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07.02.2005
 

Trinkspiele von US-Studenten

Saufen für die Freiheit

Die Regierungserklärung des US-Präsidenten war auch für feierfreudige Studenten ein besonderer Termin: Nach streng ausgeklügelten Regeln betranken sie sich bei der Rede - fiel etwa das Wort "Freiheit", war ein Schluck Bier fällig. Mitunter enden solche Trinkspiele tragisch, so starb letzte Woche ein Student in Chico.

Hoch die Tassen: US-Präsident Bush bei seiner Regierungserklärung
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DPA

Hoch die Tassen: US-Präsident Bush bei seiner Regierungserklärung

Vier Sixpacks mit gekühltem Bier stehen auf dem fleckigen Teppichboden in Geoffs Studentenwohnheim-Zimmer bereit. Der 21-Jährige und seine Freunde haben es sich kurz vor neun Uhr am Abend vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Doch es ist ausnahmsweise kein Sportereignis wie die Super Bowl oder das Endspiel der Baseball-Liga, das die jungen Amerikaner vor die Mattscheibe bringt. Es ist Präsident George W. Bush, der gerade den Plenarsaal im Kapitol betritt, seinen Fans und Parteikollegen die Hand schüttelt und sich langsam zum Rednerpult vorarbeitet.

Die alljährliche Rede zur Lage der Nation ist schon lange kein Ereignis mehr, für das sich Studenten nur aus politischen Gründen interessieren. Im Kalender vieler College-Studenten ist der Termin seit Wochen dick markiert, denn an diesem Tag wird landesweit in Studentenzimmern auf die Freiheit, den Terror und den Irak getrunken. Und zwar genau jeweils ein Schluck Bier.

Postpubertäres Trinkspiel

Für das postpubertäre Trinkspiel gibt es akribisch festgelegte Regeln, die beispielsweise auf der Webseite www.drinkinggame.us nachzulesen sind. Demnach sind 51 Anweisungen zu befolgen. Wenn einzelne Wörter und Phrasen fallen oder bestimmte Personen wie die First Lady während der Fernsehübertragung gezeigt werden, müssen die Mitspieler zum Bier greifen.

Dabei sind manche Trinkspiele keinesfalls harmlos. Berüchtigt ist der jährliche Spring Break, wenn studentische Kampftrinker im Frühling zu Hunderttausenden die Strände stürmen. Und auch die fraternities und sororities, amerikanische Studentenverbindungen, machen immer wieder mit lebensgefährlichen Wetten und Initiationsriten von sich reden.

Zu viel Wasser: Tod durch Hyponatriämie
AP

Zu viel Wasser: Tod durch Hyponatriämie

So starb vor wenigen Tagen ein 21-jähriger Student der California State University in Chico, weil er zu viel getrunken hatte. Es handelte sich zwar nicht um Alkohol, sondern um Wasser. Aber davon nahm der Student Unmengen aus einem knapp 20 Liter fassenden Krug zu sich. Durch den übermäßigen Wasserkonsum wurde der Natriumgehalt im Blut so stark abgesenkt, dass Flüssigkeit aus den Blutgefäßen in Lunge und Hirn übertrat. Der Student starb an Hyponatriämie.

Das Wasser-Besäufnis fand in einem Raum der Chi Tau Bruderschaft statt, die schon des Öfteren durch groben und gefährlichen Unfug auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Studentenverbindung war im Jahr 2002 von der Universität ausgeschlossen worden, existierte aber inoffiziell weiter.

Im Jahr 2003 hatten Studenten in New York und Dallas (Texas) ähnliche Vergiftungen nach übermäßigem Wasserkonsum erlitten. Die Polizei in Chico kündigte an, sie werde wahrscheinlich Ermittlungen gegen die beteiligten Studenten aufnehmen.

Mahnungen gehen ins Leere

Nach solchen tragischen Fällen wurden die Trinkspiele der Studenten, hazing genannt, immer wieder von Politikern und Universitätsvertretern angeprangert - was die meisten Trinkspieler in der vergangenen Woche aber nicht davon abhielt, auf die Rede ihres Präsidenten anzustoßen.

Gebannt schaut die Gruppe um Geoff auf den Fernsehbildschirm, auf dem Computer ist die Webseite mit den Spielregeln geöffnet. Präsident Bush gibt die Marschroute vor. Bei jeder Übereinstimmung brechen die Studenten in lauten Jubel aus, prosten sich zu und setzen gehorsam die Bierdose an die Lippen. Schlucken für das Wort "Freiheit" müssen sie insgesamt 20 Mal während der Rede.

Laura Bush: Auch auf die First Lady sind ein paar Schlucke fällig
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REUTERS

Laura Bush: Auch auf die First Lady sind ein paar Schlucke fällig

Auch jedes falsch ausgesprochene Wort zählt. Und sieben Schlucke, die Höchstzahl, müssen die Kehle hinunterfließen, als die Joint Chiefs of Staff ins Bild kommen - die Oberkommandierenden der US-Streitkräfte. Geoff, der selbst Reservist in der Armee ist, hat diese Regel für seine Freunde eingeführt. Er selbst springt beim Anblick so vieler blitzender Orden von seinem Stuhl auf und salutiert.

Mit dem Alkoholkonsum steigt auch der Lärmpegel im Zimmer stetig. "Oh shit. We surely missed a word", sagt Geoff entsetzt und nimmt einen tiefen Schluck aus der Dose. Stefanie kreischt mit roten Wangen "He's so handsome", als Bush am Ende seines Auftritts in die Menge winkt und zufrieden lächelt.

"And Cheney is so hot", himmelt ihre Freundin Amy den Vizepräsidenten an, der hinter Bush auf dem Podium sitzt. Hysterisch kichernd rollen die beiden 20-Jährigen über den Boden. Nach einer Stunde Bush und vier Bier haben die beiden an diesem Tag genug von der Freiheit.

Monika Eder, Jan Friedmann


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