• Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.12.2006
 

Barbaras letztes Uni-Jahr

Ich will hier raus!

Irgendwann muss man sich von der Uni verabschieden. Politikstudentin Barbara Domschky, 28, schreibt im UniSPIEGEL, wie sie ihr Prüfungsjahr übersteht - und was sie auf keinen Fall vermissen wird. Halbgare Referate zum Beispiel. Oder "Huhn Szechuan" in der Mensa.

Das "Huhn Szechuan" auf meinem Teller schmeckt so wenig chinesisch, wie es auch schon in meinem ersten Semester geschmeckt hat. Außerdem riecht hier etwas nach nasser Jacke und Schweiß. Offensichtlich mein Nachbar, der aussieht, als sei seine Dusche seit Wochen kaputt. Ich schiebe mein Essenstablett weg, ziehe meine Jacke an, die für den Rest des Tages nach Mittagessen müffeln wird, und überlasse die Girlies neben mir ihrer Modediskussion. Zur absoluten Rushhour habe ich mich allein in die Mensa gesetzt, in der man so eng aufeinanderhockt, dass man sich locker vom Teller des Nachbarn bedienen könnte.

Doch heute wird mir klar: Das ist es nicht mehr. Ich will raus. Weg vom Uni-Mief, weg von Bibliothekenlangeweile, weg von "Huhn Szechuan". Es ist ja ganz schön gewesen, ein paar Jahre lang im mit Watte ausgeschlagenen Elfenbeinturm daheim gewesen zu sein. Zu diskutieren, schwätzen, lesen, lieben, lernen, konkurrieren. Aber seit kurzem macht mich der pädagogische Ton im Seminar kirre, gehen mir unausgegorene Referate auf den Keks, und schmatzenden Mensa-Gästen möchte ich gern die Meinung sagen. Die Universität, sie ist auch eine beschützende Werkstätte mit täglichem Seminar- und Vorlesungsangebot.

Das Leben, das ich ändern möchte, soll bald zu der Zeit werden, die von vielen als die Schönste ihres Lebens beschrieben wird. Zu den vielen Ehemaligen, die mit einer Träne im Auge zurückblicken, möchte ich auch bald gehören. Endlich die letzte Stufe nehmen, die Studenten von Arbeitenden - oder Arbeitsuchenden - trennt!

Zu alt für Modedebatten der Mensa-Girlies

Seit dem Sommer, nach ausgedehnter körperlicher und geistiger Erholungs- und Vorbereitungsphase unter der Sonne des Mittelmeers, habe ich nun mit dem letzten Jahr meiner Studienzeit begonnen. Seminarmappen vergangener Semester (aus dem gefühlten Pleistozän) werden herausgekramt. Über die Möglichkeit um Jahre verspäteter Hausarbeitsabgaben erkundige ich mich bei den Professoren vorsichtshalber erst mal per E-Mail.

Die meisten erweisen sich als gnädig, vielleicht kennen sie meine Situation aus eigener Erfahrung - das ist aber unwahrscheinlich. Eher sind sie froh darüber, eine Kandidatin weniger auf der Bank der Langzeitstudenten sitzen zu haben.

Ich bin jetzt 28 Jahre alt, die meisten meiner Kommilitonen und Freunde sind mit dem Studium fertig. Ich half beim Beschönigen von Lebensläufen ("Spanisch in Wort und Schrift klingt besser!") und stand beratend beim Kauf seriöser Anzüge für das erste Bewerbungsgespräch zur Seite. Ich trocknete Tränen nach Absagen und stieß mit Sekt auf den ersten Job an. Ich bin definitiv nicht alt, aber dennoch zu alt, um noch länger unfreiwillig Mensa-Diskussionen von Erstsemester-Girlies, ob Primaballerina-Schuhe zu Röhrenjeans passen, mitanzuhören. Ich will endlich erwachsen sein, mich und meine Familie durch ein Diplom mit Stolz erfüllen und für mein Wissen und meine Fähigkeiten bezahlt werden. Und ich möchte mich nicht mehr schämen müssen, wenn ich im Seminarraum von einem Erstsemester gesiezt werde.

In den folgenden Wochen werde ich einen Schlachtplan entwerfen, welchen Professor ich für welche Prüfung ins Visier nehme, wie das Ungeheuer Prüfungsamt zu bezwingen ist und wie meine Studienordnung sich den Ablauf meines Prüfungsjahres vorstellt. Über welches Thema ich meine Abschlussarbeit schreibe und welcher Copy-Shop kurz vor Abgabeschluss noch fünf gebundene Exemplare zusammenkopieren kann. Wenn alles gutgeht, habe ich es in zwölf Monaten hoffentlich geschafft. Nie wieder "Huhn Szechuan"!

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik WunderBAR

© UniSPIEGEL 5/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP