Er läuft und läuft und läuft. In seiner Mission, die Namenforschung in Deutschland bekannter zu machen, absolviert Jürgen Udolph ein strammes Programm: Seit fünf Jahren erklärt der Leipziger Professor in seiner Sendung beim "Radio Eins" des Rundfunks Berlin-Brandenburg, was Namen bedeuten und woher sie stammen. Hinzu kommen die Reihe "Namen auf der Spur" im MDR-Fernsehen sowie etliche andere TV- und Radioauftritte - und natürlich Udolphs E-Mail-Sprechstunde bei SPIEGEL ONLINE.
Am Mittwochabend ab 23 Uhr plaudert der "Herr der Namen" bei Johannes B. Kerner über sein besonderes Metier - an der Seite des Journalisten Geert Müller-Gerbes und des fiedelnden Holländers André Rieu. Da lassen 40 Studenten der Namenforschung ihren Professor nicht im Stich und begleiten ihn zur Sendung.
Weil eine Lehrveranstaltung in Leipzig dafür ausfallen müsste, findet sie diesmal eben im Bus statt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dietlind Krüger hat sich kurzerhand für ein Seminar auf Rädern entschieden. Das Thema sind die Ortsnamen an der Piste, nämlich Halle, Magdeburg, Helmstedt, Peine, Hannover, Soltau, Fallingbostel, Lüneburg und Hamburg.
Jürgen Udolph lehrt an der Universität Leipzig und ist seit Oktober 2000 Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Onomastik. Seit SPIEGEL ONLINE im Februar erstmals zur E-Mail-Sprechstunde einlud, hat der Namenforscher vielen Lesern mit Auskünften über Wurzeln und Verbreitung ihrer Namen geholfen. Die meisten Rätsel löst er - aber nicht immer sofort: "Ich bitte um etwas Geduld, wegen der vielen E-Mails kann es mit der Antwort einige Wochen dauern", sagt der Sprachwissenschaftler.
Antwort von Jürgen Udolph:
Wie immer muss man zunächst von den Nachweisen in Deutschland ausgehen. Namen in Spanien, Belgien und Frankreich sollten zunächst beiseite bleiben. Wichtig ist der Hinweis auf eine ältere Schreibung Ordes. Unter 40 Millionen Telefonteilnehmern (Stand: 1998; neuere CD-ROMs sind aus Datenschutzgründen schlecht zu verarbeiten) ist der Name in Deutschland 58-mal bezeugt.
Die Verbreitung des Namens weist eine eindeutige Häufung im Ruhrgebiet nach, genauer: bei Mönchengladbach, Duisburg, Düsseldorf. Das auslautende -s weist auf eine so genannte patronymische Bildung hin (Ableitung vom Namen des Vaters), zu vergleichen etwa mit Hinrichs (aus Hinrichs Sohn, Hinrichs Nachkomme), Gerhard Friedrichs Sohn = Friedrichs, ferner Alberts, Borchers, Cordes, Engels, Rohlfs usw.
Dem Familiennamen Orts zugrunde liegt eine Kurzform Ort, niederdeutsch Ord (diese kommt hier für die ältere Form des Namens in Frage), gewonnen wurde aus zahlreichen alten Vornamen, die aus zwei Teilen bestehen: Ort-gis, Ort-leb, Ort-mann, Ort-win u.a.
Im ersten Teil dieser Namen steckt dt. Ort, hier zu beziehen auf althochdeutsch ort "Spitze" (der Bergmann arbeitet vor Ort = an der Spitze des Ganges, der Sohle). Landvorsprünge an der See heißen Ort (Speersort, Kettelort, Grüssower Ort). Man beachte auch altenglisch ort "stechende, schneidende Waffe".
Somit liegt in Orts / Ordes der Genitiv singular einer alten Kurzform eines ursprünglich zweigliedrigen Namens Ortgis, Ortleb o.ä. vor.
Antwort von Jürgen Udolph:
Herr Sevriens hat recht, der Name ist in Deutschland sehr selten: Nur 8-mal findet man ihn auf einer Telefon-CD, die Namenträger wohnen bei Arnsberg, Kassel und Köln.
Die Seltenheit des Namens weckt Zweifel an deutscher Herkunft. Die Belege im Rheinland führen zu der Frage, ob der Name in Frankreich, Belgien oder den Niederlanden zuhause ist. Bei der Suche wird man fündig, wenn man für die Niederlande und Belgien eine Internet-Seite mit dem folgenden Ergebnis nutzt: 115-mal ist der Name in den Niederlanden bezeugt, vor allem im südlichen Zipfel des Landes, 7-mal in Belgien (siehe Karte).
Damit ist klar, dass der Name Sevriens aus den Niederlanden kommt. Deutungen für entsprechende Familiennamen findet man fast immer in dem Buch: F. Debrabandere, Woordenboek van de familienamen in België en Noord-Frankrijk, 2003. Dort findet sich auch die Lösung für den Namen: Wie bei den Varianten Severijns, Severyns, Severijnen, Severins und vielen anderen liegt der christliche Heiligenname Severinus zugrunde, unter anderem ehemaliger Bischof von Köln, worauf die Popularität im Rheinland und in Limburg beruht.
