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01.03.2006
 

Sport an US-Unis

Das große Show-Spektakel

Von Julian J. Rossig, Stillwater

Auf dem Feld marschieren Hundertschaften von Musikern, daneben puscheln sexy Cheerleader wie wild - Football-Spiele an großen amerikanischen Unis bieten weit mehr als nur Sport. Monatelanger Drill steckt hinter der Show, die sogar von Professoren benotet wird.

"Nein!", brüllt der Glatzkopf auf der Leiter, "Stop! So doch nicht! Könnt ihr nicht bis vier zählen?!" Himmel, was ist denn hier los? Das ist ja wie beim Militär: "Eins, zwei, drei-und-Schritt-und-los!", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Und 320 Studenten marschieren brav im Gleichschritt quer durch den Matsch des Übungsfeldes.

Julian J. Rossig


Was im Universitätsjargon ganz harmlos "MUSI-2610-401" heißt, ist nicht etwa eine paramilitärische Kampfeinheit, sondern ein Orchester. Genauer: eine Marching Band - hier wird gleichzeitig marschiert und gespielt. 18 Tubas, 30 Trompeten und fast 50 Schlagzeuger sorgen an der Oklahoma State University nebst ein paar hundert Holzbläsern für einen gigantischen Sound, der locker das ganze Stadion beschallt. Manchen amerikanischen Unis reicht selbst das noch nicht. In Texas, wo bekanntlich alles etwas größer ist, leistet sich die A&M University gar über 450 Musiker.

Gespielt wird nicht etwa nur Marschmusik, sondern ein Mix aus aktuellen Charts, Oldies bis zu Country. Für jedes Football-Spiel studiert die Band eine komplett neue Show ein, meist zu einem bestimmten Thema: mal Queen, mal Filmmusik. Hauptsache, die Musik hat einen deutlichen Rhythmus, und man kann dazu marschieren. Nur Swing oder Walzertakt sind unerwünscht.

Die Cheerleader lernen fliegen

Denn das ist die eigentliche Attraktion der Marching Band: So gut die Musik auch sein mag, so sehr sich der Banddirektor auch abmüht, seinen Studenten den professionellen Sound eines Symphonieorchester beizubringen - in einem Mega-Stadion mit 85.000 lärmenden Fans zählen vor allem die "visual effects". Also "malen" die Musiker Muster aufs Feld, marschieren virtuos von einer Form zur nächsten und formen zum Abschluss ein Logo oder einen Schriftzug.

In der Pregame-Show der Oklahoma State Universität bildet die Marching Band binnen weniger Sekunden den Spitznamen des Football-Teams (COWBOYS), wirbelt zu den Umrissen des Bundesstaates und sofort zurück zu den riesigen Buchstaben OSU. Mittendrin reitet das Uni-Maskottchen auf einem Rappen quer durch die Band, Feuerwerkskörper erleuchten den Abendhimmel.

Die meisten Blicke dürften sich derweil auf die Cheerleader richten. Während die Band das Spielfeld füllt, tanzen die knapp bekleideten Studentinnen an der Seitenlinie auf und ab. Wie viel Arbeit sie in den Sommerferien geleistet haben, wird spätestens klar, wenn ihre muskulösen Helfer in Aktion treten. Wie im besten Zirkus wirbeln sie die federleichten Cheerleader durch die Lüfte, schlagen Räder, bilden halsbrecherische Pyramiden. Derweil vollführen ihre Kommilitoninnen vom "Color Guard" im Takt mit der Band komplizierte Fahnen-Choreografien.

Wie im Sozialismus: Individualität ade

Hinter der Glamour-Fassade steckt knallhartes Training. Noch vor Semesterbeginn werden die Grundlagen in einem oft wochenlangen "Boot Camp" aufgefrischt. Acht bis neun Stunden täglich üben Musiker und Cheerleader, "rain or shine" - bei Sturzregen wie bei glühender Wüstensonne. Die brennt im Sommer regelmäßig mit über 40 Grad auf die Staaten im Mittleren Westen herab. Wer da nicht genug Wasser trinkt, riskiert einen Kreislaufzusammenbruch.

