2,0 werden Bewerber offensichtlich für unfähig befunden. Mein Eindruck: Sie werden systematisch abgeblockt. Ungeachtet dessen, was sie geleistet haben.

Ich hätte also genauso gut sechs Jahre nichts tun können, um endlich genug Wartesemester zu haben.

Hinzu kommt, dass viele Universitäten die Möglichkeit gar nicht erst nutzen, über das Auswahlverfahren junge Medizinbegeisterte in die Hörsäle zu holen. Von den Unis, die im Wintersemester 2011/12 Medizin anbieten, geht fast die Hälfte ausschließlich nach der Durchschnittsnote oder gewichteten Einzelnoten.

Können mittelmäßige Abiturienten keine guten Ärzte werden?

Ich frage mich, ob sie tatsächlich nicht daran glauben, dass ein mittelmäßiger Abiturient das Studium schaffen kann, oder ob es doch günstiger und bequemer ist, ausschließlich nach der Durchschnittsnote zu gehen.

In Zukunft wird sich die Lage durch die doppelten Jahrgänge und den Wegfall der Wehrpflicht noch verschärfen. Bei dem Ärztemangel in Deutschland wäre es ein großer Fortschritt, stärker auf die Eignung der Bewerber zu achten. Und damit meine ich kein gutes Abitur, sondern die Motivation, später tatsächlich als Arzt zu praktizieren.

Mein Leben ist bislang vollkommen anders verlaufen als geplant. Ich hatte nicht vor, eine Ausbildung zu machen, auch wenn ich rückblickend einiges Positives darin sehe.

Am schlimmsten ist aber, dass mein Leben seit dem Abitur in der Warteschleife hängt. Jederzeit könnte ein Anruf kommen, dass ich vielleicht doch noch über das vierte Nachrückverfahren einen Platz am anderen Ende Deutschlands bekommen oder Erfolg im Losverfahren gehabt habe. Konkret heißt das für mich, dass ich noch zu Hause wohne, da ich jederzeit bereit sein muss für einen Umzug.

Meine Freunde studieren auf der ganzen Welt, während ich zu Hause sitze, Bewerbungen schreibe, arbeite und warte. Wenn ich dann einen Studienplatz bekomme, entsteht ein neues Problem: Ich werde bis Anfang 30 studieren. Ich werde erst spät anfangen, Geld zu verdienen, potentiell abhängig von meinen Eltern leben.

Die Ideen sind mir mittlerweile ausgegangen. Ich habe so weit alles getan, was getan werden konnte, und ich habe nicht vor, aufzugeben. Ab nächstem Wintersemester werde ich ein Biologiestudium beginnen und versuchen, in den medizinischen Studiengang quereinzusteigen. Immerhin, noch ein neuer Versuch.

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insgesamt 667 Beiträge
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1. Notenschnitt ist Quatsch
pdp-11/34 10.06.2011
Muss ein Mediziner eigentlich gut in Mathe sein ? Ich als Ingenör schon aber nicht umbedingt in Latein :-)
2. Arzt
crocodil 10.06.2011
..warum sollte man ihr mal nicht eine Chance geben - vielleicht wird sie dann eine der besten Ärzte!
3. Abiturnoten
hödr 10.06.2011
Also wenn ich mir so manche Abiturienten anschaue und deren Fähigkeiten, dann sagt eine Note eigentlich nur aus, wie viel man innerhalb einer kurzen Zeit auswendig lernen kann um es dann direkt nach der Klausur wieder zu vergessen. Natürlich muss man irgendeinen Weg finden, Bewerber irgendwie vergleichen zu können, aber dass die fachliche Eignung scheinbar so völlig ausser Acht gelassen wird, zeigt sich eindeutig auch an der sozialen Kompetenz so mancher Ärzte. Und ich verrate nun besser nicht die Durchschnittsnote meiner Fachhochschulreife... :(
4. Studienerfolg
Joe Ghurt 10.06.2011
Es ist sicherlich eine schwierige Frage, wie man eine beschränkte Studienplatzzahl verteilt. Derzeit ist es allerdings so, dass von allen bekannten Faktoren die Abitursnote der beste Prädiktor des Studienerfolgs ist (z.B. deshalb wurde auch der Medizinertest abgeschafft). Daher ist die Argumentation durchaus nachvollziehbar: Man will nicht einfach nur möglichst motivierte Ärzte, sondern eher möglichst gute, die dann auch schneller fertig sind... Im übrigen: Wer unbedingt will, kann in Ungarn anfangen und nach dem Physikum wechseln. Das klappt so gut wie immer. Joe
5. Tja, es ist nicht einfach,
si_tacuisses 10.06.2011
Zitat von sysopIhr Abi ist nicht exzellent, aber sie will Medizin studieren: Lea, 22, machte in drei Jahren eine medizinische Ausbildung, verklagte über ein Dutzend Unis, absolvierte Praktika, arbeitet als Sanitäterin - vergebens. Zwischenruf einer jungen Frau, die in einem Ärztemangelland einfach nur Ärztin werden will. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,767044,00.html
das elitäre Weisskittelkraussell zu betreten. Schade eigentlich für jemanden wie Lea, die offenbar aus nicht monetären Gründen den Arztberuf ergreifen möchte. Das ist an sich schon mal verdächtig. Schon mal im Ausland versucht ? Schweiz, Niederlande, Luxemburg oder UK ?
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Lea, 22, hat 2008 an einem Berliner Gymnasium ihr Abitur absolviert. Seitdem hat sie einige Praktika gemacht und im Januar dieses Jahres eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten abgeschlossen. Nebenbei arbeitet sie ehrenamtlich als Sanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz. Ab dem kommenden Wintersemester wird sie mit einem Biologiestudium beginnen. Ihr kompletter Name ist der Redaktion bekannt.
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