Sonntag, 22. November 2009

UniSPIEGEL



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27.10.2004
 

Britische Exzentrik

Leprakolonie mit hohen Promillezahlen

Von Benedikt Mandl, Cambridge

Drei Deutsche auf einem Fleck gründen mindestens fünf Vereine, heißt es. Das ist aber noch gar nichts gegen die Vereinswut britischer Elite-Akademiker in Cambridge - dort findet garantiert jedes Hirngespinst ein paar Gleichversponnene.

Hauptsache auffällig: Laienschauspieler in Cambridge
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Benedikt Mandl

Hauptsache auffällig: Laienschauspieler in Cambridge

"Tut uns leid, dass ihr so lange warten müsst", sagt die junge Dame im hellblauen Polo, "aber wir haben dieses Jahr mehr Aussteller als je zuvor." Dazu drückt sie den Besuchern, die an diesem regnerischen Tag vor Semesterbeginn eine Stunde lang vor dem Eingang warten, einen Lutscher in die Hand, und einen Plan des Kelsey Kerridge Sports Centre, der größten Halle in Cambridge.

Drinnen planen Hunderte von Studenten hektisch ihr Sozialleben für die nächsten zwölf Monate. Die Halle wurde für drei Tage von der Studentenvertretung gemietet, damit sich die gesammelten Vereine und Gesellschaften der Universität präsentieren können. Sie sind das Rückgrat jeglicher Freizeitgestaltung in Cambridge.

Über 300 registrierte Gesellschaften gibt es an der Universität, nicht mitgezählt die zahlreichen Sportvereine und die Vereine an den einzelnen Colleges. Die meisten von ihnen halten wöchentliche Treffen ab.

Doch gleich zu Semesterbeginn muss man eine Entscheidung treffen, die die nächste Zeit entscheidend prägen wird: Welcher Gruppe will ich mich anschließen? Der Expeditionsgesellschaft, die letztes Jahr einen Monat lang durch den brasilianischen Pantanal marschierte? Oder doch lieber der Bergsteigervereinigung, die für dieses Jahr eine mehrwöchige Extremtour durch die chilenischen Anden plant?

"Cambridge hat die älteste Tolkien-Gesellschaft Großbritanniens", erzählt eine Studentin, während sie Informationsblätter verteilt, "älter noch als die am anderen Ort." Der andere Ort, "the other place", das ist Oxford. Der Altersvorsprung ist deshalb bemerkenswert, weil besagter Tolkien dort Professor war - so wischt man dem alten Rivalen nebenbei noch eins aus.

Versteckspiel in der Bibliothek

Den Beitrag von Cambridge zur Weltliteratur feiert die "Winnie-the-Pooh Gesellschaft" mit regelmäßigen Teekränzchen und Kartenspielen. Der Mittelalter-Verein wartet mit der Information auf, dass Cambridge einst die größte Leprakolonie Englands hatte. Die "Spanische Inquisition" hält dagegen lieber das Andenken an Monty Python hoch, unter anderem mit einem jährlichen Versteckspielturnier in der Universitätsbibliothek.

Nobel-Uni Cambridge: Über 300 registrierte Gesellschaften
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Mark Mniszko

Nobel-Uni Cambridge: Über 300 registrierte Gesellschaften

Andere Gesellschaften sind Ländern gewidmet. Neben der Deutschen Gesellschaft, die ganz großdeutsch auch an Österreichern Interesse bekundet, gibt es unter anderen auch eine Polnische, Ungarische oder Kanadische Gesellschaft, eine Vereinigung für Weißrussen und eine für Malayen. Chinesische Studenten haben die Qual der Wahl: Sie können sich dem chinesischen Schachverein, dem chinesischen Korps, dem chinesischen Kulturverein, der chinesischen Gesellschaft oder der Vereinigung chinesischer Studierender anschließen.

"Der Koran gibt uns eine Anleitung zur Verständigung der Völker, zu einer modernen Gesellschaft mit zeitlosen Werten!", erklärt eine kleine Frau. Für ein Foto von ihr muss sie erst einen bärtigen Kollegen fragen, der dezent im Hintergrund steht. Um die Ecke wirbt die Hinduistische Gesellschaft um Interessenten. Derzeit scheint sie noch mehr Götter als Mitglieder zu haben. Die Jüdische Gesellschaft verteilt koscheren Schnaps, während der Verein der Atheisten und Agnostiker etwas isoliert am Rande des Geschehens sitzt.

Lebenserwartung von 5000 Jahren

Zum ersten Mal dabei bei der Präsentation der Vereine ist der Verein zur Lebensverlängerung und Verjüngung. "Es funktioniert zwar noch nicht sehr gut, aber wir verfolgen einige sehr interessante Ansätze," verspricht Dr. Aubrey de Grey, der behauptet, Genetiker zu sein. Auf einem Flugblatt verspricht er eine mögliche Lebenserwartung von 5000 Jahren, zum Einführungsabend gebe es alkoholische Getränke. Mit seinem langen Bart erinnert Dr. de Grey stark an Gandalf aus "Herr der Ringe" und würde auch zur Tolkien-Gesellschaft passen.

Können nicht mit Schnaps aufwarten: Atheisten und Agnostiker
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Benedikt Mandl

Können nicht mit Schnaps aufwarten: Atheisten und Agnostiker

Mehr der Vergangenheit zugewandt als die Lebensverlängerer ist der Heraldische Verein, der aber sehr mäßiges Interesse hervorruft. Ganz alleine sitzt ein Freund der Wappenkunde an seinem Tisch. Vielleicht ist seine Aufmachung nicht spektakulär genug.

Diesen Fehler machen die Theatervereine nicht, mit grellen Kostümen ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich. Schließlich hat Cambridge eine stolze Tradition im Laienschauspiel. Nicht nur Monty Python hat hier begonnen, auch Emma Thompson und Ian McKellen begannen ihre Laufbahn auf einer der vielen ambitionierten Kleinbühnen der Colleges.

Wer sich im Harry Potter-Verein nicht wohl fühlt, kann sich bei Amnesty International oder dem Verein zur Befreiung von Tibet um eine bessere Welt bemühen. Eher hedonistische Ziele verfolgt dagegen die Dinner-Gesellschaft, ähnliches gilt auch für den Bierverein. Wer sich eher von Exzentrik als von hohen Promillezahlen locken lässt, wird vielleicht bei der Assassinen-Gilde, dem Diplomatie-Verein oder in einer Volkstanzgruppe heimisch. Eines ist sicher: Es wird ein geselliges Studienjahr werden.

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