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13.09.2006
 

Von Leipzig nach Kapstadt

Mit dem Fahrrad zum Äquator

Die Fernreise des Jurastudenten Sebastian Woitsch, 27, hat es in sich: Er durchquert Afrika mit dem Rad. Am Äquator ist er schon. In SPIEGEL ONLINE berichtet er über die ersten 8000 Kilometer - von einem gespenstischen Zwangsstopp in Syrien bis zu bizarren Polizeieskorten in Ägypten.

Es wäre auch einfacher gegangen. Ich hätte mich ins Flugzeug setzen können. Stattdessen bewege ich mich jetzt auf meinem Fahrrad, 60 Kilogramm Stahl und Gepäck, im Zeitlupentempo einen Berg hinauf. Regelmäßig verschwinde ich in einer schwarzen Abgaswolke, wenn mich Lastwagen quälend langsam überholen. Nur noch 200 Kilometer bis Nairobi.

Es geht wieder bergab, ich kann endlich etwas ausruhen. Ein unscheinbares Schild taucht am Straßenrand auf. Ich halte ehrfurchtsvoll vor der gedachten Linie - dem Äquator. 8000 Kilometer habe ich hinter mir. Fast genauso viele liegen noch vor mir. Ein Blick zurück auf die vergangenen neun Monate.

"Willkommen in Syrien"

Auf dem "Bagdad Highway", unterwegs nach Damaskus und nur 150 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, überholt mich ein weißer Peugeot. Der Motor heult auf, der Wagen stoppt. Zwei Männer mit Sonnenbrillen springen heraus: Die Papiere bitte! Nun werde ich nicht zum ersten Mal von zweifelhaften Autoritäten nach meinem Pass gefragt, und ein europäischer Pass ist in gewissen Kreisen ziemlich begehrt. Also mache ich zunächst keine Anstalten, das gewünschte Dokument hervorzuzaubern.

Auf meine Nachfrage zücken die Männer tatsächlich ihre Dienstausweise: "Syrian Intelligence Service". Verdammt. Die nächsten 45 Minuten durchsuchen sie akribisch mein Gepäck. Nichts bleibt verschont. Vor allem mein Tagebuch wird kritisch beäugt: Bei jeder Seite fragt man nach Sinn und Inhalt.

Bald erscheinen weitere Fahrzeuge, Männer mit Mobiltelefonen. Mein Fahrrad soll ich doch bitte auf den Pick-up laden! Ich werde nervös. "Ich bin bloß ein Student auf der Durchreise", versichere ich unablässig und wedle mit meinem Studentenausweis. Ein weiterer Mann, offenbar Offizier, entspannt die Situation. Geduldig kopiert er jeden Buchstaben meines Passes (inklusive Lautumschrift meines Namens), ich bekomme das kostbare Dokument zurück. Der Offizier verschwindet kurz im Wagen – und kommt mit einer Handvoll Bonbons zurück: "Welcome to Syria!"

Puh. Hastig stopfe ich meine Sachen in die Taschen. Und los!

Bomben in Amman

Es ist ruhig, zu ruhig für eine Metropole mit zwei Millionen Einwohnern. Einzig die Sicherheitskräfte sind omnipräsent. Drei Selbstmordattentate haben in der vergangenen Nacht Amman erschüttert - nicht weit von meinem Hostel entfernt. Die Stadt erscheint am Morgen danach wie gelähmt und verstummt.

Ich nehme spontan an einer Demonstration gegen den Terror teil. Die skandierten Sprüche sind markig – und doch nur Ausdruck der allgemeinen Fassungslosigkeit. Die Terroristen haben eine Hochzeitsgesellschaft in die Luft gesprengt. Welches Ziel vermag eine solche Tat zu rechtfertigen?

Polizeieskorte durchs Niltal

Halt! Ein ägyptischer Polizist stellt sich mir entschlossen in den Weg, winkt mich zur Seite. "Allein? Nach Assuan? Von Deutschland?" Die Polizisten wissen nicht, ob sie lachen, anerkennend nicken oder einfach abwinken sollen. Sie gewinnen ihre Entschlossenheit zurück, als ich vorsichtig andeute, weiterfahren zu wollen. "Das ist völlig unmöglich! Viel zu gefährlich!" Welche Gefahren mich genau erwarten, kann mir niemand erklären.

So beginnen wir mit dem Unausweichlichen: Wir warten auf den Vorgesetzten. Vielleicht hat er ja eine Idee. Eine Stunde später sitze ich wieder auf meinem Rad - begleitet von einem blauen Pick-up mit voller Besatzung. Zwei Gewehrschützen auf der Pritsche und ein Offizier mit Walkie-Talkie wurden mir zur Seite gestellt, um den Gefahren der Niltaldurchquerung zu trotzen. Mein persönliches Schutzteam wechselt alle 20 bis 30 Kilometer. Niemand war sich offenbar bewusst, wie langsam ein Reiseradler unterwegs ist. So spornt man mich zu Höchstleistungen an, bietet mir zuweilen Zigaretten aus dem fahrenden Auto an, hupt und winkt - und drängt mich ein ums andere Mal, mein Rad doch bitte aufs Auto zu laden.

Ich bleibe hartnäckig und zaubere immer wieder das in Arabisch verfasste Empfehlungsschreiben des Goethe-Institutes in Kairo hervor. Mit teilweise durchschlagendem Erfolg: Ein Polizist küsst mich auf beide Wangen und gibt mir das Mittagessen aus.

