Es war wie immer am späten Sonntagnachmittag bei uns daheim. Wir saßen auf der Chaiselongue im Salon, nippten am vorzüglichen Rotwein, schoben die Lesebrille zurecht, nahmen etwas vom angebotenen Gebäck, dankten der treusorgenden Gattin dafür. Dann summten wir eine kleine Melodie aus dem gestrigen Klavierkonzert, lockerten den allzu fest gezurrten Krawattenknoten und wollten uns gerade wieder in die Brahms-Partitur vertiefen - als unser Blick plötzlich auf die aufgeschlagene "Bild"-Zeitung auf dem Couchtisch fiel.
Die neue Serie "Verbotene Liebe" wurde dort in riesigen Buchstaben beworben. Und gleich darunter das Geständnis: "Ich und mein Professor waren ein heimliches Liebespaar". Na hoppla, das machte uns doch ein wenig neugierig. Wir ließen die Partitur fallen und nahmen das Fachmagazin für Kultur und Bildung genauer in Augenschein. Eine blutjunge Studentin und ein liebestoller Hochschullehrer in den Fängen der Leidenschaft: prickelnde Erotik, die dem etwas trägen Sonntagnachmittag nur gut tun konnte.
Doch beim Studium des Artikels wich die Vorfreude schnell dem Ärger. Denn das sonst so seriöse Blatt war hier offenkundig einer Räuberpistole aufgesessen. Erzählt wurde die reichlich unglaubwürdige Geschichte einer jungen Dame, die auf einer Seminarfahrt nach Italien ein Bratkartoffelverhältnis mit ihrem selbstredend verheirateten Professor beginnt und die leidenschaftliche Romanze über Monate, sogar Jahre aufrecht erhält.
Gilt an deutschen Unis das Burka-Gebot?
Schließlich kennen wir die deutschen Universitäten nur zu genau. Sie sind Stätten der hohen Bildung, Oasen des Geistes und der gepflegten Diskussion über Stammzellen, Goethes Werke und Kafkas Briefe. Mit Erotik hingegen haben sie so viel zu tun wie Fußballfans mit Fairness, Anstand und Sportsgeist. Denn die Leidenschaft, sie vernebelt nur die Sinne.
Diese Überzeugung haben viele Hochschullehrer verinnerlicht und dokumentieren sie durch ihre Berufskleidung. Selten nur sieht man in Seminaren den schnittigen Dreiteiler, ein kühn bis zum Bauchansatz geöffnetes Hemd mit Haifischflossenkragen oder gar eine mondäne Sonnenbrille im Haar. Und nie beugen sich Dozenten lässig hinunter zur Sekretärin und bestellen mit tiefer Stimme zwei Fingerbreit Kaffee. Stattdessen kommen sie aus dem Dienstzimmer geschlurft, die Brösel des Frühstücksbrötchens noch auf der Cordhose, und legen wortlos einen Stapel Seminarvorlagen auf den Sekretärinnentisch.
Keinen Deut besser sind die akademischen Frauen. Professorinnen und Assistentinnen kleiden sich vorzugsweise, als habe der örtliche Großhändler Pferdedecken zu Schleuderpreisen abgegeben. Stets wallt großzügig das Tuch durch die Seminarräume. Ob indianische Muster oder westfälische Stickereien, fast glaubt man, auch an deutschen Universitäten sei das islamische Burka-Gebot in Kraft.
Wenn sich dann aber Hochgeist und Fleischeslust doch einmal paaren, kommt meist Ungutes heraus, was anschließend in den Fluren deutscher Hochschulinstitute für reichlich Gespött sorgt.
Kollegen-Bespaßung durch amouröse Post
Beispielsweise gingen einst zwei Mitglieder eines bayrischen Graduierten-Kollegs eine Beziehung ein. Zur Erheiterung der Kollegen pflegten die beiden Turteltäubchen einen regen Austausch verbaler Streicheleinheiten über den Umweg ihrer dienstlichen Computer. Fast minütlich schickten sich Romeo und Julia feurige elektronische Botschaften und übersahen dabei gänzlich, dass auch die Kollegen die amouröse Post auf den Bildschirm bekamen. Via Live-Schaltung erfuhr so der komplette Fachbereich von den vielfältigen Kosenamen - "Schnupsi" und "Pummelchen" waren dabei noch die harmlosesten.
Noch viel ärger traf es einen Bochumer Dozenten. Der wird noch heute den Abend verfluchen, an dem er sich nicht brav daheim über staubige Bücher beugte, sondern lieber in Schale warf und eine örtliche Studentenparty aufsuchte. Dort tanzte er ausgelassen mit seinen Schutzbefohlenen, sprach ausgiebig dem Alkohol zu und machte einer adretten jungen Studentin schöne Augen.
Handschellen: Erstsemester-Spott gratis
Solcherlei Vorfälle sprechen sich natürlich in Windeseile herum. Und der bedauernswerte Hochschullehrer muss nun damit leben, dass selbst weniger kecke Erstsemester seinen Vornamen stets mit der Vorsilbe "Fessel-" versehen und dabei albern kichern.
Angesichts solcher Seelenpein bevorzugt der schlaue Professor doch die Cordhose mit Frühstücksbröseln und die kluge Professorin die Pferdedecke. Und gemeinsam blicken sie versonnen in die Brahms-Partitur.
Von Philipp Köster
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Akademische Mythen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH