Von Kristina Debelius
Minimum sind 33 Stunden, das sind eineinhalb Tage non-stop, inklusive Nachtschicht: keine Pause, kein Nickerchen - nichts außer Wortgefechten. "Wenn wir es länger schaffen, umso besser", meint Stoelzgen, Mitglied des Debattier-Clubs Streitkultur in Tübingen. Das Ziel des ganzen Events: einmal ins Guinness Buch der Rekorde kommen.
Für diesen einschneidenden Moment der Weltgeschichte haben sich die Studi-Stars der Debattantenszene auch schon ein weltbewegendes Thema überlegt: "Brauchen wir eine Bildungsreform?", lautet die Frage, über die man sich in der Marathon-Debatte am 4. und 5. Juli in Tübingen den Kopf zerbricht. Und damit will man schon ganz in die Fußstapfen der "Großen", nämlich der Politiker, treten.
"Die ganz großen Nummern sind natürlich Gregor Gysi und Joschka Fischer, die haben eine unglaubliche Überzeugungskraft", meint Stoelzgen. Insbesondere Fischers Rede während des Grünen-Parteitags, nachdem er mit einem roten Farbbeutel attackiert worden war, hat ihn fasziniert. "Auch dadurch, dass Fischer sein Jackett nicht ausgezogen hat, hat er ungemein glaubwürdig gewirkt."
"Farbbeutel-Rede" von Joschka Fischer: Für die Jung-Debattanten rhetorisches Vorbild
Zersägt... Damit die aufstrebenden Jung-Debattanten nicht das gleiche Schicksal erleiden, wird in Tübingen schon für den Weltrekord geprobt. Und damit das nicht langweilig wird, haben sie sich schon jede Menge Unter-, Teil- und Nebenaspekte ausgedacht, beispielsweise die Themen Ganztagsschule oder Kindergarten.
Debattiert wird, bis sich die Balken biegen, und zwar nach festen Regeln. Den Schlagabtausch liefern sich - wie im "richtigen" Politikerleben - zwei Fraktionen: Regierung und Opposition. Jeder hat sieben Minuten Zeit, um die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen und die Argumente des Gegners zu zerpflücken. Advocatus diaboli spielen muss man dabei natürlich auch: "Das schult einen unglaublich, man wird bemerkenswert tolerant", meint Bernd Rex, ebenfalls Streitkultur-Mitglied.
Sport ohne Schwitzen
Auf Rede folgt Gegenrede, zwischendurch können sich freie Redner aus dem Publikum einklinken, um eventuell ein neues Fass aufzumachen: "Das kann das ganze Blatt noch mal wenden, da kommen Argumente, an die man selbst überhaupt nie gedacht hat," so Stoelzgen. Jeder Unteraspekt wird eine Stunde behandelt, dann stimmt das Publikum ab.
Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Wer abschaltet oder einschläft, wird an die Wand geredet. Damit das nicht passiert, trainieren die Herausforderer aus Tübingen nicht nur das Reden, sondern halten sich auch mit Joggen fit. Schließlich habe man es hier ja mit einem Denksport zu tun, meint Stoelzgen.
Ein Sport also ohne Schwitzen, zu dem man sich einmal pro Woche im Club trifft. Hier wird gelernt, was an der Uni oft zu kurz kommt: Die Kunst des Redens, jemanden zu überzeugen, ohne mit staubtrockenen, abgelesenen und auswendig gelernten Argumenten zu langweilen.
Kein Stottern, keine Geleier, keine vor Bettschwere gelähmten Gesichter mehr - ein Segen für viele Studierende, die auf Referate nur wenig Feedback bekommen. Und gleichzeitig ein Handwerk, das nicht nur an der Uni Gold wert ist. "Das kann man auch im Berufsleben gut gebrauchen", glaubt Debattant Bernd Rex. Geschulte Jung-Debattanten haben es in bestimmten Berufen leichter. Zum Beispiel als Anwalt. Oder als zamonischer Lügengladiator - wenn nicht gar als Politiker.
Debattiert wird über Sterbehilfe, die Wehrpflicht von Frauen oder eine staatliche Pflichtausbildung für Politiker. Dabei steht nicht so sehr das Thema im Vordergrund, wichtiger ist die Klarheit und Überzeugungskraft der Rede.
Den Weltrekordversuch betrachten die Redekünstler jedoch eher als sportlichen Event. Außerdem wollen sie mit einem Klischee aufräumen: "Der Debattant ist nicht derjenige mit der Hornbrille, der in Mathe gut ist und bei den Mädchen unbeliebt. Debattieren ist nicht nur für langweilige Juristen, sondern kann wirklich Spaß machen," meint Stoelzgen.
Feurige Jungs - auch ohne Hornbrille
Er übernimmt am liebsten die Schlussrede: "Man muss Köpfchen haben, schnell zum Punkt kommen und total klar denken und argumentieren. Als Schlussredner muss man scharfsinnig, feurig und emotional sein. Der muss noch mal ordentlich auf die Pauke halten und den Sack zumachen. Ich erlebe das als rauschhaft, wenn ich merke, die hören mir zu, ich habe sie gepackt."
Da ist die Gefahr groß, in Polemik zu verfallen. Das bringt zwar schnellen Applaus. Aber "in Wahrheit muss man Polemiken sparsam einsetzen, sonst wirkt man nicht glaubwürdig und kompetent," meint Stoelzgen. "Gepackt" hat es übrigens nicht nur ihn: Debattier-Clubs wie in Tübingen schießen in Deutschlands Studi-Hochburgen wie Pilze aus dem Boden.
Der Trend kommt aus Großbritannien, wo Debattier-Clubs traditionell zum Studentenleben gehören. In den USA ist Debattieren längst zum Massensport geworden, seit 1981 gibt es sogar eine Weltmeisterschaft. Die zweite Deutsche Meisterschaft wird vom 21. bis 23. Juni in Dresden ausgetragen. 20 Debattier-Clubs aus ganz Deutschland treten gegeneinander an. Der Sieger wird von einer Jury bestimmt.
Mit dabei sind auch die angehenden Weltrekordler aus Tübingen. Eine gute Gelegenheit, sich schon mal warm zu laufen, wenn dann Anfang Juli die Bildungsreform endgültig unter den Redehammer kommt.
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