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24.01.2002
 

Raubkopien an US-Unis

Die Heimat der Digital-Piraten

Von Jochen A. Siegle

Ob Software, Spiele, Videos oder Musik - amerikanische Studenten sind im Downloadrausch und saugen sich alles aus dem Netz. "Keinen Cent an Bill Gates und die anderen Multis", lautet ihre Devise. Hochschulen, Polizei und Firmen müssen das illegale Treiben der Cyber-Anarchos nahezu hilflos beobachten.

WinXP-Funde bei Tauschbörse Morpheus: Kein Respekt vor dem Copyright
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"You name it, we have it", sagt Jaime Gonzales (Name geändert) trocken und doch ein wenig stolz. "Windows XP, Photoshop 6.0, Corel Draw 10: Alles kein Problem, wir haben stets gecrackte Versionen der neuesten Programme." Der 23-Jährige ist keineswegs Mitglied eines mafiös organisierten Software-Piratenrings - mit "wir" meint er seine Kommilitonen an der San Francisco State University.

Seit drei Jahren studiert der gebürtige Bolivianer Betriebswirtschaft in Kalifornien. Dass er die Software für seine Hausarbeiten, Folien oder Statistikaufgaben nicht im Laden kauft, sondern Raubkopien von Studienfreunden tauscht oder einfach aus dem Netz lädt, versteht sich für ihn fast von selbst. "Ich schätze, etwa 95 Prozent meiner Kommilitonen haben ausschließlich raubkopierte Software", sagt Jaime. "Original-Programme kaufen sich doch nur noch Studienanfänger."

Die Epidemie begann mit Napster

Was Jaime beschreibt, ist an unzähligen US-Unis längst Alltag: Colleges sind eine Brutstätte für Digi-Raubkopien - ganz egal, ob es sich um Software, Computerspiele, Videos oder Musik handelt. Mittlerweile ist das auch den amerikanischen Behörden klar. Kurz vor Weihnachten schwärmten Ermittler bei einer Großrazzia überall auf dem Campus aus, auch an so renommierten Hochschulen wie dem MIT in Boston, der University of California Los Angeles (UCLA) oder der University of Oregon.

Die Ermittler suchten dabei vor allem nach Mitgliedern der im Internet agierenden Softwarebande "Drink or Die" (DoD). Diese ursprünglich aus Russland stammende Gruppe konnte seit Ende der neunziger Jahre ein internationales Netzwerk aufbauen, das Branchenschätzungen zufolge einen jährlichen Schaden von über zwölf Milliarden US-Dollar verursacht. Dem Piratenring werden besonders viele Aktivisten an US-Hochschulen nachgesagt; Angestellte von Softwarefirmen sollen aber ebenfalls aktiv sein.

Schließlich waren es vor drei Jahren auch die US-Colleges, die eine MP3-Raubkopie-Epidemie lostraten. Prompt schaffte das Filesharing-Programm Napster im Frühjahr 2000 seinen großen Durchbruch. Heute gilt an den Unis samt Wohnheimen Highspeed-Internet als Standard. Daher tauschen die Studenten neben nur drei bis fünf Megabyte großen Musikfiles auch immer mehr Software, Spiele oder sogar Filme, die mehrere hundert Megabyte umfassen. Der Digital-Cocktail aus Breitband-Internet, leistungsfähigen Video-Kompressionsverfahren und günstigen CD-Brennern setzt dem illegalen Online-Treiben kaum noch Grenzen.

Napster: Initialzündung für den Downloadrausch

Napster: Initialzündung für den Downloadrausch

Zudem steigt auch in Privathaushalten die Zahl der schnellen DSL- oder Kabel-Netzanbindungen stetig. Mittlerweile surfen mehr als 16 Millionen Amerikaner breitbandig im Cyberspace. Günstige Flatrates sind ohnedies die Regel - das macht den Downloadrausch für jede Studenten-WG erschwinglich.

In einer solchen Wohngemeinschaft lebt auch Jaime. Mit fünf "Room-Mates" teilt er sich ein kleines Häuschen im San Francisco samt PC-Netzwerk und satter Ein-Megabit-DSL-Leitung. Biologiestudent Gerry Vessar (Name geändert) ist so etwas wie der Systemadministrator in der Hightech-WG im Sunset-Distrikt.

