In bin der Ansicht, dass die Rolle Deutschlands als Vertreter und Unterstützer der europäischen Einheit dem Land eine besondere Stärke gibt, die auch in den Meinungen der Leute offenbar ist. Sie ist eine Art Selbstsicherheit, die offenbar auch viel mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Als "Fahrenheit 9/11" im Kino und dann im Fernsehen kam, bemerkte ich sie sofort. Da ich Engländerin bin, taucht in Gesprächen immer wieder das Thema des britischen Engagements im Irak-Krieg auf. Die Frage war nicht wirklich eine implizierte Kritik Englands. Als Engländer in Deutschland fühlt man sich in Berlin immer sehr gut behandelt und wirklich akzeptiert.
Meine Freundinnen konnten aber nicht verstehen, warum ein Krieg zwischen Amerika und Irak uns überhaupt interessierte und fragten sich, warum England es immer für nötig hielt, dem Beispiel der Vereinigten Staaten zu folgen. Mir fiel kein guter Grund ein. Dem Pazifismus der Deutschen konnte man leichter zustimmen und so was wussten die Leute, die gerne an solchen Gesprächen teilnahmen. Jedoch drückt sich dieser Pazifismus selbst - so erfahre ich das als Ausländerin - ironischerweise darin aus, aggressiv zu sein. Denn es ist eine Position, die die Deutschen stark verteidigen.
Die Kommentare in den Zeitungen und die sehr kritischen Meinungen der Leute über die Ereignisse im Irak verraten, dass sie stolz darauf sind, dass Deutschland daran nicht beteiligt ist. Es ist fast besserwisserisch. Ich bemerke etwas Ähnliches, wenn ich versuche, ein Paar Klischees oder Vorurteile über die Engländer von den Deutschen zu extrapolieren. Es frustriert mich manchmal, dass ich immer dieselbe Antwort bekomme, die Engländer seien freundlich und höflich und wir hätten nichts gegen sie. Unser böser Freund betrachtet uns mit Freundlichkeit, aber vielleicht sehen sie unsere Beziehung ähnlich der, die sie mit allen anderen Ländern haben.
Ich glaube, dass die Selbständigkeit der Deutschen in Bezug auf den Krieg und die USA auch ein anderes, wichtiges Merkmal offenbart, nämlich Direktheit. Genau wie die deutsche Regierung zum Krieg Nein sagte, nimmt die Bevölkerung niemandem krumm zu sagen, was man will. Nach ungefähr einem Monat in Deutschland hatte ich gelernt, nicht beleidigt zu sein, wenn jemand auf der Straße mit einem lauten, 'Hallo!' um meine Aufmerksamkeit bat. Zuerst kam es mir sehr unhöflich vor, aber nach einer Weile begann ich den Sinn dahinter zu sehen. Man spart so viel Zeit, indem man so eine kurze Ansprache verwendet. Ich respektiere jetzt diese Form deutscher Tüchtigkeit, durch die sie sofort genau das machen können, was sie wollen. Wenn man nicht so viel Wert auf die ersten Eindrücke legt, kann man sich auf seine eigenen Ziele konzentrieren (wie Deutschland während des Irak-Krieges).
Ich war seit sechs Wochen in Berlin, als ich eines Abends nach der Arbeit kurz ins Woolworth gehen wollte. Als ich auf der Rückfahrt fast meine Haustür erreicht hatte, kam ein Deutscher auf mich zu. Ohne Zeremonie stellte er sich vor und in weniger als einer Minute erfuhr ich, er sei Koch, er wolle eine Kette asiatischer Imbisse gründen und mein Gesicht sei genau passend für seine Werbekampagne. Ich konnte es kaum glauben, aber ich unterdrückte mein Lachen. Man kann so etwas in Deutschland ohne Angst machen, weil sich die Leute darüber nicht lustig machen würden. Als ich mehr über seine Pläne hörte, spürte ich einfach eine Ehrlichkeit und seinen Wunsch, nach einem Ziel zu streben. In Deutschland existiert auch einfach nicht dieser sehr komplizierte und strikte Höflichkeits-Code, der immer noch das Benehmen der Briten beeinflusst. Ich erlaubte ihm, ein Paar Fotos zu machen. Direktheit brachte anscheinend Ergebnisse.
In vielerlei Hinsicht scheint mir das Leben in Deutschland einfacher und weniger von überflüssigen Sachen übersät zu sein als mein eigenes zum Beispiel. Ich glaube, dass meine einzigen Integrations-Schwierigkeiten in diesem Land mit der deutschen Direktheit zu tun haben, da ich es immer noch schwer finde, um etwas zu bitten, ohne zuerst sehr viel um die Frage herum zu reden. Diese deutsche Eigenschaft ist, meiner Meinung nach, eine Art Tüchtigkeit und diese Tüchtigkeit ist für die Deutschen im ganzen Leben sehr wichtig.
