Jürgen Udolph ist Professor für Onomastik an der Universität Leipzig. Und der Namenforscher hat alle Hände voll zu tun: Täglich erreichen ihn Dutzende, mitunter Hunderte von Mails, in denen Menschen über die Herkunft ihres Namens rätseln. Als SPIEGEL ONLINE im Februar zur E-Mail-Sprechstunde mit Udolph einlud, begann sein Mail-Zugang zu qualmen. Vielen Lesern konnte er bereits helfen, mit mal kurzen, mal ausführlichen Auskünften über die Wurzeln und Verbreitung ihrer Namen.
Nur selten muss der Wissenschaftler passen, wenn selbst seine vielen Fachbücher, die Internetrecherche und andere Quellen keine gescheiten Hinweise geben. Aber Udolph gibt so schnell nicht auf und kann die meisten Rätsel lösen. Allerdings gelingt das nicht immer sofort, schließlich hat er als Hochschullehrer und Forscher auch andere Verpflichtungen: "Ich bitte um etwas Geduld, wegen der vielen E-Mails kann es mit der Antwort einige Wochen dauern", sagt Jürgen Udolph.
Antwort von Jürgen Udolph:
Der Name Röbenack ist in Deutschland 29mal bezeugt, vor allem in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Genau dort ist auch die Familiennamenvariante Rübenack (33 Einträge) bezeugt, während eine weitere Form Rübenacke (31 Nachweise) uns vor allem in Westfalen begegnet. Davon zu trennen ist Rübenacker; die 97 Einträge weisen eine absolute Konzentration bei Karlsruhe auf. Daraus folgt für die Deutung:
1. Rübenacker ist ein Herkunftsname und geht auf die Siedlung des ersten Namensträgers zurück: Er wohnte an einem Rübenacker.
2. Röbenack, Rübenack und Rübenacke sind sehr wahrscheinlich davon zu trennen. Eher enthalten sie mit R. Zoder (Familiennamen in Ostfalen, Bd. 2, Hildesheim 1968, S. 417) einen Satz- oder Kehrnamen "(ich) raufe den Nacken" - hier in niederdeutscher Form zu mittelniederdeutsch ropen "raufen, rupfen, zausen", zumeist verwendet für einen Raufbold oder Schläger. R. Zoder belegt den Namen bereits für 1330 in der Form Johannes Ropenacke.
Satznamen sind übrigens auch Störtebeker "stürz den Becher" (niederdeutsch), Shakespeare "schüttel den Speer", Rürup "rühr auf" (Aufrührer, niederdeutsch) und Hauto "hau zu" (niederdeutsch).
Antwort von Jürgen Udolph:
Der ungewöhnliche Name Exß ist im deutschen Telephonbuch in den Schreibungen Exß und Exss 18mal belegt. Die Streuung des Namens ist im wesentlichen auf Norddeutschland beschränkt. Das sollte bei der Deutung berücksichtigt werden.
Der Name wird in den Standardwerken der deutschen Familiennamenforschung zweifach erklärt. M. Gottschald (Deutsche Namenkunde, Berlin-New York 1982, S. 166) nennt die Form Exß und stellt sie als genitivische Form zu einem Personennamen Ago, Agio, in dem letztlich althochdeutsch Ecka, mittelhochdeutsch ecke, egge, neuhochdeutsch Ecke, verwandt mit lat. acer, acies "scharf, Schärfe, Schlachtreihe", zu suchen ist.
Der Personenname ist eine Kurzform zu Egbert, Eckhard, Egolf u.ä. M. Gottschald setzt allerdings in Klammern hinzu "(niederdeutsch Axt)" und verweist damit auf die zweite Möglichkeit, die auch R. Zoder, Familiennamen in Ostfalen, Bd. 1, Hildesheim 1968, S. 412 anführt: Es ist der Zusammenhang mit mittelniederdeutsch exe, ekse, eine Nebenform zu ackes "Axt". Es könnte sich dann um einen so genannten Berufsübernamen handeln, also um die Bezeichnung für einen Menschen, der mit einer Axt gearbeitet hat.
In Anbetracht der Streuung des Namens in Norddeutschland kann man wahrscheinlich die zweite Erklärungsmöglichkeit vorziehen.
