Von Felix Göpel
Manchmal glaube ich, er ist mein Blitzableiter, der negatives Karma von mir abhält. Erstaunlich: Kein Schlag ist so schwer, als dass er nicht darüber lachen könnte.
Auf den Rübeneintopf verzichten wir zugunsten von Mirabellen, Äpfeln und Birnen, die alle radfahrerfreundlich am Seitenstreifen wachsen. Allerdings sind die meisten Früchte noch nicht ganz reif. So liegen wir am Abend mit Magenkrämpfen im Stroh neben dem Zelt - nicht das erste Mal auf der Tour.
Unreife Früchtchen kippen den Ernährungsplan
Auch an den Tomaten vom Feld haben wir keine rechte Freude, weil sie durchgehend extrem mehlig schmecken. Am nächsten Tag macht sich das Kaloriendefizit auf dem Fahrrad schnell bemerkbar, so dass wir unseren neuen Ernährungsplan an den Nagel hängen.
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Begegnungen in Asien: Menschen, die das Radsportteam traf |
Wetter und Landschaft meinen es auf den letzten Kilometern gut mit uns. Wir fahren auf einem bequemen Seitenstreifen, über uns strahlt der Himmel in stärkstem Blau, von hinten schiebt uns ein leichter Wind Richtung Westen. Wir übernachten auf den Feldern und waschen uns in Flüssen oder gar nicht.
Auf dem Fahrrad gehen wir unseren Gedanken nach oder spielen Kadaverraten. Manche der überfahrenen Tiere sind schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt, aber anhand der Größe und Fellfärbung kann man noch einiges erahnen. Eines der üblichen Radfahrerspielchen eben.
Wir fahren nach Berlin! Wir fahren nach Berlin!
Nach drei Tagen auf dem Rad erreichen wir Slubice in den späten Abendstunden. Auf dem anderen Ufer der Oder sehen wir Frankfurt, die Sonne taucht das Bild in ein zartes Rot. Wir lassen zur Feier des Tages unser treues Zelt im Packsack und nehmen uns ein billiges Zimmer im Hotel "Polonia".
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Unser großer eurasischer Kreis, der uns in einem Jahr über Osteuropa, den Mittleren Osten, Indien, Nepal und China bis zur Weltmeisterschaft brachte und über Russland und die baltischen Staaten wieder zurück, ist kurz davor, sich wieder zu schließen.
Meine Familie hat angekündigt, uns hinter der Grenze in Empfang zu nehmen, um die letzten 100 Kilometer nach Berlin gemeinsam zu fahren. Als wir am nächsten Morgen die Grenze überschreiten, tut der Grenzer uns nicht den Gefallen, im Reisepass unsere Visakollektion zu bewundern. Er lacht nur freundlich auf, ob des lotterigen Aussehens von Pass und Passträger, und sagt: "Das Teil stinkt aber schon ein wenig!"
Am Ende der Tour Tour
Dann sind wir wieder da. Mein Vater schwenkt eine große Deutschlandfahne zur Begrüßung, auf der kleine Fahnen der Länder, die wir durchquerten, aufgenäht sind. In Mutters Armen, in Vaters Armen, in den Armen der Schwestern. 19 verschiedene Länder in 373 Tagen und knapp 11.000 Kilometer mit dem Rad.
Ob es ein besonders pathetischer Moment in unserem Leben ist? Eigentlich nicht, aber ein schöner Moment. Bei solch einer Tour ist das Verhältnis von Ziel und Aufwand im Laufe der Zeit einer paradoxen Veränderung unterworfen. Ohne den unbedingten Willen, sein Ziel zu erreichen, nimmt niemand solche Strapazen und Entbehrungen in Kauf. Aber je näher wir dem Ziel rückten, desto kleiner erschien es uns.
Es ist wie bei Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer: Die beiden Entdeckungsreisenden ziehen durch die Wüste einem gewaltigen Riesen entgegen. Und je näher sie ihm kommen, desto kleiner wird er. Am Ende ist der vermeintliche Gigant, der den schönen Namen Herr Tur Tur trägt, nicht größer als sie selbst. Es ist nur ein Scheinriese. Die zwei Freunde nehmen Herrn Tur Tur mit auf ihre Insel, wo er als Leuchtturm arbeitet. Er wirkt nur für Außenstehende unvorstellbar groß; in Wirklichkeit ist er kleiner, aber dafür sympathisch, schön, angenehm und zudem eine tolle Bereicherung für zuhause.
So wie unsere Tour Tour für uns.
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