Obwohl es mich immer noch nervt, verstehe ich warum die Einkaufstüten im Supermarkt nicht kostenlos zur Verfügung stehen. Ich fühle mich immer noch als Außenseiterin, wenn ich aus dem Supermarkt gehe, den Einkauf in meinen Armen. Vielleicht ist es ein wahres Zeichen von Integration, wenn man sich endlich daran erinnert, eine Tasche mitzunehmen. Die Deutschen wollen nicht nur die Umweltverschmutzung verringern, sondern auch, dass alles so glatt und erfolgreich wie möglich läuft. Erfolg: Über dieses Thema sprechen die Deutschen gern. Der Typ, der mir auf der Straße begegnet war, sprach viel über die Ziele und Methoden erfolgreicher Firmen wie Aldi und nicht in Deutschland gegründeter Betriebe wie Ikea. Ich habe mit manchem Deutschen über Ikea gesprochen. Sie haben alle sofort die erfolgreiche Geschäftspraxis gelobt. Es scheint, dass die Deutschen Erfolg respektieren, egal woher er kommt.
Da ich dieses Bild von einem nach Erfolg strebenden und tüchtigen Deutschland hatte, war ich irgendwie überrascht von der heftigen Kritik der Deutschen an einigen Aspekten ihres Lebens. Ich dachte, es wäre hier anders als zu Hause. Das ist es nicht. Die Kritik bezieht sich auch hauptsächlich auf Bereiche, von denen ich vorher meinte, Deutschland sei in ihnen besonders erfolgreich. Ich war zum Beispiel überrascht, als ich erfuhr, dass Deutschland schlechte Noten in der Pisa-Studie bekommen hatte. Ich konnte es kaum glauben, dass in solch einer 'tüchtigen' Nation Schüler wegen der Krankheit des Lehrers zurück nach Hause gehen müssen. Als ich durch meine Arbeit bei einem Schulbuchverlag die Gelegenheit hatte, eine Berufschule zu besuchen, sah ich aus erster Hand, wie viele Schulen, besonders in der Hauptstadt, schlecht ausgerüstet sind. Die Lehrerin musste Hefte austeilen, aber sie hatte nur 14 für eine Klasse von 32. Ich bemerkte auch, wie Probleme in der Ausbildung oft mit anderen verbunden sind. Ich beobachtete einen Englischunterricht, in dem fast die Hälfte der Klasse nicht fließend Deutsch sprechen konnte.
Ich lese mit Interesse, wie die Debatte über Integration und den Bedarf einer deutschen Leitkultur immer heftiger wird. Hier finde ich auch, dass meinen früheren Eindrücken von Deutschland widersprochen werden. Meine vorherige Meinung, die Deutschen seien meistens sehr tolerant, will ich nicht komplett revidieren, aber die entschlossene Offenheit, die man als Engländer erfährt, gilt anscheinend für türkische und muslimische Immigranten nicht. Die Behauptung eines ziemlich prominenten Abgeordneten, dass ein Teil der hier lebenden Ausländer Ghettos gegründet habe, weil sie 'uns Deutsche verachten', halte ich für eine gefährliche Meinung. Es erfüllt das bei vielen voreingenommenen Engländern beliebte Klischee, die Deutschen würden sich als etwas Besseres betrachten. Jedoch ist klar, dass die Meinung des Abgeordneten nur für eine sehr kleine Minderheit repräsentativ ist. Man darf auch nicht vergessen, dass die Türken selbst viel an ihrem täglichen Leben und an der Praxis des Islam ändern müssen, damit Integration überhaupt erreicht werden kann.
Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich immer noch neugierig bin, was ich als Nächstes über Deutschland erfahren werde. Vielleicht ist es unmöglich, ein festes Bild oder eine feste Beschreibung für Deutschland und die deutschen Eigenschaften zu finden. Andererseits meine ich, dass es nicht unfair ist, die Tüchtigkeit, Suche nach Erfolg, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit der Berliner und der Deutschen im Allgemeinen als typische Eigenschaften zu kennzeichnen. Es wird besonders klar, wenn man sie mit den Engländern vergleicht. Es gibt jedoch auch in Deutschland und England ähnliche Sorgen und Probleme.
Das Wichtigste für mich, ist, dass mir der Rest meines einjährigen Aufenthaltes so gefällt wie die ersten vier Monate und vielleicht werde ich mich auch irgendwann an die deutschen Verkehrsregeln gewöhnen, die anscheinend deutscher Tüchtigkeit widersprechen. Autos sollten überhaupt nicht auf einem Fußgängerüberweg fahren, solange das grüne Ampelmännchen leuchtet. Da bin ich sicher. Aber werde ich mich je trauen, das einem deutschen Autofahrer zu sagen?!
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