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10.10.2006
 

Anja in Amerika

Gehen oder bleiben?

Das USA-Jahr ist zu Ende - und jetzt grübelt Anja Schröder, ob sie weiter dort leben will. Bei der Green-Card-Lotterie hat die deutsche Studentin sich schon ein Los geholt und wartet auf Post aus Kentucky. Was tun, wenn eines der 50.000 Tickets an sie geht?

Was mich an jenem Abend im Herbst wirklich getrieben hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Vielleicht war es einer dieser Tage, an denen ich morgens aufgewacht bin und dachte: Eigentlich sollte man auf der Stelle ins East Village oder nach Brooklyn ziehen und für immer dort bleiben, schon allein deshalb, weil New York so einzigartig ist und ich mir alles andere später wahrscheinlich nicht verzeihen würde. Möglicherweise spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass die Jungs in Amerika einfach besser aussehen. Oder es war der Gedanke an das berühmte "Philly Cheese Steak".

Wartet auf den Brief aus Kentucky: Anja
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Charly Kurz

Wartet auf den Brief aus Kentucky: Anja

Doch was immer auch den letzten Anstoß gegeben haben mag, es hat in jedem Fall dazu geführt, dass ich an der "US Green Card Lottery" teilgenommen habe. Deshalb warte ich seit einiger Zeit ungeduldig auf Post aus Kentucky. Denn ein Brief von dort würde bedeuten: Einem neuen Leben in Amerika steht so gut wie nichts mehr im Wege. Natürlich könnte ich auch einen Amerikaner heiraten oder darauf setzen, dass sich ein US-Arbeitgeber so sehr für mich interessiert, dass ich als "legal permanent resident" in Frage komme.

Aber den geringsten Aufwand bedeutete eben die Bewerbung um eine Green Card: Statt Bräutigam oder Job braucht man hier vor allem ein Digitalfoto und einen Internet-Zugang. Und vielleicht liegt ja darin das Problem: Denn die Ausfertigung meines Loses per Mausklick war eine Sache von ein paar Minuten und, wie man hier sagen würde, "no big deal". Aber jetzt, wo es langsam ernst wird, denke ich zunehmend nervös über die Frage nach, was ich eigentlich mache, wenn die computerisierte Lottofee aus dem Kentucky Consular Center tatsächlich eins der 50.000 Tickets Richtung American Dream für mich reserviert haben sollte.

Und da muss ich leider sagen: Trotz angestrengten Überlegens bin ich noch zu keiner abschließenden Entscheidung gelangt.

Denn eine Entscheidung für oder gegen Amerika ist etwas anderes als eine Frage in einer Multiple-Choice-Klausur, in der man hundertmal hintereinander die Wahl zwischen "right" oder "false" hätte. Ich würde sogar sagen: Dieses Land macht es einem schier unmöglich, es entweder kategorisch zu hassen oder zu lieben.

Schmelztiegel oder Salatschüssel

Das fängt mit der bemerkenswerten Tatsache an, dass sich in den USA niemand fremd fühlen muss. Wann immer ich hier irgendwo vorgestellt werde, hört sich das so an: "This is my friend Anja." Und jedes Mal warte ich darauf, dass da noch ein Nachsatz kommt: "From Germany." Aber da kommt nichts. Denn wo jemand geboren wurde, ist hier Nebensache. Ausländer kann es ohnehin nicht geben, weil der Begriff "Einwanderungsland" wörtlich zu verstehen ist: Schließlich hat nahezu jeder der annähernd 300 Millionen Amerikaner entweder Vorfahren, die einmal hierher gekommen sind, oder er ist selbst Zugereister.

Aber dieses multikulturelle Potpourri - ganz gleich, ob man das nun "melting pot" oder "salad bowl" nennt - bekommt bereits dann einen eigenartigen Nachgeschmack, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die einstigen Gastgeber und zugleich einzig "echten" Amerikaner heute als kleine Minderheit der USA vor allem in sogenannten Reservaten leben, wo in erster Linie Drogen und Arbeitslosigkeit den Alltag bestimmen. Und so weltoffen sich die amerikanische Gesellschaft nach außen präsentiert, so ungehört verhallt die Stimme der Indianer im Innern. Was bekanntlich auch auf große Teile der schwarzen Bevölkerung zutrifft, die zwar überproportional häufig (und nicht selten aufgrund geringer Delikte) in den überfüllten Gefängnissen des Landes vertreten sind, aber an einer Elite-Uni wie meiner in deutlich geringerer Zahl.

