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20.04.2005
 

Harvard-Schnappschuss

Onkel Toms Peepshow

Von Gregor Peter Schmitz, Cambridge

US-Autor Tom Wolfe, für penible Recherche berühmt, kommt die Wirklichkeit abhanden. Sein neuer Roman kreist um Studenten, die nur an Partys, Drogen, Sex denken - ein alternder Dandy grämt sich über die verdorbene Jugend. Einen Leser hat Wolfe überzeugt: Der einstige Yale-Partylöwe George W. Bush empfiehlt das Buch begeistert.

Unterwegs auf dem sündigen Campus: Bestsellerautor Wolfe
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Unterwegs auf dem sündigen Campus: Bestsellerautor Wolfe

Tom Wolfe, 74, trägt mit Vorliebe blütenweiße Anzüge, als wolle er sich den Schmutz der Welt vom Leib halten. Aber seine Bücher sind immer dann am besten, wenn er genüsslich darin wühlt - in der blanken Gier der Wall-Street-Broker in "Fegefeuer der Eitelkeiten", im vertuschten US-Rassismus in "Ein ganzer Kerl". Wolfe, der ehemalige Journalist, hat sich auch in seinen Romanen vorgenommen, "the way we live now" präzise einzufangen. Rausgehen, anschauen, aufschreiben.

Als er vor ein paar Jahren die Recherche über ein Werk zur vielleicht prägendsten moralischen Anstalt im amerikanischen Leben (dem College) begann, stolzierte Wolfe beanzugt und spazierstockschwingend monatelang über den Campus von zwölf Unis. Gerade genesen von einer fünffachen Bypassoperation, trieb er sich bis vier Uhr morgens auf Studentenpartys herum - und schnappte etwa auf, wie ein Mädchen, das von weitem gut ausschaut, von nahem aber gar nicht, heute genannt wird ("Monet"). Er erkundete, welche Drogen mittlerweile jungen Sex psychedelisch werden lassen - und wie sich unter College-Girls herumspricht, welche sekundären Geschlechtsmerkmale möglichst komplett rasiert werden sollten.

Seine Rechercheergebnisse hat Wolfe in die 676 Seiten von "I am Charlotte Simmons" gegossen, in denen Vorlesungen nur Mittel zur Rekrutierung neuer Bettgenossen sind. Eine behütete Schulüberfliegerin aus dem dörflichsten North Carolina erhält ein Stipendium für die (fiktive) Eliteuniversität Dupont. Dort aber muss sie feststellen, dass akademische Brillanz niemanden interessiert. Charlotte trifft auf Stereotypen wie den hübschen (aber fiesen) Verbindungstypen, den in sie verliebten (doch ungelenken Streber) und den tumben (aber populären) Top-Athleten.

Ein Dandy im Spannerglück

Sie wird entjungfert in einer 17 Seiten langen Deflorationsszene, für die eine US-Frauenorganisation Wolfe prompt den Preis für die schlimmste Sexschilderung des Jahres verlieh. Und die Starschülerin endet nicht als strebsame Wissenschaftlerin, sondern als Armschmuck des Top-Athleten. So gerät die ganze Geschichte zu einer schwitzigen Bestätigung der Experimente eines Victor Ransome Sterlinge, die Wolfe im Prolog vorstellt. Dass Katzen in wilde Sexbalz ausbrechen, wenn die anderen Katzen um sie herum es auch tun. Gruppendruck schafft Gruppensex. Und warum sollten Collegestudenten eigentlich verantwortungsbewusster sein als Katzen?

Eher strebsam als enthemmt: Harvard-Studenten
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Jon Chase / Harvard News Office

Eher strebsam als enthemmt: Harvard-Studenten

Das liest sich sehr amüsant, aber trotz aller neckisch zusammengetragenen Zeitgeistdetails wirkt Wolfe erstmals nicht mehr frech-cool, sondern verkrampft-bemüht. "Ich bin froh, dass ich das alles nicht wusste, bevor ich meine Kinder zum College schickte", resümiert Großvater Wolfe gequält in Interviews. Dieser Unterton des Autors - warum tue ich mir das an? - schleppt sich leider auch durch die 676 Seiten. So angewidert schreibt Wolfe über die Objekte seines Romans, als wolle er das heutige Unileben gar nicht beschreiben. Sondern verdammen.

Darunter leidet zwangsläufig auch der intellektuelle Überbau, den Wolfe seiner Sexparabel so gern verleihen möchte: das Scheitern der Hochschulen als moralische Anstalt. "Die Reaktion auf den 11. September war dort gleich Null, weil alle nur auf Sex fixiert sind", verkauft Wolfe als höhere Erkenntnis des Romans.

Tiefer Griff in die Klischeekiste

Ein paar Rezensenten, etwa David Brooks von der "New York Times", sahen darin gleich die Erklärung für den Kampf um "moralische Werte", der die US-Wahlen mitprägte. Junge Eliten an liberalen Unis wüssten nicht mehr, ob ihr Sexpartner auch ihr fester Partner sei und bekämen keinen moralischen Kompass an die Hand, fabulierte Brooks. Kein Wunder, dass sie das aufrechte ländliche Amerika nicht mehr versteht.

ZUR PERSON

Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Aber solche Erklärungsmuster setzen voraus, Wolfe habe wirklich wie ein Journalist recht objektiv die Wirklichkeit eingefangen. Einige seiner Beobachtungen sind glänzend und realitätsnah: wie verwöhnte weiße Wohlstandskinder die Sprache von Ghetto-Gangsterrappern nachäffen. Wie berühmte Hochschulen für das Millionengeschäft Collegesport meist schwarze Athleten ausbeuten, ohne sich um deren Ausbildung zu sorgen, und so einen Körperkult kreieren, der akademischen Ehrgeiz uncool erscheinen lässt.

Doch bei seiner Fixierung auf physische Ausschweifungen verfängt sich Wolfe tief in Klischees. Dupont ist eine fiktive Universität (obwohl viele munkeln, es basiere auf Duke) und wird im Buch regelmäßig in einer Reihe mit Harvard genannt. Gemessen am realen Uni-Alltag wird Wolfes dick aufgetragenes Sittenbild rasch absurd. Denn natürlich ist es etwa auch in Harvard für ein Mädchen am Samstagabend im Zweifel wichtiger, "low cut"-Jeans zu tragen als Heidegger im Original zu lesen. Auch hier feiern privilegierte Schnösel in exklusiven Geheimclubs, zu deren Partys sie Mädchen durchs Guckloch auswählen.

Prominentester Leser: George W. Bush

Doch Wolfes Obsession mit derlei Randaspekten vernachlässigt so viele andere essentielle Aspekte einer erstklassigen College-Erfahrung: Freundschaften, intellektuelle Entdeckungen, auch Romantik. Es unterschlägt vor allem, wie arbeitsam es an den meisten Eliteuniversitäten zugeht. Besagter David Brooks selbst hat in einem großen Essay vor einigen Jahren darüber gestaunt, wie "busy" mit akademischem, sozialem, sportlichen oder künstlerischen Engagement die Studenten dort sind - und wie wenig Zeit ihnen das für Exzesse lässt. Nach allen Umfragen hat das im Wahlkampfjahr 2004 noch zugenommen.

Zu seinen wilden Yale-Zeiten: George W. Bush
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Zu seinen wilden Yale-Zeiten: George W. Bush

Wenn Wolfe die Manager-Töchterchen an seiner fiktiven Elite-Uni ständig "I need ass..." schreien lässt, ist das also unterhaltsam - aber etwa so nah dran am präzisen Generationenporträt wie ein Buch über eine deutsche Uni, das um hysterische Frauenbeauftragte, lüsterne Professoren und Asta-Vorsitzende im 38. Semester kreist. Das kann ein amerikanischer Dietrich Schwanitz machen, dafür braucht es keinen Tom Wolfe.

Ein richtiger Besteller ist Wolfes Buch denn auch nicht geworden. Doch einen prominenten Leser scheint er begeistert zu haben. George W. Bush reicht laut Zeitungsberichten das Buch enthusiastisch an Freunde weiter. Da kaum anzunehmen ist, dass der US-Präsident das pikante Buch den ultrareligiösen Republikanern als Bettlektüre empfiehlt, legt er es vielleicht Partygefährten aus wilden Yale-Partyzeiten nostalgisch ans Herz. Noch ein Beleg dafür, dass Tom Wolfes "Enthüllungen" über sündiges Collegeleben so neu nicht sind.


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