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09.06.2005
 

Siegerbeitrag

Wie Lucy Smith Berlin erlebt

Lucy Smith musste in Berlin lernen, dass die Mühlen der deutschen Bürokratie manchmal langsam mahlen. Und dass sich die Sonnenbadenden umso schneller die Kleider vom Leib reißen - im komplizierten britischen Höflichkeits-Kodex undenkbar.

 Smith, 22, studiert Deutsch und Italienisch an der University of Cambridge
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Smith, 22, studiert Deutsch und Italienisch an der University of Cambridge

Das Wetter war wahnsinnig heiß, als ich Anfang August für ein Jahr in Deutschland ankam. Es war mein erstes Mal in der Hauptstadt, dem Regierungssitz Deutschlands und dem Symbol der Bundesrepublik. Da ich schon seit langem großes Interesse an deutscher Geschichte und Kultur habe, schien Berlin das beste Ziel zu sein, denn keine andere Stadt hat jüngst so viele bedeutende historische Ereignisse erlebt.

Ich hielt Berlin deswegen für die typische deutsche Stadt, exemplarisch für das ganze Deutschland. Jedoch, als ich an diesem ersten Tag vor der von Graffiti bedeckten Tür meiner Wohnung stand, war ich ein bisschen verwirrt. Ich bin keine konservative Engländerin, aber das in England ganz beliebte Klischee, die Deutschen seien von Ordnung und Regeln fast besessen, war noch nach drei kurzen Reisen nach Deutschland fest im Kopf. Als ich da nervös wartete, fragte ich mich, ob ich in dasselbe gehorsame, regulierte Land gekommen war, das ich damals anscheinend in Koblenz, Köln und Mülheim entdeckt hatte. Ich sah das Schaufenster des Haushalts- und Eisenwarengeschäfts nebenan an und bemerkte den ausgestopften Dachs, der auf einem Kühlschrank stand. Berlin schien schon etwas ganz anderes zu sein: groß, laut, manchmal schmutzig und hässlich.

All diese Sinneseindrücke waren an diesem heißen Tag fast tastbar und ich fühlte eine nicht unangenehme Mischung aus Unsicherheit und Neugier. Es war mir sofort klar, dass man hier etwas Einzigartiges erfahren könnte und ich begann mich zufrieden zu fühlen und wurde auch ein bisschen triumphierend. Ich war endlich froh, dass ich gegen den Willen meiner Familie und meiner Freunde gegangen war und Berlin statt Rom für mein Jahr im Ausland gewählt hatte. Es war mir sofort klar, dass die deutsche Hauptstadt weder langweilig noch von Ordnung beherrscht war. Ich war wirklich gespannt, dort zu sein. Ich konnte es an diesem ersten Tag nur als lebendig beschreiben, viel lebendiger als die anderen Großstädte, die ich besucht hatte und ich wollte es entdecken.

Meine erste Woche blieb verwirrend. Es war, als ob ich meine neue Heimatstadt durch ein Kaleidoskop anschaute. Ich bekam viele winzige, zerrissene Eindrücke, die irgendwie nicht zusammenpassten. Es wirkte fast beruhigend auf mich, als ich anderthalb Stunden in einer Schlange im Schöneberger Rathaus anstehen musste. Nach meiner Ankunft hatte ich eine unvorstellbare Menge Bürokratie erwartet und in dieser Hinsicht wurden meine Vorstellungen erfüllt. Es dauerte fast einen ganzen Morgen, zuerst ein Anmeldeformular auszufüllen und dann eine Lohnsteuerkarte zu bekommen. Ich kam wieder raus in die Sonne mit dem stolzen, besserwisserischen Lächeln eines Mitglieds des viel gelasseneren Großbritanniens.

Als ich dann aber in den Park nebenan lief, wurde ich mit einem ganz anderen Bild konfrontiert. Überall waren halb nackte Leute unregelmäßig und gedankenlos auf dem Rasen liegend zu sehen. Als ich mich vorsichtig hinsetzte, damit ich nicht zu viel von den nackten Beinen unter meinem Rock zeigte, schaute ich ein Mädchen an, das sich sorglos sofort bis auf die Unterwäsche auszog. Viel gelassener? Ich fragte mich das, während ich auch bemerkte, wie braun die meisten schon waren. Die drei Sonnenstudios, die ich in meiner Straße gesehen hatte, verrieten das Geheimnis der Leute. Vielleicht war gelassen nicht das treffende Wort; es war eher eine Art geübter Gelassenheit.

Jedoch wurde mir klar, dass sich niemand darum kümmern würde, ob ich, so blass wie Schnee unter den Kleidern, dasselbe wie das Mädchen machte. Ich hatte schon in den ersten Tagen so viele Leute aus verschiedenen Ländern und Kulturen gesehen und ich spürte in Berlin eine Freiheit, sich selbst auszudrücken, die ich vorher nirgendwo, geschweige denn in Großbritannien, erfahren hatte. Ich musste lachen, als mein Freund mich anrief und mich nach Männern mit Lederjacken und Pferdeschwänzen fragte. Ich antwortete, sie wären zu sehen, wie jeder andere Modestil. Es war klar, dass hier fast alles ging.

