Zwangsexmatrikulation: Unis werfen Tausende Studenten raus

Von Armin Himmelrath

Deutsche Hochschulen verabschieden sich im großen Stil von Alt-Studenten: Weil Bachelor und Master die neuen Standards sind, müssen alle gehen, die sich irgendwann einmal für Diplom und Magister eingeschrieben haben - freiwillig oder per Zwangsexmatrikulation.

Diplom unerwünscht: Auch an der RWTH Aachen gab es Zwangsexmatrikulationen Zur Großansicht
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Diplom unerwünscht: Auch an der RWTH Aachen gab es Zwangsexmatrikulationen

Ein bisschen länger als bei anderen hatte es bei Dennis schon gedauert, wie viele Semester er genau überzogen hat, sagt er lieber nicht. Aber vor gut einem Jahr kam der Mathematik-Student an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen dann doch noch auf die Zielgerade. "Mir fehlte noch genau ein Schein", berichtet Dennis. Doch als er diese letzte Prüfung ablegen wollte, schüttelte das Prüfungsamt den Kopf: Der Diplom-Studiengang, in dem Dennis eingeschrieben war, war ausgelaufen, zur finalen Prüfung durfte er deshalb nicht mehr antreten. Eine Klage vor Gericht blieb erfolglos, "also wurde ich exmatrikuliert und musste in den Bachelor-Master-Studiengang wechseln".

Kein Einzelfall: Nachdem SPIEGEL ONLINE darüber berichtet hatte, dass die Universität zu Köln gerade 32 Diplom- und Magisterstudenten zwangsexmatrikuliert hatte, meldeten sich zahlreiche Betroffene in der Redaktion. Und schnell war klar: Der Umgang mit den Alt-Fällen unter den Studenten ist bundesweit an fast allen Hochschulen ein Thema. Die Langzeitstudenten müssen überall gehen, schließlich drängen viele - zu viele - neue Kommilitonen nach. Nach den neuesten verfügbaren Zahlen der Hochschul-Rektorenkonferenz (HRK) waren im Wintersemester 2009 noch 47,2 Prozent der deutschen Studenten in alten Studiengängen eingeschrieben. Mit anderen Worten: Rund eine Million Studierende müssen darauf achten, nicht irgendwann ohne ihren Studiengang dazustehen.

"Das Grundproblem ist der Übergang vom alten Studiensystem zu den neuen Bachelor-Master-Strukturen", sagt Astrid Irrgang, Leiterin des Studien-Service-Center an der Frankfurter Goethe-Universität. Alleine an der Frankfurter Uni gebe es 134 verschiedene Studiengänge, die die Umstellung jeweils in Eigenregie und mit unterschiedlichen Zeitspannen bewältigen müssen. Dabei sei klar, so Irrgang, dass allen Alt-Studenten eine angemessene Frist eingeräumt werden müsse, um ihr Diplom- oder Magisterstudium zu Ende zu bringen: "Jeder hat mindestens die Regelstudienzeit plus zwei Semester dafür Zeit", sagt die Chefin des Studien-Service-Centers, "in einzelnen Fächern stand aber auch schon mal die doppelte Regelstudienzeit zur Verfügung." Hinzu kommen im Einzelfall noch Ausnahmeregelungen in besonderen Härtefällen - ein Verfahren, das Irrgang "sehr fair" findet.

Studenten sauer, Stifterverband diskutiert

Aktuell seien an der Goethe-Uni noch rund 3000 Studenten mit dem Abschlussziel Diplom und rund 4500 Nachwuchsakademiker mit Magister-Ziel eingeschrieben. Eine der ersten Fakultäten, die schon ab 2004 umgestellt hatte, sei der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften gewesen. "Dabei wurde eine fast siebenjährige Übergangszeit für die Diplomstudiengänge festgelegt", sagt Irrgang. Derzeit gebe es für die verbliebenen VWL- und BWL-Diplomer eine Rückmeldesperre für das kommende Wintersemester. Die Studenten müssten so noch einmal mit dem Prüfungsamt darüber reden, wie sie sich den weiteren Weg zum Diplom vorstellen oder ob nicht vielleicht doch ein Wechsel in den Bachelor-Studiengang angebracht ist.

Doch Betroffene aus Frankfurt haben bereits angekündigt, gegen ihren möglichen Rausschmiss juristisch vorzugehen. Und nach Bekanntwerden der Kölner Exmatrikulationen äußerte sich unter anderem der studentische Dachverband fzs. Sie sei "wütend", erklärte fzs-Vorstand Moska Timar. Dass die Umstellung auf Bachelor und Master zu Lasten der Studenten ablaufe, sei nichts Neues: "Mit den Zwangsexmatrikulationen ist nun jedoch eine Stufe erreicht, die Studierendenvertretungen nicht hinnehmen werden." Auch in einem eigenen Blog wurden die Kölner Vorgänge thematisiert.

