Mit Orient und Islam habe sie eigentlich überhaupt nichts am Hut gehabt, erzählt Susanne Kümper: "Ich wollte einfach Mode machen." Eher durch Zufall geriet sie nach Kairo, um Modedesign zu unterrichten - und fand sich unversehens dort wieder, wo so unbestimmbare Dinge wie Tradition und Moderne, Anpassung und Individualität ganz konkret aufeinandertreffen. "Das Schwierigste an meiner Arbeit war, kreatives Denken zu unterrichten", sagt Kümper. "Im ägyptischen Bildungssystem werden die Mädchen nicht zum selbstständigen Denken erzogen." Zu Mode gehöre dies jedoch nun einmal dazu - "das musste ich ihnen erst einmal beibringen."
Susanne Kümper hat an der Akademie Mode Design (AMD) in Hamburg studiert. Seit fünf Jahren unterrichtet die gebürtige Essenerin am Fachbereich für Angewandte Künste der Universität Helwan mitten in Kairo. Sie hat den dortigen Studiengang Modedesign, den ersten des Landes, mit aufgebaut, Workshops und Ausstellungen organisiert, Sponsoren an Land gezogen. Die Mehrzahl ihrer Studenten wird später in der ägyptischen Textilindustrie arbeiten, einige wenige wollen sich selbstständig machen und Ateliers eröffnen.
"Vor allem die Mädchen sind sehr stolz darauf, hier studieren zu dürfen", erzählt Kümper. Sie stammen, wie fast alle Studenten der Universität, aus der sozialen Mittelschicht Ägyptens. Dieser Bevölkerungsgruppe hat die wirtschaftliche Stagnation der vergangenen Jahrzehnte besonders zugesetzt, und sie ist es, in der sich die gesellschaftliche Islamisierung des Landes am deutlichsten zeigt.
Für manche ist der Schleier Schutz, für andere Zwang
So tragen auch viele Studentinnen Kümpers ein Kopftuch. Und doch - wenn es um Mode geht, greifen die üblichen Kategorien nicht: Häufig seien es gerade die besonders konservativen Studentinnen, die die meiste Zeit über still in der Ecke sitzen und kaum ein Wort Englisch sprechen, die die freizügigsten Kreationen entwürfen. "Mädchen, die sonst verschleiert sind, machen ganz unverschleierte Mode", sagt Kümper. Ihre Modelle seien oft ziemlich sexy; nur würden die Mädchen selbst wohl nie in die Lage kommen, sie auch zu tragen.
Die andere gesellschaftliche Realität eines islamischen Landes animierte Susanne Kümper dazu, das Thema in ihren Workshops aufzugreifen und modisch zu verarbeiten. "InsightOut" heißt das letzte dieser Projekte, das sich mit Verschleierung beschäftigt. "Wie fühle ich mich in meiner Haut?", fragte die Designerin ihre Studentinnen aus dem dritten Studienjahr - die männlichen Studenten blieben bei dem Workshop komplett außen vor, "die fühlten sich da ein bisschen unwohl".
Die Designerroben, die aus diesem Workshop hervorgingen, wurden bei einer Modenschau im Kairoer Goethe-Institut vorgeführt, und im September 2004 präsentierten Kümper und einige ihrer Studentinnen sie auf dem Bremer Stadtkirchentag. Die Kreationen zeichneten sich durch ihre Raffinesse und die Betonung von Farben aus; vor allem machten sie jedoch eines deutlich: wie unterschiedlich die jungen Designerinnen Verschleierung auffassen. "Für manche von ihnen ist der Schleier ein Schutz vor der Umwelt, sie fühlen sich darin sicher und geborgen", meint Kümper. "Andere sehen in ihm eher etwas, das ihnen aufgezwungen wird."
Ausstellungen und Modenschauen in Kairo und verschiedenen Städten Deutschlands hat Kümper bereits organisiert. Sie bieten den Modedesign-Studenten die dringend benötigte Möglichkeit, die Ergebnisse ihrer Arbeit einem breiteren Publikum zu zeigen. Denn im konservativen Ägypten hat Kreativität es nicht immer leicht.
"Wer nur in Kairo lebt, kann Mode nicht verstehen"
Auch Susanne Kümper hatte, wie sie selbst sagt, einige Anfeindungen zu erdulden: Nach der ersten gemeinsamen Präsentation des Studiengangs erhielt die 37-Jährige mehr als 40 Briefe, die ihr vorwarfen, ihre Studenten zu einem verwestlichen Lebensstil zu verführen. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen an der Universität gestaltet sich nicht immer unkompliziert: "Der Großteil kommt leider aus einer Gesellschaftsschicht, die es ihnen nicht erlaubt, flexibel und kosmopolitisch zu sein", sagt sie. Die Bezahlung sei schlecht, nur wenige Kollegen besäßen Auslandserfahrung. Und dabei sei es doch gerade in diesem Bereich wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken: "Wenn man nur in Kairo lebt, kann man Mode nicht verstehen."
Die Studenten dagegen sind von dem Stil der Deutschen begeistert: "Dass man sich auch selbst verwirklichen und Leistung zeigen kann, das hören vor allem die Mädchen bei mir zum ersten Mal", sagt sie. Inzwischen bekommt Kümper "haufenweise Bewerbungen" für den Studiengang. Sie selbst wird voraussichtlich nicht mehr lange in Kairo bleiben. Ihre Stelle, die vom Personalvermittler der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, dem Centrum für Internationale Migration und Entwicklung (CIM), finanziert worden ist, läuft demnächst aus. Danach soll der Fachbereich ohne sie zurechtkommen.
Susanne Kümper, die nebenbei eine Ethno-Kollektion mit Beduinen aus dem Sinai entworfen hat, möchte dann wieder in Deutschland arbeiten. Den Kontakt zu ihren Studenten in Kairo will sie aber nicht verlieren. Eine Stelle an einer Universität, die Austauschprojekte mit Kairo betreibt - "das wäre meine Wunschvorstellung".
Von Christian Meier, "Zenith"
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