Die Stadt selbst entdeckte ich begeistert. Hier war ich auch überrascht. Es gab keine Altstadt mit Puppenhaus-Gebäuden, die man so oft in Deutschland sieht, sondern eine riesengroße Mischung von Altem und Neuem, Schönem und Hässlichem, anscheinend ohne Ordnung zusammengepackt, was vielleicht Berlin-einzig ist. Die halb zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sowie der mit Brettern vernagelte Palast der Republik sind mächtige Mahnungen der jüngsten, oft grausamen Geschichte der Hauptstadt. Man kann in fünf Minuten von dem schönen Stadtteil Prenzlauer Berg bis zum ehemaligen Todesstreifen laufen.

Graffiti-Entfernung in Berlin: Von wegen sauber und von Regeln besessen
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Graffiti-Entfernung in Berlin: Von wegen sauber und von Regeln besessen

Berlin ist eine Mischung und ich finde, darin liegt eine Schönheit. Berlin scheint eine besondere Ehrlichkeit zu haben, da es überall sichtbare Beweise der schmerzlichen Geschichte der Stadt gibt. Der umstrittene Wiederaufbau eines Stücks der Mauer in der Nähe vom Checkpoint Charlie fand ich besonders interessant, denn es geht um eine für die Hauptstadt sehr wichtige Frage: Man muss ein Gleichgewicht finden, so dass man an die Geschichte denken kann, ohne positiven Fortschritt und neue Entwicklung zu verhindern. Es scheint mir jedoch, dass Gedächtnis besonders in Ostberlin sehr wichtig ist, und man versucht die grausame Geschichte in der öffentlichen Erinnerung zu behalten.

Auch die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und danach bleibt den Einwohnern und den Touristen nicht verborgen. In der langen Nacht der Museen besuchte ich zuletzt das Jüdische Museum. Das riesengroße Gebäude sah in der Dunkelheit ganz bedrohlich aus. Drinnen war es ein Labyrinth von Fluren und Räumen. Ich fühlte mich nicht besonders wohl, als ich die grausamen Geschichten von jüdischen Familien während des Zweiten Weltkrieges erfuhr. Es waren aber viele andere Leute da, deren Gesichter dieselbe Anstrengung verrieten, die ich fühlte und die meisten waren Deutschen. Sie standen schweigend da und lasen. Es fiel mir plötzlich ein, warum diese alten halb zerstörten Gebäude sowie die neu gebauten Symbole in Berlin so wichtig waren. Der Krieg und seine noch bleibende Erbschaft sind hier selbst viel stärker im Gehirn der Deutschen als in dem der Engländer. In Deutschland ist es natürlich ganz anders. Das zeigt sich in der Tatsache, dass Leute um ein Uhr morgens bereit sind, im Museum zu sein. Ich war noch mal von der Ehrlichkeit und der Geduld der Deutschen beeindruckt. Es schien irgendwie unfair, sich an diesem Abend im Sommer an solche Taten vorheriger Generationen erinnern zu müssen.

Ich bekam den Eindruck, die Deutschen seien meistens gern bereit, etwas Neues zu lernen. Ich bin jetzt davon überzeugt, dass "Informationen lernen" ein Lieblingshobby der Nation ist, denn Tage der offenen Tür gibt es hier häufig. Ich habe schon an vier verschiedenen teilgenommen. Selbst vor meiner Ankunft in Deutschland hatte ich den Eindruck, die Deutschen seien politisch viel bewusster und engagierter als die Engländer. Ich stand eines Samstags im deutschen Außenministerium und versuchte, an einem Europa-Quizspiel teilzunehmen. Es war mir schnell klar, dass ich keine Chance hatte, da ich nicht einmal Ahnung hatte, wie viele Länder es nach der Osterweiterung in Europa geben sollte. Diesen Fakt schienen all die anderen dort zu wissen.

Es ist natürlich ein in England sehr beliebtes Klischee, dass Deutschland sich als Mittelpunkt Europas betrachtet. Dieses von Deutschland symbolisierte Europa wird oft in England mit engstirnigen, pingeligen Regeln verbunden, die angeblich die englische Selbstständigkeit bedrohen. Jedoch passte das Quiz im Ministerium mit diesem Bild überhaupt nicht überein. Deutschland und seine Verbindungen mit Europa schienen etwas sehr Positives zu sein. Das Thema des Tages hieß "Osterweiterung - Respekt für andere Nationen und Kulturen". Zu diesem Zeitpunkt (ich hatte gerade einen neon-orangenen Schlüsselanhänger gewonnen - die Hauptstadt von Estland kannte ich von der Eurovision!) bemerkte ich einen Unterschied zwischen England und Deutschland. Die jungen in neon-orangenen T-Shirts gekleideten Freiwilligen, die das Quiz organisierten, lächelten die ganze Zeit. Es gab überhaupt keine Spur Zynismus, was in England unmöglich gewesen wäre. Ich fragte mich gerade, ob Deutschland vielleicht eine Art Traumwelt darstellte, wo mindestens eine Hälfte der Bevölkerung anscheinend die polnische Hauptstadt nennen könnte und die Züge pünktlich alle fünf Minuten führen, und in mir kam die Vermutung auf, dass die Klischees und der Zynismus der Briten gegen die Rolle der Deutschen in Europa vielleicht mit einem Minderwertigkeitsgefühl zusammenhängen könnten.

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