Antwort von Jürgen Udolph:
Der Familienname Strübig ist in Deutschland 143mal bezeugt. Wichtig ist die Streuung: Sie zeigt eine deutliche Häufung im ostfälischen Gebiet bei Hildesheim Braunschweig, Halberstadt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Familien Strübig aus benachbarten Orten kommen.
Familiennamen aus diesem Gebiet werden bestens erklärt bei R. Zoder, Familiennamen in Ostfalen, Bd. 1-2, Hildesheim 1968. Dort findet sich in Band 2, S. 689) der Hinweis: Strübig s. Strübing. Es ist eine mundartliche Eigentümlichkeit dieses Gebietes, dass ursprüngliche -ing-Namen zu -ig oder noch weiter zu -i oder -y verändert werden (auch in Ortsnamen; Hary hieß Heringe).
Da es viele Wörter und Namen gibt, die heute ein -ing- enthalten (Pfifferling, Däumling, Training, Göttingen, Reutlingen, Tübingen), wird bei Namen, die ein -ig enthalten, gern ein -ing- eingeschoben, weil man meint, das müsse so sein.
Zur Deutung ist R. Zoder einzusehen. Dieser weist bereits für 1308/1369 den Namen Struving nach und stellt ihn zu mittelniederdeutsch strûf, mittelhochdeutsch strûbe, strûp "emporstarrend, gesträubt, rauh, struppig (von den Haaren)". Man kann auch an "rauh, streng, kurz angebunden, barsch (vom Menschen), also an einen 'Widerhaarigen'" denken, aber die erste Bedeutung ist wohl vorzuziehen. Die Endung -ing- in Struving, das zu Struvig, Strüvig wurde, ist eine so genannte patronymische Form und bezeichnet "Nachkommenschaft, Sohn, Sippe" des Struv(e). Die Möglichkeit einer Erklärung aus dem Slavischen, die wohl auf einen Gedanken von M. Gottschald (Deutsche Namenkunde, Berlin-New York 1982, S. 480) zurückgeht, wird durch die Streuung widerlegt.
Als Brinksitzer bezeichnete man seit dem 16. Jahrhundert Söhne, die nichts mehr erbten und sich eigene Wohnmöglichkeiten zu schaffen versuchten. Sie gingen handwerklicher Tätigkeit nach, arbeiteten für Tagelohn und in der Landwirtschaft.
Antwort von Jürgen Udolph:
Unter 40 Millionen Telefonteilnehmern (Stand: 1998; neuere CD-ROMs sind aus Datenschutzgründen schlecht zu verarbeiten) ist der Name Granzow 801mal bezeugt. Die Verbreitung zeigt, dass der Name vor allem in Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern vorkommt. Streicht man die Nachweise in Berlin und Hamburg, bei denen es sich um Zuwanderungen aus der näheren Umgebung handeln wird, so kristallisiert sich als Schwerpunkt der Namen ein Gebiet um Neustrelitz und Neubrandenburg heraus.
In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind mehrere Orte mit dem Namen Granzow nachweisbar, von dem der Familienname unzweifelhaft stammt (ein so genannter Herkunftsname). Zu beachten sind:
1. Granzow westlich von Kyritz (Kreis Prignitz); 2. Granzow nördlich von Teterow (Mecklenburg-Vorpommern); 3. Granzow südlich der Müritz (Kreis Mecklenburg-Strelitz).
Der Familiennamenhäufung am nächsten liegt der letzte Ort südlich der Müritz. Zu dessen Herkunft ist S. Wauer (Die Ortsnamen der Prignitz, Weimar 1989, S. 112f.) einzusehen. Sie behandelt zwar den ON. Granzow bei Kyritz, 1315 henricus granzowe, 1339 pawl grantzow, und zählt ihn zu Recht zu den Ortsnamen des Landes, die auf die jahrhundertelange slavische Besiedlung zurückgehen, vergleicht damit aber auch Granzow bei Neubrandenburg, Stralsund und andere.
Zugrunde liegt ein slavisches Sumpfwort, etwa in einer Grundform, die etwa Gronzow gesprochen wirdund in zahlreichen slavischen Sprachen bezeugt ist, unter anderem in ukrainisch hruz "Schlamm, Sumpf", polnisch grąz "morastiger Sumpf". Dieses Wort behandelt ausführlich J. Udolph, Studien zu slavischen Gewässernamen und Gewässerbezeichungen, Heidelberg 1979, S. 142-152.
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