• Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.05.2006
 

Kopf-Bälle

Hier steh ich nun, ich armes Tor

Von Armin Himmelrath

"Wenn man den Fußball zur Professorenarbeit macht, verliert man seine Wurzeln", glaubt Lothar Matthäus. Im WM-Jahr treten Forscher aller Disziplinen an, um ihn zu widerlegen. So sucht ein Germanist Faust-Verse in Sportreportagen: Werner Hansch - Reporter oder Poet?

Magath, Augenthaler, Neururer - ihnen allen wurden schon, das wissen treue Hörer der samstäglichen Bundesliga-Schaltkonferenz im Radio, haufenweise Gretchenfragen gestellt. Die Frage lautet dann aber nicht originalgetreu "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?", sondern viel profaner: Wer stürmt? Wer bleibt Bankdrücker, wer muss aus diziplinarischen Gründen auf die Tribüne? Und wird Mehmet "Edeljoker" Scholl schon wieder in der 72. Minute eingewechselt?

Werner Hansch: Ein Titan unter dichtenden Reportern
Zur Großansicht
DDP

Werner Hansch: Ein Titan unter dichtenden Reportern

Fußballreporter zitieren Goethe besonders gern - und besonders gern falsch, hat Frank Möbus herausgefunden. Der Göttinger Germanist entdeckte bei ihnen eine "ausgesprochene Vorliebe für faustisches Gedankengut". Das bewog Möbus dazu, "eine rhapsodische Besichtigung des Luftraums der Niederungen" vorzunehmen, "in dem viele Faust-Verse sich mittlerweile als Geflügelte Worte zu Schwärmen versammelt haben". Denn ohne jeden Zweifel sei Goethes Faust, nach der Bibel und dem Kommunistischen Manifest, der "meistzitierte Text deutscher Zunge".

Also machte sich Möbus, sonst als Ringelnatz-Experte bekannt, an die Arbeit und sammelte echte oder vermeintliche Faust-Zitate. Mehrere tausend davon hat er bereits zusammengetragen, hunderte davon aus der samstäglichen Radio-Bundesligakonferenz oder aus dem Fachmagazin "kicker".

Möbus gehört zu einer besonderen Forscher-Spezies, zu den Wissenschaftlern, die sich gern und intensiv mit Fußball beschäftigen - wie etwa auch der Dortmunder Physiker Metin Tolan, der unter anderem mit einer Formel exakt berechnet hat, warum Deutschland am Abend des 9. Juli auf jeden Fall Weltmeister sein wird.

Tolan nähert sich dem Fußball naturwissenschaftlich, Möbus von der sprachlichen Seite. Er ist elektrisiert, wenn über Jens Lehmann gedichtet wird: "Da steht er nun vor seinem Tor, und ist so klug als wie zuvor." Immer wieder stellt der Germanist fest: Ob man Goethe falsch oder richtig zitiert, spielt keine Rolle. Mitunter sei die Wirkung sogar umso größer, je falscher das Zitat sei - für gestandene Germanisten eine Horrorvorstellung, für fußballverliebte Forscher ein unterhaltsamer Spaß.

Die Dichterkrone gebührt Werner Hansch

Vielfach fündig würde Möbus auch in der Werbesprache, vom Hundefutter Chappi ("Mein Waldi hat des Pudels Kern entdeckt") bis zur LBS ("Hier bin ich Mensch, hier kann ich's sein"). Posthum erreiche Goethe eine beachtliche berufliche Position als Werbetexter.

Sportreportagen aber gehören zu den Lieblings-Fundstellen von Möbus. Die Dichterkrone der Reporter komme unangefochten Werner Hansch zu. Als Dortmunds Torhüter Steffen Klos im Dezember 1993 im Lokalderby gegen Schalke durch eine Glanzleistung das 1:1 gegen den Erzrivalen festhielt, "begab sich der Reporter auf den Olymp", erinnert sich der Wissenschaftler noch heute voller Andacht. Werner Hansch habe die Formel von Fausts Erlösung in den Bergschluchten "ruhrpöttelnd variiert", indem er ins Mikrofon schnarrte: "Wer immer fliegend sich bemüht, der bleibt am Schluss auch unbesiegt!"

So viel Kreativität allerdings ist eher selten. Am häufigsten in der Fußball-Berichterstattung kommen einige Standards unter der Goethe-Zitaten vor: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" und "Da steh’ ich nun, ich armer Tor" liegen gleichauf mit "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", wie Goethe seinen Mephistopheles in der Schüler-Szene dozieren ließ - fortgeführt mit: "und grün des Lebens goldner Baum".

Zumindest das letzte Zitat ist nachweislich allerdings nicht nur von Reportern, sondern auch von einem Spieler verballhornt worden. Adi Preißler, Dortmunds legendärer Spielführer in den fünfziger Jahren, machte daraus nämlich kurz und bündig: "Grau is alle Theorie, maßgebend is auffen Platz" - für Frank Möbus ein Glanzstück seiner Sammlung. Oder, um es mit Faust zu sagen: "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen."

Autor Armin Himmelrath, freier Journalist in Köln, hat vor einigen Wochen das Buch "Macht Köpfen dumm?" (Herder-Verlag) veröffentlicht

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik WunderBAR

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP