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29.05.2001
 

Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock"

Der Bibliothekar

Von Philipp Köster

Zwischen den Regalen, inmitten der Bücher ist er daheim: der Bibliothekar, ein langsamer Brüter. Und sein Leben könnte so schön sein, gäbe es da nicht auch noch Studenten.

Alte Folianten versöhnen den Bibliothekar mit seinem schweren Los
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Alte Folianten versöhnen den Bibliothekar mit seinem schweren Los

Was für ein niederschmetternder Tag für den Universitätsbibliothekar. Morgens hat er erfahren, dass der Fachbereich Germanistik auch im nächsten Jahr nur 300 Mark für die Anschaffung neuer Bücher bereitstellen möchte. Mittags hat er entdeckt, dass ein unbekannter Benutzer rund 140 Zeilen eines vor Tagen gekauften Goethe-Werks durch Umkringelung und Unterstreichung unleserlich gemacht und an den Seitenrand mit doppeltem Ausrufungszeichen ein radikales "Goethe!!" platziert hat. Und seit wenigen Minuten grübelt er, was einen Leser bewogen haben mag, in die Kant-Gesamtausgabe das gewagte Urteil "Kluger Kopf" zu kritzeln?

Der Bibliothekar weiß es nicht und wird es nie erfahren. Auch deshalb schüttelt er resigniert den Kopf und brütet wieder. Ob es wirklich eine gute Idee war, für den Job in der Universitätsbibliothek die Stelle in der Rosa-Luxemburg-Buchhandlung aufzugeben. Damals, im Jahre 1967, als noch alles möglich schien, die Klotüren ausgehängt wurden und das Buch eine Waffe gegen das Unrecht in der Welt war. Zu spät, denkt er dann und schiebt grimmig den Wagen mit falsch eingestellten Büchern durch die Gänge. Ein Buch liegt auf dem Boden. Hesses Glasperlenspiel, gebunden, Ladenpreis 48 Mark. Gestern ins Regal gestellt, heute fehlt der Buchrücken. Er stöhnt verzagt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Und dann ist da doch immer wieder diese Hoffnung. Dass es unter den gelangweilten Studienanfängern, die er zu Beginn jedes Semesters durch die Bibliothek schleift, einige wenige gibt, für die Bücher mehr sind als bloße Arbeitsgeräte. Die genau so gern lesen wie er. Klassiker und wunderschöne Folianten, die großen Romane und die kleinen Geschichten, gedruckt auf dreihundert Seiten und gepresst zwischen zwei Buchdeckel. Eine vage Hoffnung. Doch allein, es fehlt der Glaube: Die Studenten werden nur immer trickreicher, wenn es darum geht, Bücher an der dösenden Bibliotheksaufsicht vorbeizuschmuggeln.

Fast wäre der Bibliothekar glücklich, nur die Studenten stören
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Fast wäre der Bibliothekar glücklich, nur die Studenten stören

Neulich hat er zwei erwischt, die Bücher in Tüten versteckten. Tüten, wie sie in Supermärkten für Tiefkühlwaren verkauft werden. Die isolierende Beschichtung verhinderte den Alarm, gestanden die Studenten. Und so trugen sie statt Schlemmerfilet und gefrorener Hähnchen heimlich eingetütete Bücher durch die Magnetschranke.

Und in solchen Momenten ist er wieder da, der Gedanke an den Buchladen, an ein anderes Leben fern von kleptomanischen Studenten und kargen Anschaffungsmitteln im Globalhaushalt. Doch zu spät, da ist kein Entrinnen, weil schon der Verzicht auf eine mittlere Beamtenpension der reine Wahnsinn wäre. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat Theodor W. Adorno gesagt. Den Satz würde er gerne mal nachlesen. Adornos "Minima Moralia" ist auch schon zur Anschaffung vorgemerkt. Fürs Jahr 2004.

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