Doch für derart grundsätzliche Fragen ist jetzt wohl keine Zeit. Denn hier plant man bereits, die Verlosung der Green Cards, offiziell "Diversity Immigrant Visa Program" genannt, wieder abzuschaffen. Vielleicht, weil an dieser Lotterie, mit der Washington vor allem Europäer ins Land holen wollte, um die Immigrantenvielfalt Amerikas sicherzustellen, Leute von fast überallher teilnehmen. Rund sechs Millionen Bewerber waren es im vorvergangenen Jahr, und die aktuelle Gewinnerliste reicht vom zahlenmäßig am stärksten vertretenen Äthiopien (6995 Glückliche) über den europäischen Spitzenreiter Ukraine (5269) bis hin zur "Achse des Bösen" (George W. Bush). Mit 934 Green Cards hier ganz vorn mit dabei: Iran.

Vielleicht bedeutet der Begriff "American Dream" ja übersetzt, dass man hier manchmal allen Ernstes meinen könnte zu träumen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Ich schalte den Fernseher ein, und da steht der Gouverneur von Kalifornien, unrasiert, die Maschinenpistole unterm Arm, und brüllt: "I'm a cop, you idiot!" Und genau so wenig, wie ich ihm den Polizisten abnehme, kann ich es glauben, dass dieser österreichische Vorzeige-Immigrant als ehemaliger Bodybuilder die Gewichtsklasse gewechselt hat und heute eben Kalifornien regiert - selbst wenn er mich deshalb vielleicht eine Riesen-Idiotin schimpfen würde. Womit er, genau betrachtet, gar nicht mal so unrecht hätte, denn es scheint tatsächlich so zu sein: Anything is possible.

Bin ich im Schurkenstaat oder im Land der Freien?

Und so kommt es dann auch, dass man folgende Antwort erhält, wenn man an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag im Gerichtsgebäude von Philadelphia den Wachmann auf dem Gang fragt, ob er zufällig eine interessante Verhandlung empfehlen könne: "O ja", sagt der freundliche Beamte, "im zehnten Stock versucht gerade einer, seine Todesstrafe in lebenslänglich umzuwandeln!" Und da fühlt man sich, als wäre man irgendwo anders. In einem Schurkenstaat. Oder in einem anderen Zeitalter. Aber mit Sicherheit nicht hier, zwischen den Wolkenkratzern von Downtown, wo die Taxis hupend durch die Straßen fahren und es H&M, McDonald's und McKinsey gibt.

Ein saftiges Stück Amerika: Hier gibt's das Philly Cheese Steak
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Flickr.com

Ein saftiges Stück Amerika: Hier gibt's das Philly Cheese Steak

Und nur ein paar Blocks weiter hängt im Independence National Historical Park, für den die einstige Hauptstadt Philadelphia berühmt ist, die "Liberty Bell", die Amerikas Kampf um die Freiheit symbolisiert wie kaum etwas sonst. Doch als ich mir die Independence Hall schräg gegenüber einmal aus der Nähe anschauen will und einen Schritt auf das Absperrgitter zu mache, ruft der patrouillierende Park Ranger herüber: "Gehen Sie zurück auf die andere Straßenseite!" Und so unmissverständlich sein Tonfall zeigt, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt ist, so unscharf scheint die amerikanische Idee von Freiheit und Unabhängigkeit heutzutage zu sein - und da muss man noch gar nicht an den Irak denken.

Und eigentlich ist das alles ein bisschen schade. Denn die ursprüngliche Idee, die leider viel zu oft als Rechtfertigung missbraucht wird, ist für sich betrachtet nicht übel. Heißt das Credo hier doch: "get involved". Was zumindest in den Schulen und Unis übersetzt wird mit: Interessiere dich für andere und gib etwas zurück; vielleicht auch, weil hier zweifelsohne einiges an Arbeit wartet.

So kommt es dann, dass man uns immer wieder als "change agents" angesprochen hat. Wir Studenten sollten hinausgehen und versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen, hat etwa unser Strafprozessrechtsprofessor am letzten Tag an uns appelliert. "There's no excuse", sagte er zum Schluss, bevor er sich bei uns für ein gutes Sommersemester bedankte. Alle haben geklatscht, selbst dann noch, als er schon längst aus dem Hörsaal war - auch deshalb, weil er stets eine hochinteressante Vorlesung gehalten hat, aber trotzdem nie zu beschäftigt war, um eine E-Mail zu beantworten.

Und zumindest dann, wenn ich ihn beim Wort nehmen wollte, wäre wohl klar, was ich zu tun habe, sollte demnächst ein Brief aus Kentucky kommen.

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