Sechs Tage und 700 Kilometer lang trinke ich unzählige Tees mit ägyptischen Polizisten und diskutiere tapfer jedes Mal aufs Neue, wenn ich von der Hauptstraße runter will, um Einkäufe zu erledigen. Als ich Assuan verlasse, um mich in Richtung Sudan einzuschiffen, bin ich zwar glücklich über die wiedergewonnene Freiheit - aber vermisse doch ein wenig meine Jungs.

Mit dem Seelenverkäufer über den Lake Nasser

An Deck ist es brüllend heiß, die wenigen Schattenplätze unter den Rettungsbooten sind begehrt. Ich war nicht schnell genug und dränge mich auf der Suche nach Kühle in den überfüllten Passagierraum, in dem kein Zentimeter ungenutzt bleibt. Junge Männer geben sich gegenseitig Halt und versuchen zu schlafen. Frauen in bunten Gewändern mühen sich, die unüberschaubaren Mengen von Kisten und Taschen zu zähmen und zu verstauen: Fernsehgeräte, Videorekorder, Küchenmaschinen jeder Art, Matratzen, Bettzeug, Geschirr.

Kurz vor Sonnenuntergang schnauft unser Schiff, das die besten Jahre längst hinter sich hat, gen Sudan. Einige deutsche Beschriftungen lassen eine abenteuerliche Karriere dieses Bootes erahnen. Sicher scheint, dass sie hier auf dem Lake Nasser enden wird. Die Sonne rutscht langsam hinter den Horizont und taucht die Wüste in ein friedliches Violett.

Plötzlich wird es laut: Ein Mann hat sich unvorsichtigerweise auf einen Platz gesetzt, der ihm nicht zusteht. Eine Frau mit hünenhafter Gestalt in sonnengelbem Gewand lässt ein Donnerwetter auf ihn niederprasseln. Der ganze Raum ist elektrisiert, man raunt und tuschelt. Wir sind wieder wach. Mehrere Menschen reden beruhigend auf die Frau ein. "She's a strong lady!", klärt mich ein Mitreisender auf.

Der schnellste Fahrradfahrer des Sudans

Ich sitze erschöpft am Ufer des blauen Nils in Khartum, als ein großer, schlaksiger Sudanese auf dem Rad heranprescht. "You are the German bicycle driver?" Ich nicke verdutzt. "Hi! I'm Midhat!" Midhat klärt mich auf: Sein Bruder wohnt im Nordsudan und greift dort ankommenden Touristen bei den Einreiseformalitäten unter die Arme.

So ist Midhat über jeden Radler informiert, auch über mich. Er sprudelt nur so über vor Geschichten. Gerade hat er die Tour d'Afrique begleitet, ein Amateur-Radrennen von Kairo nach Kapstadt, in Etappen von 150 Kilometern pro Tag. Dann kündigt er an, dass er mich für ein paar Kilometer begleiten möchte, nur aus Khartum heraus. Letztlich fahren wir noch 60 weitere Kilometer gemeinsam. Midhat kennt keine weiteren sportlichen Radler im Sudan. Er ist wohl ein Unikat.

Einmal Teenie-Popstar sein

Mit dem Fahrrad durch Südäthiopien zu fahren, ist ein wenig wie Schaulaufen. Sobald ich auftauche, gibt es einen Rundruf, schon setzen sich sämtliche verfügbaren Kinder in Bewegung. Wenn ich anhalte, um eine Cola zu trinken, werde ich beobachtet wie ein seltenes Tier im Zoo.

Meist spricht jemand Englisch. Von Ausruhen kann nur ansatzweise die Rede sein. Versuche des Café- oder Restaurantbesitzers, die Menge auseinander zu treiben, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Neugierige Soldaten

Waffengeklirr, ich bin plötzlich hellwach. Irgendwer versucht, das Außenzelt anzuheben, um einen Blick auf den Insassen zu erhaschen. Ich greife mir das Pfefferspray und setze mich auf, bereit, jeden Angreifer in einer Wolke verschwinden zu lassen – und zweifle im selben Moment am Sinn einer solchen Aktion. Das Geklirr stammt jedenfalls nicht von Kartoffelmessern.

Nahe der äthiopisch-kenianischen Grenze soll es schon Überfälle gegeben haben. Plötzlich höre ich Mitch, meinen japanischen Begleiter, aus dem Nachbarzelt lachen. Noch nie habe ich mich so über das Lachen eines anderen Menschen gefreut. Ich öffne mein Zelt und blicke in die neugierigen Gesichter äthiopischer Soldaten. Spontan lade ich sie in mein Reich ein. Doch man lehnt höflich ab. Wir lachen und scherzen noch etwas. Dann setzen die Soldaten ihre Patrouille fort.

Noch 100 Kilometer bis Nairobi, schon wieder bergauf. Warum muss ich eigentlich mit dem Rad durch Afrika fahren? Nach einer Pause und einer kalten Cola würde ich wohl antworten: Ein Land mit dem Rad zu bereisen, heißt, eine Geschwindigkeit zu wählen, bei welcher die Seele Schritt halten kann. Doch manchmal fluche ich einfach nur über mein Vorhaben - bis ich die nächste unerwartete Bekanntschaft mache oder wieder unter dem afrikanischen Sternenhimmel liege.

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