Es soll Endzwanziger geben, die ihrem 30. Geburtstag mit über Jahre wachsendem Entsetzen entgegenbangen. In Ihrer Magisterarbeit an der Universität Tübingen haben Sie diese heikle Altersschwelle genau untersucht. Droht dann die große Sinnkrise?
Christian Marchetti: Ein paar Fragen stellt sich wohl jeder: Bedeutet der 30. Geburtstag das endgültige Ende der Jugend? Und was heißt es eigentlich, erwachsen zu sein? Einige sagen sich einfach: Das gilt nicht für mich, darum habe ich mich noch nie gekümmert. Andere haben vielleicht schon Haus, Job und Kind - und trotzdem ist die Sinnfrage für sie noch nicht geklärt.
SPIEGEL ONLINE: Warum beschäftigt Sie ausgerechnet der Dreißigste?
Marchetti: Der 30. Geburtstag ist im popkulturellen Bereich sehr populär, das zeigen Bücher wie 'Herr Lehmann' oder 'Generation Golf'. Er wird als eine bedeutsame Schwelle empfunden, an der man sich mit seiner eigenen Biografie auseinandersetzen muss.
SPIEGEL ONLINE: Dabei fühlen sich allerdings viele frustriert. Warum?
Marchetti: Auf der einen Seite steht der Anspruch, mit 30 auch ein gewisses soziales Alter erfüllen zu wollen - auf der anderen Seite das Gefühl, dass man der Entwicklung hinterherhinkt und eben keine repräsentative Wohnung oder wenigstens einen Bausparvertrag hat. Wer bis zum 30. Lebensjahr studiert, fühlt das wahrscheinlich intensiver als Menschen, die schon seit zehn Jahren im Beruf stehen. Diese Defizite stauen sich zum 30. Geburtstag an.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Folgen hat das?
Marchetti: Viele ziehen zumindest kritisch Bilanz. Andere werden hektisch: Sie heiraten schnell ihren Partner oder verlassen ihn, wechseln den Job, zeugen Kinder oder bringen endlich die Kraft auf, das Studium zu beenden.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben nur über Männer. Ist der Termin für Frauen nicht viel problematischer?
Marchetti: Wahrscheinlich schon. Geburtstage von Frauen und Männern hätte ich dann allerdings miteinander vergleichen müssen, und das wollte ich nicht. Dass es Frauen mit dem Älterwerden schwerer haben, ist ja nun keine Überraschung.
SPIEGEL ONLINE: Nerven nicht auch Männer die ersten äußerlichen Verfallserscheinungen?
Marchetti: Man muss da unterscheiden zwischen dem, was in Medien und Ratgeberliteratur steht, und dem, was die von mir Beforschten sagen. Zwar gaben einige schon zu Protokoll, sich Gedanken gemacht zu haben, andere hatten gar ausformulierte Lebensphilosophien parat, was der 30. Geburtstag symbolisiere. Für die meisten ist der Termin aber weniger dramatisch, als man gemeinhin annimmt. Auffällig ist allerdings, dass die Mehrheit trotzdem feiert - und zwar opulenter als die Geburtstage davor.
SPIEGEL ONLINE: Sogar Partymuffel kommen plötzlich ganz groß in Feierlaune. Wieso?
Marchetti: Der 30. Geburtstag wird als Schwelle im Leben empfunden und fordert zum sinnstiftenden Handeln heraus, denn irgendwie muss man ja damit umgehen. Klassischerweise bietet sich die große Geburtstagsfeier an. Weil der Dreißigste als Einschnitt in der eigenen Biografie empfunden wird, reicht es nicht mehr aus, sich einfach nur zu treffen und gemütlich beisammen zu sitzen. Die Parties werden aufwendiger, die Geschenke größer, und die Schenker machen sich mehr Gedanken.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn die typische Feier aus?
Marchetti: Manche inszenieren eine Party als Übergang in eine neue Lebensphase. Das sind oft Menschen, deren Dreißigster mit einem Umzug, dem Studienabschluss oder einem neuen Job zusammenfällt. Sie planen ein Fest mit einem Höhepunkt, sie blasen Kerzen aus, stoßen mit Sekt an, empfangen Gratulationen und persönliche Geschenke wie Fotoalben oder Erinnerungsstücke von Freunden.
SPIEGEL ONLINE: Was machen diejenigen, die auf Kerzen ausblasen keine Lust haben?
Marchetti: Einer meiner Befragten hatte eine Bühnenshow inszeniert und sich selbst um null Uhr ein Geburtstagslied gesungen. Er hatte keine Lust auf die übliche Tanzveranstaltung und wollte seine Kreativität und Individualität zu diesem Termin unter Beweis stellen. Recht typisch ist auch der Flüchtling, der sich eigentlich allem entziehen will und seine Freunde bittet, auf Geschenke und Gratulationen zu verzichten und stattdessen mit ihm einen viertägigen Kurzurlaub zu verbringen.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Tipp geben Sie Menschen, deren 30. Geburtstag unaufhaltsam naht?
Marchetti: Ihn groß zu feiern, weil's einfach schöner ist für alle Beteiligten. Entziehen und fliehen ist unbefriedigend, vor allem für die anderen. Ich selbst bin zu meinem Dreißigsten zwar in den Urlaub gefahren, habe aber kurz zuvor geheiratet und eine große Feier ausgerichtet.
Das Interview führte Carola Padtberg
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