Bisweilen versucht sich der 24-Jährige mit Kommilitonen von der California State University auch mal selbst daran, Nintendo- oder Playstation-2-Spiele zu cracken. Am liebsten surft er aber einschlägige "Warez"-Seiten ab. "Warez" steht für geklaute oder geknackte Software - und dahinter eine ganze Szene von Hackern, die sich einen Spaß daraus machen, den Kopierschutz eines neuen Programms möglichst schnell zu durchbrechen oder gleich den Kern des Codes offenzulegen.

Es geht ums Prinzip, weniger um Geld

Auch Gerry kennt kaum Studienkollegen, die ihre Software rechtmäßig erstehen: "Sobald die mich kennen lernen, ist das natürlich vorbei", schmunzelt er. Raubkopien kostenlos an Freunde und Kommilitonen weiterzugeben, gilt einer ganzen Generation von Softwarepiraten als Ehrensache - fast allen geht es nicht ums Geld, sondern ums Prinzip.

Bill Gates geht leer aus: Kostenlose Weitergabe von Raubkopien gilt in der Szene als Ehrensache
REUTERS

Bill Gates geht leer aus: Kostenlose Weitergabe von Raubkopien gilt in der Szene als Ehrensache

"Warum sollen Studenten Firmen wie Microsoft Geld zahlen?", fragt der Cyber-Robin-Hood provokant. "Bill Gates ist so oder so schon der reichste Mann der Welt. Soll man dem etwa noch mehr Geld in den Hintern schieben?" Die Szene nimmt es längst sportlich: Je mehr Programme man knacken konnte, desto größer der Ruhm - von Unrechtsempfinden keine Spur.

Die Meinung über Gates deckt sich an vielen Unis fast mit der über Bosse amerikanischer Medienmultis. "Wenn ich etwa Disney-Chef Michael Eisner wäre, dann würde ich mir schon Sorgen machen wegen der ganzen Filmpiraten und Napster-Klone", sagt Sami Khan, Filmstudent an der Ithaca University in New York. "Hier an der Uni freut man sich insgeheim über jeden raubkopierten Film, da die ausbeuterischen Studios leer ausgehen."

Sie pfeifen auf das Urheberrecht

Auch wenn er selbst nicht zu den eifrigsten Video-Downloadern zählt, pfeift der Nachwuchscineast auf Urheberrechtsverletzungen im Netz. Schließlich seien die Copyrights einst zum Schutz der Künstler erfunden worden, als die noch arm waren, so Khan. "Inzwischen hat sich die Situation aber so entwickelt, dass viele Künstler, vor allem aber die Unterhaltungsfirmen sehr, sehr reich sind."

Software-Piraterie: Alles aus dem Web, alles für lau
DPA

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Die Raubkopienproblematik verschärft sich indes mit jedem Tag der Web-Evolution und jedem neuen Highspeed-Anschluss. Auch die Hochschulen wissen das - und sind dennoch hilflos. "Was sollen wir schon tun?", klagt Stuart Wolpert, Sprecher der UCLA in Los Angeles. "Das ist ein großes soziales Problem, das weit über die Grenzen unserer Hochschule hinausreicht", sagt Wolpert unsicher und verweist auf die Internet-Nutzungspolicy für Studenten sowie eine Pressemitteilung zur "Drink or Die"-Razzia an der UCLA.

Die Hochschule bangt wohl auch um ihren guten Ruf: In der Regel gehen die Studenten über Web-Zugänge und E-Mail-Accounts der UCLA ihrem illegalen Hobby nach. Auf dem Campus kursierende Gerüchte, dass die Online-Nutzungsrechte für Studenten limitiert werden sollen, wie es wegen der ungeheuren Datenmengen an deutschen Hochschulen inzwischen geschieht, will Wolpert nicht kommentieren.

"Warez"-Seite: Fundgrube für Cyber-Anarchos
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An der Duke University in Durham/North Carolina steht die Verwaltung vor den gleichen Problemen. Im Zuge der DoD-Ermittlungen war der Computer eines Studenten konfisziert worden. "Wir nehmen die ganze Angelegenheit sehr ernst und versuchen alles, um den Copyrightverletzungen Einhalt zu gebieten", erklärt Duke-Sprecher Noah Bartolucci. Doch es bleibt bei Worthülsen: Bartolucci kann keine einzige Maßnahme gegen die Digital-Piraten benennen.

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