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29.06.2006
 

Binationales Fotoprojekt

Hightech in Polen, Helmut und Helga in Deutschland

Von Antonia Götsch

Polnische Medien zeigen mit Vorliebe deutsche Skinheads, umgekehrt grassieren in Deutschland allerlei Autodieb- und Landei-Klischees. 14 junge Fotografen aus beiden Ländern machten sich auf die Suche nach neuen, anderen Bildern - und hatten viel Spaß dabei.

Gilbert hat ganz schön geschluckt, bevor er Pawel ins Gesicht sagte: "Polen sind Diebe". Der revanchierte sich umgehend und gab zurück: "Deutsche sind Nazis." Danach haben sie ihre Koffer gepackt und sind gemeinsam losgezogen, um Deutsche und Polen in den Grenzregionen zu fotografieren.

"Es war gut, dass wir uns unsere Vorurteile gleich am ersten Tag an den Kopf geworfen haben, sonst wären sie vielleicht während unser ganzen Zusammenarbeit mitgeschwungen", sagt Gilbert, 26. Und schließlich lautete ihr Auftrag, Stereotypen zu hinterfragen und zu durchbrechen. "Junge Fotografen haben neue Perspektiven und machen neue Bilder", erklärt Sandra Ewers vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk die Idee des Projekts "Wie du es siehst". 14 junge Leute aus beiden Ländern wurden dafür ausgewählt: Hobbyfotografen, Fotostudenten und Nachwuchsprofis.

Sie erhielten eine digitale Spiegelreflexkamera, eine Schulung von Pressefotografen und eine Frage mit auf den Weg: Ist das Pferdefuhrwerk, wie es in deutschen Medien oft verwendet wird, wirklich ein typisch polnisches Bild, und sind es grölende Skinheads für Deutschland? "Wir wollten, dass neue Bilder in die Medien beider Länder kommen. Immerhin 500 Fotos wurden von der polnischen Presseagentur PAP und der deutschen dpa ins Archiv aufgenommen", so Ewers. Bis zum 5. Juni waren die Fotos im Auswärtigen Amt in Berlin zu sehen, jetzt pendeln sie mit dem Berlin-Warschau Express zwischen den Hauptstädten.

Auf der Suche nach der Grenze

Nach Workshops in Berlin und Warschau, in denen die Jugendlichen über Vorurteile, Politik und Geschichte diskutierten, reisten sie in binationalen Tandems durch Deutschland und Polen – alle mit einer eigenen Fragestellung. Bartek aus Krakow und seine deutsche Partnerin Astrid ließen sich per Anhalter treiben, von Berlin über Niedersachsen nach Breslau, dann 400 Kilometer bis nach Danzig und schließlich 300 Kilometer zurück nach Warschau. Sie fotografierten, wen und was sie trafen - zum Beispiel eine Hausschlachtung in Peine und menschenleere, maschinengesteuerte Bauernhöfe in Nordpolen.

Pawel und Gilbert wollten wissen: Was macht eigentlich die Grenze aus? Sie reisten in die Zwillingsstädte Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin und Frankfurt/Slubice. Auf Brücken und Marktplätzen bauten sie ihr Fotostudio "Kontakt" auf: Eine weiße Leinwand, vor der sie Deutsche und Polen fotografierten - Rentner, Bauern, Säufer, hippe Jugendliche, Hausfrauen, Verkäufer. Für die Ausstellung haben sie Paare zusammengestellt, ohne Rücksicht auf die Nationalität. Der Besucher kann nur raten, wer Deutscher und wer Pole ist. Und scheitert, denn ohne Hintergrund gibt es keine sichtbaren Differenzen.

"Hinter der Fassade unterscheiden sich die Menschen schon", sagt Gilbert. "Aber warum immer nur auf die Übereinstimmungen schielen? Differenzen können sich ja prima ergänzen." Wie bei ihm und Pawel, sie seien ein ungleiches Paar, das gerade deswegen gut zusammen passte. Gilbert absolviert mit 26 Jahren gerade sein zweites Studium in Berlin, ist unabhängig und der Spontanere. Pawel arbeitet, obwohl ein Jahr jünger, als Fotolehrer und ist bereits Vater. Sein Sohn sagt "Onkel Gil", wenn Gilbert mal wieder nach Danzig kommt.

In den Semesterferien haben sie einen Monat gemeinsam an Pawels Schule unterrichtet. "Ich weiß, es klingt arg nach Klischee, aber die meisten Tandems sind richtig gute Freunde geworden", berichtet Pawel. Zehn Tage Fotorecherche schweißen eben zusammen. "Wenn man entscheiden muss, wo man schläft, wie man das Geld einteilt und wo es als nächstes hingehen soll, dann lernt man sich automatisch sehr gut kennen."

Zweiter Weltkrieg bleibt ein großes Thema

Krystyna, die in Posen Psychologie studiert, und Fotostudentin Mareike aus Hannover planen schon den nächsten Fototrip im Sommer: "Die enge Zusammenarbeit mit einer Person aus dem Nachbarland war eigentlich das Beste am ganzen Projekt", sagt Mareike. "In unseren allabendlichen Diskussionen habe ich am meisten über Polen gelernt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Jugendlichen hier so schnell studieren und schon mit Mitte zwanzig eine Familie gründen."

Auch die Erfahrung, dass das Thema Zweiter Weltkrieg in Polen immer noch intensiv diskutiert wird, war für die 26-Jährige neu. "Viele Menschen kritisieren, dass die Deutschen ihre Geschichte nur historisch aufgearbeitet, aber nie in ihrer eigenen Familie nachgefragt haben – und ich finde, das stimmt."

Krystyna hingegen sah ihr Stereotyp gleich am ersten Tag der Reise bestätigt. "Als wir am Bahnhof in Bayern ausgestiegen sind, kam mir gleich ein Helmut entgegen", erzählt sie lachend. "Stimmt ja, das habe ich auch noch gelernt", erwidert Mareike, "wir Deutschen heißen in Polen Helmut und Helga und tragen Dirndl und Lederhosen."

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