Von Carsten Heckmann
Gewissermaßen in die Abteilung "Nachweis von Schlüsselqualifikationen" fällt...
Das Schummeln im Team
Teamarbeit wird immer wichtiger, sagen alle Wichtigen. Also los: Toilettenbesuch vortäuschen, draußen Aufgabenstellung kopieren, an wartende fachkundige Freunde verteilen, beim zweiten Toilettenbesuch Lösungen erfahren. Soll schon oft geklappt haben.
Schwer vorstellbar ist das bei folgender Variante, von der aber glaubhaft versichert wird, dass sie sich schon zugetragen hat: Man tut nach dem Austeilen der Aufgaben so, als gäbe man auf, verlässt den Hörsaal, trifft sich mit seinem Expertenteam, löst alles - und nutzt dann das Durcheinander im proppevollen Saal während der Abgabezeit, um sich wieder reinzuschleichen und seine Klausur abzugeben.
Natürlich kann man auch mit mehr Kreativität brillieren...
Das Schummeln mit Witz
In Foren wie www.spickzettel.de werden gern auch mal richtig originelle Methoden ausgetauscht. Zum Beispiel: Japanisch lernen für den Spicker, den nur sehr wenige Prüfer als solchen erkennen könnten.
Oder dieses Rezept: Eine Tafel Schokolade nehmen und das, was man braucht, in die Unterseite einritzen. Das Ganze wieder gut verpacken. In der Prüfung die Infos ansehen und das Beweismaterial genüsslich verzehren. Auch denkbar: Die Mogelzeilen einfach zwischen den Schmierereien auf den Hörsaal-Pulten verteilen.
Erlaubt ist das alles natürlich nicht - wer von Skrupeln übermannt wird, greift zum...
Schummeln, das keins ist
"Das Täuschen im akademischen Bereich ist klar zu unterscheiden von jedem in Klasse 9", sagt Prüfungsexperte Hammelrath. Damit meint er nicht etwa Verfeinerungen einzelner Methoden. Nein, er denkt grundsätzlicher. Er meint ein Täuschen, das "kein Täuschen im Sinne einer Ordnungswidrigkeit ist". Er meint "eine Situation, die nicht prüfungskonform ist".
"Die Kandidaten wissen doch häufig vorher, in welche Richtung das Thema geht. Der Prüfer gibt die Richtung an. Unter Umständen erlaubt das sogar die Prüfungsordnung. Es findet eine Absprache statt", erläutert Hammelrath. Das gelte für schriftliche wie für mündliche Prüfungen.
In der Tat. Im Extremfall sieht das aus wie bei Cordula Lüneburg (Name geändert), die in Leipzig Theaterwissenschaft studierte. Sie bekam von ihrem Professor vor der Abschlussprüfung gleich die ausformulierte Prüfungsfrage. Sehr praktisch. "Da brauchte ich während der Prüfung nur noch aufzuschreiben, was ich daheim erarbeitet und auswendig gelernt hatte."
"Da liegt der Hase im Pfeffer", meint Alf Hammelrath. "Das Problem des Pfuschens besteht in diesem Sinne auch auf Seiten des Prüfers." Der habe durchaus ein Interesse daran, dass seine Kandidaten gut abschneiden. Der Fachmann fordert: "Bei akademischen Prüfungen sollten die Themen eigentlich so gestellt werden, dass eine spitze Vorbereitung gar nicht möglich ist."
Das Schummeln des Prüfers
Hammelrath, mitverantwortlich für "Prüfungen auf dem Prüfstand", der Publikation einer Sachverständigenkommission in Nordrhein-Westfalen, glaubt, dass viele Studenten zu Schummlern würden, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlten. "Die sagen sich: Wenn wir behandelt werden wie Schüler, dann verhalten wir uns auch so."
Die Lösungsvorschläge des Münsteraners: die Prüfung als Auseinandersetzung mit einem Problem gestalten, die Studenten im Gespräch gut vorbereiten, ein Minimum an Hilfsmitteln in Prüfungen erlauben. "Ich bin für einen Rückbau einer Prüfungssituation, die eigentlich mit der Nachfrage nach einer intellektuellen Leistung wenig zu tun hat."

Kandidat: Prüfer foppen oder ehrlich bleiben?
Zweitens geht Hammelrath davon aus, dass die Studenten eigentlich gar nicht täuschen wollen. Sie würden nur gern zufriedener sein mit der Art und Weise, wie ihre Noten zustande kommen. "Den Spruch 'Besser eine ehrliche Drei als eine gepfuschte Eins' habe ich wirklich schon von Studenten gehört."
Österreichische werden das nicht gewesen sein. Die haben laut Salzburger Studie andere Beweggründe zum Schummeln als das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden. Ihre Top vier: Nicht genug Zeit zum Lernen, Stoff zu schwierig, Angst vor dem Durchfallen. Und natürlich der Wunsch, eine gute Note zu bekommen.
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