Zuwanderer an die Unis: Soziologe Ralf Dahrendorf fordert Migrantenquote

Von Christine Prußky

Deutschland verteilt Bildungschancen unbeirrt nach sozialer Herkunft, Einwandererkinder werden früh abgehängt. Nun plädiert der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf für eine Mindestquote von Studenten aus bildungsfernen Schichten - wie bei der "affirmative action", in den USA höchst umstritten.

Ein ganz normaler Skandal im bundesdeutschen Bildungsalltag: Erkan, neun Jahre alt, Grundschüler in Neunkirchen am Brand bei Nürnberg. Seine Noten werden plötzlich schlechter, die Lehrerin zweifelt. Ist Erkan dumm? Nein, findet sein Vater heraus, dem Kleinen fehlt eine Brille. Das ist alles. Hätte Ömer Sanlioglu das Lehrerinnenurteil nicht hinterfragt, wer weiß, vielleicht wären Erkans Chancen auf einen Übertritt ins Gymnasium schon verspielt. Erkan hat Glück gehabt. Ömer Sanlioglu, sein Vater, ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Erkan ist also ein Akademikerkind und damit hat er – statistisch gesehen – in Deutschland alle Chancen, bis zur Universität vorzudringen.

Hauptschüler in München: Einwandererkinder werden im deutschen Bildungssystem abgehängt
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Hauptschüler in München: Einwandererkinder werden im deutschen Bildungssystem abgehängt

So lächerlich das klingt, so ernüchternd sind die Zahlen. 83 von 100 Akademikerkindern schreiben sich in Deutschland an einer Hochschule ein, aus Familien ohne akademische Tradition tun das nur 23 von 100 Kindern. Als der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Rolf Dobischat, die Zahlen im Frühsommer dieses Jahres veröffentlichte, geißelte er den Befund als "beschämend für eine Demokratie" und appellierte beherzt: "Wir müssen endlich die soziale Selektivität des deutschen Bildungs- und Hochschulsystems überwinden."

Widerspruch gab es keinen, Bildungsdeutschland senkte den Kopf, diagnostizierte "Handlungsbedarf" und feiert seitdem lautstark jede Initiative zur Förderung von Migranten und ihren Kindern, also der sozialen Gruppe, die nach Erkenntnissen der Bildungs und Migrationsforschung an Hochschulen besonders stark unterrepräsentiert ist.

Bildungsdeutschland senkt den Kopf

Anfang August zog Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann zum Beispiel prompt eine erste Bilanz des Studiengangs "Interkulturelle Bildung und Beratung", der ein Jahr zuvor im interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation der Universität Oldenburg aufgelegt worden war. Grund für das ministerielle Interesse an dem Mini-Jubiläum: Das Lehrangebot richtet sich an Zuwanderer. Weil sie nach jahrzehntelanger Vernachlässigung – nun als "Potenzial" gepriesen werden, das es dringend zu integrieren gilt, bescheinigte Stratmann seinem Bundesland vollmundig: "Niedersachsen kann stolz darauf sein, eine bildungspolitische und ökonomische Vorreiterrolle bei der Integration von Zuwanderern eingenommen zu haben." Der Stolz gründet sich, wohl bemerkt, auf einen weiterbildenden Bachelorstudiengang.

Was ist geschehen? Europa begeht 2007 das "Jahr der Chancengleichheit", und Deutschlands Integrationsdefizite in Sachen Bildung und Hochschule sind unübersehbar. Jüngste Befragungen des Eurobarometers zum Thema "Diskriminierung in der Europäischen Union" zeigen: Fast jeder zweite Deutsche (48 Prozent) hält Diskriminierung aus Gründen der Herkunft in Deutschland für weit verbreitet. Bei der Bekämpfung des Missstands messen 46 Prozent der Befragten Schulen und Universitäten eine wichtige Rolle bei. Damit landeten die Bildungseinrichtungen auf Platz eins der Akteure, knapp vor den Eltern (45 Prozent) und weit vor dem Bundestag (13 Prozent) oder den Nichtregierungsorganisationen und Verbänden, die mit acht Prozent das Schlusslicht bilden.

