Von Oliver Voß
Er war gerade im Seminar für keltische Literatur, als ein Mann hereinkam und der Professorin einen Brief gab. Die Nachricht war für Steve Stanzak: Der Zwanzigjährige sollte zum Studiendekan der New York University kommen. Sofort. Auf dem Weg zum Büro stoppte Stanzak an jedem Trinkbrunnen, um sich zu beruhigen. Dann begrüßte der Dekan den Studenten mit den Worten: "Ich bin sicher, Sie wissen, warum sie hier sind."
Das wusste Steve ganz genau.
Seit Mitte September hatte der Anglistikstudent in der Bibliothek der Universität gewohnt. Zuerst schlief er im Computerraum auf dem Boden, doch dort war es oft voll, und die Sicherheitskräfte weckten ihn häufig. Also zog Steve eine Etage tiefer ins Archiv. Über ein halbes Jahr schlief er in einer Ecke auf einem Bett aus drei, vier Stühlen und einem Kissen. Eine Decke brauchte er in der warmen Elmer-Holmes-Bobst-Bibliothek kaum.
Vom ärmsten zum prominentesten Studenten
Wichtiger war eine Schlafmaske, denn sein Platz blieb die ganze Nacht hell erleuchtet. Steve hatte Zeit zu studieren, erstellte mit einem Freund eine Website und begann von seinem Leben als Bobst Boy zwischen mehr als drei Millionen Büchern zu berichten.
In erster Linie waren es Geldsorgen, die Steve Stanzak in die Bibliothek trieben. Im Internet rechnet er vor: Von seinen Eltern bekommt er keinen Cent, obwohl sie gut verdienen. Die Uni zahlt ein Stipendium von jährlich 15.000 Dollar, außerdem hat Steve gleich vier Jobs. Bis zu 30 Stunden in der Woche jobbt er an einer Grundschule und als Babysitter, als Sozialarbeiter und Haushälter. Mit zusätzlichen Krediten reichten die Einnahmen gerade so für die Studiengebühren von 31.000 Dollar jährlich - aber nicht für die Miete und das teure Leben in New York.
Steve Stanzak nennt noch andere Gründe, warum er zum Bobst Boy wurde. Als "idealistischen Träumer" beschreibt er sich selbst: "Ich bin im Herzen ein Schriftsteller, das schien eine Erfahrung, die ich nicht verpassen konnte." Seit er in der dritten Klasse Tolkiens "Herr der Ringe" gelesen hatte, wollte Steve schreiben. So ging er an die Uni nach New York und begann Anglistik zu studieren, mit dem Schwerpunkt "Kreatives Schreiben".
Revierkämpfe mit dem "Green Head"
Bald wurde der mittellose Junge, der in der Bibliothek wohnt, zu einer Berühmtheit auf dem Campus. Über seine Website lernte er viele Leute kennen. So besuchte er mit Ray, einem ehemaligen Obdachlosen, ein Zentrum für jugendliche Straßenkinder. "Ich bin nichts Besonderes, ich bin glücklich, dass ich einen Platz für die Nacht habe und ein paar Jobs. Ich bin obdachlos, aber nicht obdachlos", schrieb Steve danach in sein Internettagebuch. Spendenangebote verweist er seitdem an Obdachlosenorganisationen.
Auch seinen Alltag beschreibt er detailliert im Tagebuch: "Anfangs wurde ich zwei, drei Mal von den Sicherheitskräften geweckt, die sagten, ich könne da nicht schlafen. Die letzten Male fragten sie nur noch, ob alles okay ist. Und dieses Semester wurde ich gar nicht mehr geweckt." Es sei eine der schwierigsten und sonderbarsten Erfahrungen, "da schlafen zu gehen, wo du nicht hingehörst und dir ein Haufen Fremder zusieht. Meine intimsten Routinen werden täglich von vielen beobachtet."
Der Bobst Boy berichtet von Revierkämpfen mit "Green Head", einem Typen mit grünen Haaren, der sich oft bis tief in die Nacht auf seinem Platz rumtrieb und ihn mit der Musik aus seinem "Yuppie I-pod" nervte. Seine wenigen Sachen hatte Steve bei sich oder in einem Schrank eingeschlossen. Waschen konnte er sich an der Uni, ab und an duschte er bei Freunden - täglich Duschen werde "auch etwas überbewertet". Und überhaupt: "Ich bin obdachlos, da darf ich wohl ein wenig riechen."
Die Universität zeigt Mitleid
Die Geschichte des seltsamen Bibliotheksbewohners rührte offenbar auch die Hochschulleitung. "Sie hatten Respekt dafür, was ich seit September getan hatte, und wollten mir helfen. Sie haben die ganze Website gelesen und wussten sogar, dass ich gern bei 'Little Poland' esse", notierte Steve verblüfft.
Die Uni besorgte dem Studenten erst ein Hotelzimmer und dann einen kostenlosen Wohnheimplatz. Der Student habe sich in seiner Geldnot mit einer einzigartigen Lösung zu helfen gewusst und werde damit sicher auch in die Uni-Annalen eingehen, begründete Hochschulsprecher John Beckman die Unterstützung. Schließlich stricken große amerikanische Universitäten stets eifrig an den eigenen Mythen und Legenden.
"Ich tat es nicht, damit mir geholfen wird, sondern um da zu wohnen", betont Steve indes; er habe keinswegs auf die Wohltätigkeit der Uni spekuliert. In sein neues Domizil zog er mit gemischten Gefühlen: "Es war komisch, ein eigenes Zimmer zu haben, ein großes mit Bett, Kissen und allem. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich nun glücklich oder enttäuscht bin."
Die Website von Steve ist wegen der vielen Zugriffe momentan schwer erreichbar.
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