In der Lehmhütte ist es im Februar noch bitterkalt, Eiskristalle kleben an den zugigen Fenstern und feuchten Wänden. Der außergewöhnlich frostige Winter hat ganz Afghanistan fest im Griff. Mersa Nasar, Direktor der Nikpay Churd Schule, reicht heißen Tee. SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Omar Sayami, 45, kam mit der Absicht, die Formalitäten des geplanten Schulneubaus mit den Dorfbewohnern auszuhandeln. Doch jetzt ist der Besuch nur noch eine Höflichkeit. Denn schon bevor Sayami überhaupt eingetroffen war, stellte sich heraus, dass auf dem Gelände bereits gebaut wird - sein Projekt kann in Nikpay nicht mehr realisiert werden. Was war passiert?
2003 reiste Sayami erstmals seit Jahrzehnten ins Land seines Vaters und sah überall Armut und ein völlig zerstörtes Bildungssystem. Er plante den Neubau einer Schule in der Provinz Kunduz und entschied sich nach dreimonatigem Aufenthalt für Nikpay. Im letzten Herbst reagierten die Dorfbewohner und der Bürgermeister begeistert, zumal keine andere Organisation dort aktiv werden wollte. Und so suchte Sayami in Deutschland Unterstützer und sammelte Spenden.
"Kein Ausländer ist jemals wieder aufgetaucht"
Doch zu seiner Überraschung begann eine japanische Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) bereits wenige Wochen später, ein Schulgebäude zu bauen. Die Gemeinde und das Bildungsdezernat sagten Sayami davon nichts. "Wir waren uns einfach nicht sicher, ob Sie tatsächlich hier eine Schule bauen würden. In den letzten beiden Jahren waren so viele Ausländer hier, aber keiner ist jemals wieder aufgetaucht", erklärte ihm Schuldirektor Nasar. "Die Japaner haben einfach angefangen, und wir freuten uns, dass es nun endlich eine Schule geben wird."
Nikpay hat nun seine Schule. Omar Sayami ist wieder aufgetaucht, für ihn bleibt ein bitterer Beigeschmack: In Afghanistan hat sich um Hilfsprojekte ein seltsamer Wettbewerb entwickelt. Es ist kein Geheimnis, dass viele NGOs ihren Jahresetat bis Ende Dezember einsetzen müssen, weil die Mittel sonst verfallen.
Internationale Geber haben 8,3 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2007 zugesagt - für das arme Afghanistan ungeheure Summen, die allein in diesem Jahr 93 Prozent des Staatshaushaltes decken. Doch was damit geschieht, bestimmen die staatlichen wie nichtstaatlichen ausländischen Organisationen in Eigenregie.
Die Schulmisere trifft Mädchen besonders hart
Zwei Drittel der Gelder gehen an der Regierung vorbei. Staatspräsident Hamid Karzai und andere Regierungsvertreter treten den Gebern zunehmend kritisch entgegen und befürchten, dass die Mittel allzu willkürlich und kurzfristig eingesetzt werden. Es sei an der Zeit, dass die afghanische Regierung mehr Kontrolle über die Verteilung bekomme, fordern sie.
Auf der anderen Seite stehen Korruption, Planlosigkeit, eine träge Bürokratie. So tun Privatleute wie Omar Sayami, was sie können, um die Not zu lindern. Denn drei Jahre nach dem Fall des Taliban-Regimes sind weite Teile des Landes noch immer ohne ausreichende Bildungsmöglichkeiten. Deshalb hat sich der Art Director bei SPIEGEL ONLINE trotz der negativen Erfahrung in Nikpay entschlossen, seine Pläne umzusetzen - mit einem anderen
Bildungsprojekt in Char Gul, ebenfalls in der Nähe von Kunduz.
Das Dorf liegt im Distrikt Qalay-i-Zal dicht an der tadschikischen Grenze und ist allein über eine Sandpiste, im Winter kaum auszumachen, erreichbar. Wie in allen Gemeinden der Region leben die Menschen von der Landwirtschaft und Viehzucht. Ans andere Flussufer gelangt man nur mit einer archaischen Fähre.
