Wie kommt man auf die verwegene Idee, als 80-Jähriger noch eine Doktorarbeit zu schreiben?
Heinz Ulbricht: Das ist leicht erzählt. Im vergangenen Jahr hatte ich die dritte Ausfertigung eines Manuskriptes zum Thema Verschlüsselung und "Enigma" von 204 Seiten fertig. Das ist die bekannte Chiffriermaschine der Deutschen für den Funkverkehr im Zweiten Weltkrieg, deren Schlüssel bereits Ende der dreißiger Jahre von den Polen geknackt wurden. Alle kontaktierten Verlage fanden das eine phantastische Sache, aber schätzten das Interesse daran als zu gering ein. Dieses Argument habe ich verstanden und nach vielen erfolglosen Anfragen das Manuskript einem befreundeten Hochschulprofessor gezeigt. Und der war sich mit Kollegen einig, das sei eine perfekte Dissertation.
SPIEGEL ONLINE: Mit 80 Jahren sind Sie älter als Ihr Doktorvater. Sind solche Fälle von Alters-Ehrgeiz in der Studienordnung überhaupt vorgesehen?
Ulbricht: Ich bin sogar erheblich älter als mein Doktorvater. Mit der Studienordnung aber gab es überhaupt keine Probleme. Für eine Dissertation muss man nicht als Student eingeschrieben sein, und mein Doktorvater, Professor Sonar, hatte nicht mehr viel zu tun - die Arbeit war ja komplett fertig. Vor zwei Wochen war die mündliche Verteidigung der Arbeit, die ich mit Auszeichnung bestanden habe. Davon war ich selbst überrascht.
SPIEGEL ONLINE: Und nun? Schlagen Sie nach diesem Erfolg noch eine akademische Laufbahn ein?
Ulbricht: Wie sollte ich mit 80 Jahren? Das Thema "Enigma" ist für mich abgeschlossen. Ich hätte eigentlich schon ein neues Thema. Den Schlüsselzusatz SZ40/SZ42 zur Fernschreibmaschine würde ich genauso gern wie die "Enigma" simulieren, mit allen Maschinen, die die Alliierten zum Brechen dieses Schlüsselzusatzes benutzten - praktisch der erste Computer der Welt. Aber das würde mich etwa weitere 20 Jahre kosten, und das kann ich mir in meinem Alter nicht mehr leisten. Ganz untätig werde ich aber nicht bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Woher rührt Ihr Interesse an Verschlüsselungen aus dem Zweiten Weltkrieg?
Heinz Ulbricht: Ich war selbst Soldat im Krieg und habe mich nach Kriegsende mit vielen Kameraden darüber unterhalten, dass die Alliierten vieles wussten, was sie eigentlich nicht hätten wissen dürfen. Ab dem Jahr 1974 wurde stückweise immer mehr bekannt, dass die deutsche Chiffriermaschine "Enigma" entschlüsselt war. Da habe ich mir gesagt, wenn ich pensioniert bin, könnte ich mich mit der Untersuchung der Entschlüsselungsmethoden beschäftigen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich nach Ihrer Pensionierung 1986 gleich ans Werk gemacht?
Ulbricht: Nicht sofort, eigentlich wollte ich an der TU Braunschweig meine Freizeit im Ruhestand sinnvoll als wissenschaftlicher Mitarbeiter nutzen. Leider ist der Professor früh verstorben, aber einer seiner Schüler hat mich mit wissenschaftlichem Rat weiter begleitet. So habe ich mich in privatem Interesse zuerst mit einfacher Verschlüsselung beschäftigt.
SPIEGEL ONLINE: War das wissenschaftliches Neuland für Sie?
Ulbricht: Ich habe vor langer Zeit im Studium eine Vorlesung über Verschlüsselungstechnologien gehört, allerdings nur rudimentär. Denn der Stoff war damals verboten, eine "Unter-der-Hand"-Vorlesung. Nach meinem Beitritt zu einer amerikanischen Kryptologen-Gesellschaft bekam ich alle zwei Monate ein Heft mit verschiedensten Chiffrier-Methoden zugeschickt. Diese Methoden habe ich auf meinen Computer übertragen und zu simulieren versucht.
SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das direkt zur "Enigma" geführt?
Ulbricht: Mit der Zeit kamen immer mehr Einzelheiten über die "Enigma" heraus, und so kümmerte ich mich um das technische Umfeld. Als ich es schaffte, die beschriebenen Methoden mit dem gleichen Ergebnis auf dem Computer darzustellen, wusste ich endlich: Die Behauptungen der Engländer und Amerikaner stimmten und waren keine Nebelkerze.
SPIEGEL ONLINE: Auch nach dem Krieg blieben die Unterlagen zur "Enigma" lange unter Verschluss. Wie sind Sie als Hobby-Historiker im Ruhestand an Informationen gekommen?
Ulbricht: Das war sehr zeit- und kostenaufwendig. Ich habe viele Dokumente aus Deutschland, den USA und England angefordert, die oft erst nach einem Vierteljahr oder halben Jahr ankamen. Besonders gelohnt hat sich die Tages-Reise in ein Osloer Archiv, in dem ich unter anderem ein Zusatzgerät zur "Enigma" eigenhändig auseinander- und wieder zusammenbauen durfte.
SPIEGEL ONLINE: Und Ihnen ist es gelungen, allein die Ergebnisse ganzer Geheimdienstabteilungen erfolgreich zu simulieren?
Ulbricht: Sogar einschließlich der kryptologischen Bombe, eines Dechiffrierungsgeräts der Alliierten. Dort gab man den Geheimtext und vermuteten Klartext ein, und bei genügend langer Laufzeit sollten die Einstellungen für die "Enigma" zum Entschlüsseln heraus kommen. Bei mir hat es geklappt.
SPIEGEL ONLINE: Für viele andere Menschen Ihrer Generation ist die Welt der Computer ein einziges Rätsel ...
Ulbricht: Schon in den sechziger Jahren habe ich an an einem Computer der TU Braunschweig Informatikunterricht für meine Schülerinnen gegeben. Mir war klar, das würde deren Zukunft sein. Mittlerweile habe ich schon ungefähr den neunten eigenen Rechner. Früher hielt ich meine Kontakte zu Verschlüsselungsinteressierten per Brief, heute meist über das Internet.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen der Doktortitel?
Ulbricht: Gar nichts. Ich bin seit 20 Jahren Pensionär und brauche ihn nicht mehr. Vielleicht werde ich ihn bei Hotelbesuchen benutzen - ich habe den Eindruck, wenn ein Herr Doktor kommt, sind manche Leute etwas freundlicher.
Das Interview führte Christian Werner
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