Allein das Marschieren sei schon "eine Form des Leistungssports", betont Banddirektor Paul Popiel. "Und dann kommt noch die Musik hinzu." Für ihn ist es selbstverständlich, dass die Studenten komplett auswendig spielen; fürs Notenlesen bleibt auf dem Feld keine Zeit. Am Ende des Camps muss jeder Schritt, jede Note sitzen - eine einzige falsche Bewegung eines unaufmerksamen Teilnehmers reicht, um die virtuose Form zu zerstören.

Die vielleicht schwierigste Lektion für viele Studenten, hat Professor Popiel beobachtet, ist die Aufgabe ihrer Individualität. Marching Band und Cheerleading Squad leben von der bedingungslosen Unterordnung aller Mitglieder unter ihren Direktor. Die komplizierten Muster der Band sehen nur bei absoluter Symmetrie atemberaubend aus - und der Schriftzug COWBOYS begeistert die Zuschauer nur dann, wenn nirgendwo ein Arm oder Bein herausragt. Deshalb herrscht ein militärischer Drill mit ausgefeilter Kommandostruktur. Herausragende Studenten werden zu Jahresbeginn in "Leadership"-Positionen gewählt und müssen ihren untergeordneten Kommilitonen ordentlich Dampf machen.

Über allem schwebt stets das Noten-Schwert: Am Jahresende vergibt der Professor reguläre Noten fürs Abschlusszeugnis. Für manche Studenten, etwa künftige Musiklehrer, ist die Marching Band Pflicht, andere werden durch kleinere Stipendien geködert. Die Mehrheit jedoch spielt ganz freiwillig mit. Als Gegenleistung winkt allenfalls ein warmer Händedruck vom Direktor.

Proben bis zur Erschöpfung

An vielen US-Unis läuft gerade die Auswahlsaison für die Marching Bands und Cheerleader-Gruppen des Wintersemesters. Noch bis März können sich Neulinge bewerben. Mitunter fragen die Studenten sich selbst, wieso sie sich freiwillig dieser Tortur aussetzen. Warum sie wochenlang wie wahnsinnig auf einem Spielfeld herummarschieren, sich in ein enges Cheerleader-Dress zwängen und durch die Luft wirbeln lassen. Oder jeden Samstag um fünf Uhr morgens aufstehen und zwölf Stunden lang ihr Instrument bearbeiten, bis die Lippen in Fetzen hängen. Trotzdem sind sie jeden Sommer dabei. Auf viele Studenten wirkt das Kameradschafts-gefühl geradezu magnetisch. "In der Band habe ich Freundschaften geschlossen, die sicher ein ganzes Leben halten", sagt Cynthia Hobbs, 19.

Zudem lernen Musiker und Cheerleader das Land kennen. Als Uni-"Botschafter" sind sie auch bei den Auswärtsspielen dabei. Selbst wenn sie nicht, so wie die Jungs vom Football-Team, per Charterflugzeug reisen - die Uni lässt sich ihre Außendarstellung ordentlich was kosten und chartert eine ganze Busflotte. Mit den Sattelschleppern für die vielen Instrumente und den Uni-eigenen Campuspolizisten zur Absicherung ergibt sich ein imposanter Konvoi, der notfalls auch bis an die andere Küste reist.

Die Footballfans sind ein extrem dankbares Publikum. Viele leben geradezu für ihr Team - zu den Spielen bebt die ganze Stadt. Schon Stunden vorher trifft man sich zur "Tailgate Party" und grillt auf dem Parkplatz Würstchen, mit reichlich Gehupe ziehen Autokarawanen durch die Straßen, ein T-Shirt in der offiziellen Uni-Farbe ist Pflicht.

Marschiert dann kurz vor Anpfiff die Band ein und spielt den "Fight Song", reißt es sämtliche Zuschauer auf die Beine. Die Oklahoma State University kennt obendrein die spezielle Tradition des "Waving Song", zu dem die Fans rhythmisch winken. Musikerin Sarah Hicks treten Tränen der Rührung in die Augen: "Das ist schon ein geniales Gefühl, du stehst da auf dem Rasen und spielst, und dir winken 85.000 Leute zu..."

Autor Julian J. Rossig ist Austauschstudent aus Bamberg und verbringt gerade zwei Semester an der Oklahoma State University. In der diesjährigen "Cowboy Marching Band" spielt er Trompete.

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