Laut Prioritätenliste des Bildungsministeriums soll Qalay-i-Zal bevorzugt erschlossen werden. Nach wenigen Tagen und Beratungen mit dem Bildungsdezernenten ist für Sayami klar, dass das Dorf Char Gul besonders dringend Hilfe braucht. Nun stehen Gespräche mit allen relevanten Akteuren auf dem Programm - mit einem Parlamentsabgeordneten, dem Gouverneur, dem Mullah und dem Polizeikommandanten, mit Bürgermeister Abdul Salam und natürlich Schuldirektor Ahman Ulla.
Viele Gallonen Tee bei den Verhandlungen
Nach etlichen Gallonen Tee steht die Vereinbarung. Sayami nimmt ein mit Fingerabdrücken beglaubigtes Schreiben mit, wichtig für den Projektantrag beim Bildungsministerium in Kabul. Er legt Wert darauf, dass die Gemeinde sich am Schulprojekt beteiligt - ein Schritt in Richtung Selbstverantwortung.
So gewinnt er das Dorf dafür, die Errichtung der Mauer um die Schule selbst zu organisieren; zudem sollen für den Bau möglichst Arbeiter aus dem Dorf angeheuert werden. "Wir haben unsere Schulen selbst zerstört, da ist es nun an der Zeit, dass wir zumindest dort mithelfen, wo wir die Möglichkeit haben. Bisher hatten wir einfach weder die Gelder noch das Wissen, wie wir eine Schule bauen können", sagt Bürgermeister Ajib Abdul Salam, fast entschuldigend.
Wie Char Gul geht es auch zahllosen anderen Dörfern:
Die Provinzen trifft der Bildungsnotstand am härtesten. Offiziell gibt es eine Schulpflicht in Afghanistan. Vom 7. bis zum 13. Lebensjahr müssen alle Kinder die kostenlose Grundschule besuchen, danach dürfen sie freiwillig auf der Mittel- oder Oberschule weitermachen.
Milliardenschwere Hilfszahlungen der internationalen Gemeinschaft zeigen durchaus Wirkung. Allein dank der deutschen Gelder von 80 Millionen Euro jährlich konnten mehr als 100 Schulen wieder instand gesetzt werden - für 100.000 Kinder. Doch das bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein: Von den rund 27 Millionen Einwohnern Afghanistans sind fast die Hälfte jünger als 15 Jahre. Der Großteil von ihnen muss immer noch auf die Schulbildung verzichten oder lernt unter freiem Himmel und bei Stadtlärm.
Die Hauptopfer der Schulmisere sind die Mädchen. Unter der Taliban-Herrschaft war Frauen jegliche Bildung verboten, erst seit Januar 2003 gewährt ihnen die neue Verfassung dieselben Rechte wie Männern. Inzwischen geht nach Angaben von Unicef und des afghanischen Büros für Statistik ein gutes Drittel aller Mädchen zur Schule. Aber die Zahl steigt nur langsam: Wo strenggläubige Eltern auf Geschlechtertrennung bestehen, fehlen Lehrerinnen.
Jeder Beamte kennt einen Bauunternehmer
Projekte wie der Schulbau in Char Gul tragen Hoffnung in die Dörfer. Doch Omar Sayami muss zunächst einige Hürden überwinden - an Bürokratie fehlt es in Afghanistan nicht. Im Kabuler Bildungsministerium tippt der Beamte schon das Protokoll zum Beglaubigungsschreiben für den Schulneubau, da fällt plötzlich der Strom aus. Man versichert Sayami: Am nächsten Tag gehe es weiter, der Dieselvorrat des Generators sei aufgebraucht.
In der Zwangspause finden sich prompt einige Beamte ein. Sie haben von Sayamis Plan gehört - und jeder hat einen Bauunternehmer in der Familie, der gern bei der Ausführung helfen möchte: Das Patronagesystem funktioniert weit besser als die schlichten bürokratischen Formalitäten.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH