Frauen in Großbritannien schimpfen und beleidigen genau so drastisch wie Männer - allen Klischees über weibliche Zurückhaltung und Diplomatie zum Trotz. Beim Streiten nehmen sie Kraftausdrücke sogar öfter in den Mund als Männer, wie die Bonner Anglistin Ruth-Maria Roth in einer am Donnerstag vorgestellten Studie herausfand. Jede vierte Frau, die auf eine Provokation reagierte, feuerte eine handfeste Gegenbeleidigung ab; bei den Männern waren es nur jeder siebte.
Wenn Frauen attackieren, dann tun sie es besonders deutlich und durchaus unter ausgiebiger Nutzung des F-Wortes. Das ergab die Befragung von mehr als 200 Studentinnen und Studenten in Großbritannien. "Piss off, you fucker!", "Arsehole!" und "Bastard!" waren geläufige Antworten, wenn sich Frauen belästigt oder beleidigt sehen. Die Ergebnisse seien wegen der ähnlichen Kultur weitgehend auf Deutschland übertragbar, vor allem für die untersuchte Altersgruppe von Studenten, erläuterte die 26-jährige Anglistin.
Ist damit also die Emanzipation im Bereich der Sprache geschafft? Offenbar nicht. "Wenn sich Frauen unterlegen fühlen, lassen sie eher davon ab, Kontra zu geben", sagte Roth. So will rund ein Fünftel der weiblichen Befragten eine Beleidigung lieber nicht im Raum stehen lassen, sondern verbal zurückschlagen.
Die Männer lassen Angriffe seltener auf sich sitzen: Mehr als ein Drittel kontert direkt, allerdings ohne unbedingt zu beleidigen. Stattdessen geben Männer öfter eine ironische Antwort oder nehmen der Beleidigung mit einem Scherz die Spitze.
Frauen fühlen sich öfter unterlegen
Bei genauem Hinsehen könnte also auch die Tendenz der Frauen, härter zurückzuschlagen, dafür sprechen, dass sie sich öfter unterlegen fühlen. Sie sehen sich mehr als Männer gezwungen, ihre Machtposition durch eine unmissverständliche Antwort mit Schimpfwörtern zu verbessern. "Die Fähigkeit, eine Beleidigung ironisch zu parieren oder sogar abtropfen zu lassen, ist doch meist viel souveräner", erklärte Roth. Nur wenn sich die Streitenden in den vorgegebenen Testsituationen gut kannten, hätten viele Frauen dagegen gehalten.
Über Beleidigungen ist in den Sprachwissenschaften bislang kaum ein Wort verloren worden. Verbale Reaktionen mit Fragebögen abzuklopfen, sei methodisch schwierig, berichtete Klaus Schneider. Der Anglistik-Professor an der Universität Bonn betreute die Examensarbeit und hält sie für "die beste, die mir je über den Schreibtisch gegangen ist."
Für ihr Werk hat Ruth-Maria Roth den "Queen's Prize" der Bonner Universität erhalten. Der jährlich vergebene Preis wurde 1965 von Königin Elizabeth II für hervorragende Forschungsrabieten im Fach Anglistik gestiftet.
Die Autorin selbst räumt allerdings ein, dass ihre Forschungsmethode per Fragebogen auch ihre Schwächen hat: "Wie will man entscheiden, ob die Teilnehmer in der Realität wirklich so reagiert hätten?" - denn bei schriftlichen Äußerungen mit etwas Bedenkzeit könnte man sich als schlagfertiger darstellen als im rauen Alltag, wenn man sofort auf Rüpel reagieren muss.
Mit dem Thema Beleidigungen will Ruht-Maria Roth sich weiter beschäftigen - für eine mögliche spätere Promotion denkt sie jetzt über einen Ländervergleich zwischen deutschem und spanischem Schimpfen nach.
Von Markus Sambale, AP
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