Antwort von Jürgen Udolph:
Der auch durch Rudolf Diesel bekannt gewordene Name ist in Deutschland im Telefonverzeichnis 349-mal bezeugt, das Bild zeigt seine Verbreitung. Daraus ist ersichtlich, dass der Name vor allem im hochdeutschen Sprachgebiet bezeugt ist. Allenfalls im Ruhrgebiet ist auch der niederdeutsche Sprachraum daran beteiligt.
Die Forschung ist sich über die Herkunft nicht ganz einig, aber die folgende Erklärung hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich (vgl. A. Heintze, P. Cascorbi, Die deutschen Familiennamen, 1933; Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung, 2000): Es liegt eine Verkürzung des christlichen Familiennamens Matthias (zum Teil auch beeinflusst durch Matthäus) vor. Da der Name Matthias auf dem -i- betont wird, kam es zu einer Reduzierung zu Thias, Thies, Dies. Hierher gehören auch Familiennamen wie Dies, Deismann, Deis, Dissen, Thieser etc. Bei Diesel trat ein Kose-, Verkleinerungs-, Verniedlichungselement (Suffix) an, ähnlich wie bei Mädel, Bübel, Häusel. So entstand die Form Diesel.
Matthias und Matthäus sind durch das Christentum eingeführte Namen, denen eine Bedeutung hebräisch "Geschenk [Gottes]" zugrunde liegt.
Antwort von Jürgen Udolph:
Das klingt zwar sehr interessant, aber schwedisch-tschechische Mischungen sind so gut wie unbekannt.
Gehen wir der Reihe nach vor: Unter 40 Millionen Telefonteilnehmern (Stand: 1998) ist der Name in Deutschland Matzak 90-mal bezeugt. Über ganz Deutschland hinweg gibt es keine auffällige Häufung, etwas stärker ist das Vorkommen in Norddeutschland und dem Ruhrgebiet. Das spricht, zusammen mit der Endung -ak, für eine Herkunft aus slavischem Gebiet. Zu beachten ist auch die Familiennamenvariante Matzack, die 24-mal belegt ist.
In Polen ist der Name nicht nachgewiesen. Jedoch liegt dies an der Schreibung, die eine Eindeutschung ist. Die normale polnische Schreibung muss Macak gewesen sein, und dieser Name ist in Polen unter 38,5 Millionen Einwohnern 17-mal bezeugt (K. Rymut, S³ownik nazwisk u¿ywanych w Polsce na pocz¹tku XXI wieku, CD-ROM, 2003). Die Namenträger sind in Thorn/Toruñ, Krakau und Kattowitz nachgewiesen. Die Familiengeschichte von Kai Matzak muß zu klären versuchen, welcher der Orte als Heimat in Frage kommt.
Die Deutung des Namens Macak/Matzak steht bei K. Rymut, Nazwiska Polaków, Bd. 2, Kraków 2001, S. 48: Es ist eine polnische Umwandlung von Matthias, poln. zumeist Maciej - und wiederum geht dieser christliche Name letzten Endes auf hebräisch "Geschenk [Gottes]" zurück.
Antwort von Jürgen Udolph:
Die Kombination -wrocki erweckt auch bei Laien den Eindruck, dass ein fremder Name vorliegt. Deutsche Wörter mit -wr- sind selten: Wrack und wringen gehören dazu; ferner klingt auch die Endung -ocki fremdartig.
In Deutschland ist der Name aber gar nicht so selten: 432 Einträge enthält eine Telefon-CD. Die Streuung des Namens zeigte Schwerpunkte in Brandenburg/Berlin, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Erfahrungsgemäß spricht dies für Zuwanderung aus dem Osten.
Hilfreich ist der Blick nach Polen. Hier ist der Name unter 38,5 Millionen Einwohnern 9788-mal bezeugt (K. Rymut, S³ownik nazwisk u¿ywanych w Polsce na pocz¹tku XXI wieku, CD-ROM, 2003). Inzwischen lassen sich dank der rührigen polnischen Namenforschung auch Verbreitungskarten herstellen. Die eine baut auf Daten von ca. 1990 auf, eine zweite benötigt die oben genannte CD und bietet Material vom Ende der neunziger Jahre.
Damit kann man folgende Verbreitung gewinnen: Die Streuung zeigt, dass der Name vor allem in der Umgebung von Posen häufig ist. Die Familiengeschichte von Jörg Nawrocki wird ergeben müssen, ob dieser Raum als Herkunftsgebiet in Frage kommt.
Die Deutung des Namens findet sich bei K. Rymut, Nazwiska Polaków, 2001: Der Name Nawrocki ist zusammen mit Varianten wie Nawracki, Nawrociak, Nawroski, Nawrotka und anderen (darunter auch tschechisch Navratilova) zu polnisch nawracaæ, nawróciæ "umkehren, zurückkehren, wenden" zu stellen. Die Namengebung bezog sich zum einen auf einen Einwohner oder Siedler, der - von wo auch immer - in seinen Heimatort zurückkehrte oder aber seinen Glauben änderte. Dafür spricht zum Beispiel polnisch nawracaæ, nawróciæ "bekehren, seine Religion wechseln".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Orchideenfächer | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH