Von Ulrike Barth
Morgens um sieben ist die Welt in Münster noch in Ordnung - bis Radio Q 90,9 seine Hörer rüde wachrüttelt. "Verdammt noch mal! Liegt die faule Sau immer noch im Bett? Raus aus der Kiste!", dröhnt der freche Trailer aus den Boxen. Der Moderator klingt gleich versöhnlicher: "Einen wunderschönen Morgen wünscht Euch Olli Kreft an diesem Mittwoch. Ihr hört den Coffeeshop."
Olli ist schon um 5 Uhr "raus aus der Kiste" und rein in seinen Alltag als Moderator beim Münsteraner Hochschulradio. Das Morgengrauen vor Sendebeginn nutzt er, um CDs zu sortieren. Die meisten Infos für die Sendung hat er schon am Vorabend zusammengekramt: Vom Veranstaltungskalender bis zum Wetterbericht liegt alles bereit. Jetzt gilt es, Ordnung ins Zettelchaos zu bringen.
Während im großen Redaktionsraum emsig Nachrichten getextet werden, bleiben Olli im Sendestudio einige Minuten für einen publizistischen Seitensprung: Ein kurzer Blick in die "Bild" liefert skurrile Geschichten. "Die sind gut für Zwischenmoderationen, einfach lustige Sachen, die man den Hörern erzählen kann." Dabei ist der Stefan-Raab-Fan und ehemalige Comedy-Redakteur bekannt dafür, sich die Pointen am liebsten selbst auszudenken. "Man kann nicht sagen, der eine Moderator ist besser als der andere, es gibt verschiedene Stile." Und sein Stil? Da lacht Olli: "Der ist eher dynamisch. Bei mir ist 90 Prozent Improvisation."
Bei Q 90,9 fand der Publizistikstudent den Einstieg in die Hörfunkpraxis. Noch vor einem Jahr zitterten ihm bei seiner ersten Sendung die Hände. Heute ist er gelassener. Nur die Koffeinzufuhr muss stimmen: Ein extrastarker Kaffee sorgt wie immer für die nötige Konzentration. Die braucht er an diesem Morgen besonders für ein Telefoninterview. "Das ist live. Da sind immer Pannen möglich."
Wo etwas schief gehen kann, geht - nach Murphys Gesetz - auch etwas schief. Heute streikt die Technik. Hastig muss der minutiös geplante Sendeablauf umgestellt werden. "Q 90,9 - Du willst es doch auch": Der Jingle verschafft 20 wertvolle Sekunden Atempause. Flugs noch einen Song gespielt. Und schon steht die Telefonverbindung.
Ein kurzes Vorgespräch, dann ist der Politik-Prof aus Münster auf Sendung und berichtet über die Frankreich-Beziehungen seines Instituts. Das Interview läuft gut, der Mann fasst sich kurz. "Es ist Gold wert, wenn die Leute sich ausdrücken können. Viele geraten ins Fachsimpeln, gerade Professoren." In fünf Schulungen hat Olli gelernt, wie man mit solchen Problemen umgeht. Erst dann durfte er ans Mikro.
Zwei Songs später steht der Mensaplan auf dem Programm. Das ist wieder Routine. Denkste, denn hier lauern Versprecher: "Schnitzel mit Porno-Gemüse...äh... Porreegemüse," haspelt Olli. Peinlich? "Nein, das passiert den Radioprofis auch. Hauptsache, man kann Fehler charmant verkaufen."
Seit zwei Jahren arbeitet Olli bei Q 90,9 - ohne einen Pfennig Geld. Seit einem halben Jahr ist er außerdem Tagesredakteur und damit verantwortlich für Organisation und Betreuung eines ganzen Sendetages. Manche Radioenthusiasten halten bald mehr von freier Mitarbeit beim Hochschulsender als von fester Mitarbeit im Seminar. Und lassen das Studium schleifen. Olli versichert, dass sein Studium noch nicht leidet. Aber ein Teil des Privatlebens bleibt bei so viel Einsatz schon auf der Strecke. "Meine Wochenendbeziehung konnte ich abschreiben, da blieb einfach nicht genug Zeit!" Herz und Kopf sind eben beim Radio.
Nach drei Stunden streikt Ollis Kopf. Er überlässt das Mikrofon dem Kollegen von der Mittagsschicht - für heute. Morgen wird er dann wieder in der Redaktion auftauchen. Nachdem ihn ein anderer "raus aus der Kiste" geholfen hat.
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