Das Vertrauen der Deutschen in ihr Bildungssystem lässt sich anscheinend nicht erschüttern. Dabei gerät eben dieses System wegen seiner sozialen Selektivität regelmäßig in Misskredit. Dass das Herkunftsprinzip selbst dort sticht, wo Qualität Trumpf sein sollte, in Hochschulen nämlich, prangern Experten aus dem In- und Ausland seit Jahrzehnten an. Mit erstaunlicher Erfolglosigkeit.

Besinnung auf alte Antworten

Der Soziologe Prof. Dr. Ralf Dahrendorf etwa kämpfte schon in den 60er-Jahren für "Bildung als Bürgerrecht". Mädchen, Landkinder und Katholiken befanden sich damals außerhalb des Bildungsradars. "Ein Hauptgrund für deren Benachteiligung war die innere Distanz von den Insitutionen der tertiären Bildung. Universitäten waren einfach nicht Teil der Lebenswelt vieler Familien. Um das zu ändern, waren aktive Programme nötig. ‘Student aufs Land’ zum Beispiel war die Ermutigung Benachteiligter durch Studierende. Ähnlich wirkte die Werbung an den Hauptschulen", erklärt Dahrendorf.

Das katholische Mädchen vom Lande ist heute zwar das Migrantenkind geworden – die Antworten aber könnten laut Dahrendorf die alten sein. Damit befindet sich die Ikone der Soziologie auf Linie. Spätestens seit dem Integrationsgipfel in diesem Sommer ist es hochschulpolitischer Mainstream, nach dem Ausbau von Betreuungsangeboten für Studierende mit Migrationshintergrund zu streben, Sprachförderprogramme einzuführen und die Migrations- und Integrationsforschung zu forcieren.

Soll das alles sein? Ralf Dahrendorf meint, nein. Zu den Antworten auf die Bildungsbenachteiligung gehört für den deutsch-britischen Professor "auch, nicht: nur! – 'affirmative action', also eine Quote für Kinder der betroffenen Kategorien an den Hochschulen". Dabei sei "allerdings wichtig, dass solche Maßnahmen nur für eine begrenzte Periode eingeführt werden. Es handelt sich um die Bekämpfung von Anomalien durch nicht normale Programme."

Aufstieg im Alleingang

Diese "Anomalien" sind unübersehbar: Nur acht Prozent der Studierenden sind Migrantenkinder, obwohl rund ein Fünftel der Bevölkerung und ein Viertel der Kinder und Jugendlichen unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund aufweisen und damit zu den "bildungsfernen Schichten" gehören.

Was das praktisch bedeutet, weiß der Vater des Grundschülers Erkan, Dr. Ömer Sanlioglu: "Mein Vater kam 1970 als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Er war drei Jahre in der Schule, und meine Mutter kann weder lesen noch schreiben. Die konnten mir nicht helfen. Sie wissen bis heute nicht genau, was ich mache." Aber natürlich registrieren sie, dass ihr Sohn während der Woche von Frau und Kind getrennt lebt und fern von Nürnberg an der türkischen Universität Nevsehir Karriere macht. Dort avancierte Sanlioglu in kurzer Zeit vom Assistenzprofessor zum Dekan und sorgt etwa mit internationalen Kooperationen für Furore. Zehn Studenten hat er schon mit Erasmus nach Deutschland geschickt, ein Novum in Nevsehir.

Ömer Sanioglu ist heute 38 Jahre alt und hat eine Bildungskarriere hingelegt, die nur wenigen Einwanderern in Deutschland gelingt. Der Aufstieg gelang ihm – und das ist typisch für Kinder aus Gastarbeiterfamilien – im Alleingang. Da war keiner, der den aufstrebenden Geist, wenn schon nicht fördern, so doch wenigstens ermuntern konnte. Mit Ausnahme von Prof. Dr. Sefik Bahadir, Sanioglus Doktorvater.

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