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Exmatrikulation: ...und raus bist du
Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft nutzte den Kölner Fall, um auf seiner Homepage ein Diskussions- und Abstimmungsforum zum Umgang mit Diplom- und Magisterstudenten einzurichten. Das Hauptargument der Rausschmiss-Befürworter in der Debatte: Keiner Hochschule könne zugemutet werden, endlos die alten und neuen Studiengänge und Prüfungsleistungen parallel nebeneinander her anzubieten. Es müsse also für alle verbindliche Regelungen für den Umstieg geben - und wer sich daran nicht halte, fliege dann eben raus.

Diplomer, jetzt aber fertig werden!

Die bundesweit großzügigsten Übergangsregelungen bietet die Fernuniversität Hagen. "Sie haben mindestens die doppelte Regelstudienzeit zuzüglich acht Semester für Ihr Studium zur Verfügung", verspricht die dortige Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften den Alt-Studenten. Obwohl Kurse des Hauptstudiums letztmalig im vergangenen Wintersemester angeboten wurden, können Magisterprüfungen trotzdem noch bis zum Frühjahr 2014 abgelegt werden, Diplomprüfungen sogar noch bis 2020 - dann aber ist endgültig Schluss. "Diese langen Zeiträume ergeben sich bei uns daraus, dass viele Studierende hier ein Teilzeitstudium absolvieren", sagt Fernuni-Sprecherin Susanne Bossemeyer, "entsprechend groß muss der Puffer sein, den wir einplanen." Derzeit sind in an der Fernuni noch 1200 Magister- und 8000 Diplomkandidaten eingeschrieben.

Doch früher oder später wird auch in Hagen die Stunde der Wahrheit kommen. Andere Unis haben diesen harten Schnitt schon hinter sich: An der RWTH Aachen wurden bisher 45 Diplom-Physik-Studenten exmatrikuliert, die ihr Vordiplom nicht rechtzeitig geschafft hatten. Auch in anderen Fächern wie Maschinenbau und Elektrotechnik gab es Rausschmisse, im letzten Wintersemester alleine in Aachen insgesamt rund 250. "Das waren die Fälle, die übrig geblieben waren, nachdem wir allen Betroffenen Beratungsangebote etwa zum Umstieg auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master gemacht hatten", sagt der Leiter des Aachener Studentensekretariats, Kurt Kinny.

Die Kölner Auseinandersetzungen scheinen also nur die Vorboten einer Welle von Zwangsexmatrikulationen zu sein, die auf alle Hochschulen zurollt.

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insgesamt 283 Beiträge
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1. Detschland
intomi 31.08.2011
segt fleissig an dem Ast unter eigenem Hintern. Nachher werden spezialisten aus Indien einberufen ( kommt keiner!).
2. unfair
faxfax 31.08.2011
Eine Übergangszeit von ca. 40 Jahren wäre angemessen, um den nahtlosen Übergang in die Rente oder Grundsicherung zu ermöglichen.
3. Man kann ja...
sappelkopp 31.08.2011
...zu den Bachelor- und Master-Studiengängen stehen wie man will. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich mich noch Dipl.-Ing. nennen darf. Da hat man was eigenes, da hat man was fürs Leben, würde Loriot sagen. Aber grundsätzlich gilt natürlich, wer in seinem Diplom-Studiengang im 19. oder 22. Semester steckt, hätte sich schon vor Jahren mal Gedanken um seine Berufswahl machen müssen. Also: Lieber jetzt als nie!
4. nun mal langsam
123Bremer 31.08.2011
Der Artikel suggeriert als ob sich die deutschen Unis gegen die Studenten verschworen hätten, aber die Realität sieht anders aus! Die Betroffenen sind keine sozial Benachteiligten die zwei, drei Semester länger gebraucht haben, weil sie viel arbeiten mussten. Es geht um Langzeitstudenten im 15-20 Semester (oder drüber! Und es ist keine Überraschung, dass die alten Studiengänge eingestellt werden. Das ist seit Jahren bekannt. Wer dann auf einmal überrascht ist und klagen will, war wohl die letzten Jahre nicht in der Uni...
5. Korrekt
bvdlinde 31.08.2011
Ich halte ein solches Vorgehen fuer voellig korekt, - sofern faire Uebergangszeiten eingehalten werden. Nach 15 - 16 Semestern kann sich nun wirklich niemand mehr als armes Opfer darstellen. Die AstA's sollten sich mal nicht laecherlich machen mit ihrer gespielten Empörung.
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