Von Stefan Pannor
Was Schlaf ist, dürfte Dirk Stascheit bis zum nächsten Freitag fast vergessen haben. Wenn der Leipziger Journalistikstudent nicht grade Interviews gibt, sitzt er am PC und layoutet, redigiert, arbeitet Zeitpläne aus, koordiniert Drucktermine. Der 20-jährige ist derzeit wohl Deutschlands jüngster Chefredakteur einer Tageszeitung. Sie raubt ihm den Schlaf, und er ist froh darüber.
Seit einer Woche erscheint "Der Leipziger". Zunächst auf Probe, 14 Tage lang. Eine auf den ersten Blick eher unauffällige Publikation mit gerade mal vier schreibblockgroßen Seiten. Jede Ausgabe kostet 40 Cent. Das ist nicht wenig, aber immerhin bleibt das Blatt werbefrei und trägt sich, selbst wenn nur die Hälfte der Auflage verkauft wird.
Von der Schnapsidee zum Testlauf
Die Macher verlangen kein Honorar, denn das Redaktionsteam besteht durchgängig aus Journalistikstudenten der Universität Leipzig. Trotzdem ist es kein Uni-Projekt. Alle acht Redakteure - niemand älter als 23 Jahre, alle maximal im vierten Semester - arbeiten aus eigenem Antrieb. Kaum einer von ihnen hat Tageszeitungs-Erfahrungen. Ein Redaktionsbüro gibt es nicht, kommuniziert wird via PC und Handy.
Wie jede gute Idee begann auch "Der Leipziger" als Schnapsidee, auf einer sommerlichen Grillparty. "Einfach mal zeigen wollen, dass es geht", sagt Stascheit zur Motivation - in einer Stadt, die sich gern "Medienstadt" nennt, seine Einwohner journalistisch aber nicht eben verwöhnt. Zwei Tageszeitungen gibt es hier: die "Leipziger Volkszeitung" und die Regionalausgabe der "Bild".
Als echte Konkurrenz für die Platzhirsche sieht Stascheit den "Leipziger" nicht, möchte aber ein Zeichen setzen. "Wir wollen Themen gern tiefer bearbeiten, als es die Lokalzeitungen derzeit tun", sagt er - mehr Reportage, weniger News, kein Kreuzworträtsel. "Und wir sind uns sicher, dass es eine Käuferschicht dafür gibt."
Keine Atempause, Zeitung wird gemacht
Die Belastung ist für alle enorm. Das Layout dauert oft bis vier Uhr nachts, um sechs Uhr früh ist Druckbeginn. Ab acht Uhr morgens verkauft das Redaktionsteam sein Blatt selbst in der Leipziger Innenstadt. Nicht bis ausverkauft ist, sondern nur bis die Druckkosten gedeckt sind. Um 10 Uhr ist Redaktionskonferenz. Kein Wunder, dass das Blatt noch an vielen Stellen improvisiert wirkt. Ein oft eher sprunghaftes Layout und manchmal auch zuviel Text auf einer Seite zeugen vom Druck, unter dem das Blatt entsteht.
Stolz sind nicht nur die Redakteure auf den "Leipziger". Auch an der Uni zeigt man sich begeistert. Von einer "Bereicherung des Marktes" spricht Michael Haller, Leiter der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig. Und davon, dass Projekte wie "Der Leipziger" die lokale Medienkommunikation bereicherten: "Vielfalt macht die Medienlandschaft erst zu dem, wie sie sein sollte." Eine Unterstützung des Blattes durch das Institut nach Ablauf der Probezeit schließt er nicht aus.
Wie es weitergeht, ob die Redaktion kostendeckend arbeiten und im Semester auch die Doppelbelastung Tageszeitung und Studium verkraften kann, ist noch völlig offen. Vorerst berührt das Dirk Stascheit wenig. Bis Samstag wird weiterproduziert und verkauft. Dann kann er sich exakt einen Tag ausruhen - bevor am Montag das Semester für ihn beginnt.
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