• Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.03.2007
 

US-Unimagazine

Sex and the Campus

Von Susanne Weingarten

An US-Universitäten unterrichten Dozenten "Porn Studies", und auf dem Campus erscheinen Nackt-Magazine. Verblüffend oft stecken dahinter Studentinnen, die auch an Pornos nichts auszusetzen haben - sie preisen das Recht auf Lust als Befreiung aus einem prüdem Moralkodex.

Ein Intellektueller sei "ein Mensch, der etwas Interessanteres als Sex entdeckt hat", scherzte einst der britische Schriftsteller Aldous Huxley. Insofern zeugt es von einer nicht unbeträchtlichen Fähigkeit zur Selbstveräppelung, dass der Huxley-Spruch ausgerechnet auf einer Website der amerikanischen Elite-Universität Yale zitiert wird, die sich mit nichts anderem befasst als mit - Sex.

Auch die angehenden Intellektuellen in den USA werden ja nicht von den erotischen Wirrungen der Jugend verschont, und so gehört Sex seit je zum quasi inoffiziellen Lehrplan amerikanischer Hochschulen, die ihre Studenten im Regelfall mit zarten, unerfahrenen 17 oder 18 Jahren direkt aus dem Elternhaus aufnehmen und in eine ungewohnt freie, nicht überwachte und an Versuchungen reiche Campus-Welt voller Gleichaltriger versetzen.


Wohl an kaum einem anderen Ort wird daher so engagiert und komprimiert sexuelle Feldforschung à deux betrieben wie in den Zimmerchen amerikanischer Studentenwohnblocks - fast 80 Prozent der Studierenden zwischen 18 und 24 Jahren seien "sexuell aktiv", fand eine Untersuchung der US-Regierung heraus. Während der Frühjahrssemesterferien - dem "spring break" - beschreiten seit Jahrzehnten Hunderttausende entfesselter amerikanischer Studenten bei einwöchigen Sex- und Alkoholgelagen in warmen, der Entblätterung zugetanen Gefilden wie Panama City, Cancún, Acapulco oder Jamaica genüsslich alle Irrpfade auf dem Weg ins Erwachsenenleben.

Überall blühen die Sex-Zeitschriften

Doch erst in jüngster Zeit hat der Sex sich daneben einen geradezu offiziellen Status im Campus-Leben erobert. An diversen Hochschulen - darunter den Ivy-League-Universitäten Harvard und eben Yale - geben Studenten ihre eigenen, in Bild und Text mehr oder weniger expliziten Sexzeitschriften mit Namen wie "Squirm" (Vassar), "H Bomb" (Harvard), "Quake" (University of Pennsylvania), "Vita Excolatur" (University of Chicago), "X Magazine" (Washington University) oder "Boink" (Boston University) heraus. In vielen anderen Uni-Blättern gibt es zumindest Sexkolumnen mit Tipps, schlüpfrigen Kommentaren und Zustandsberichten über die Bedürfnislage der Studentenschaft: "Sex and the Campus" sozusagen.

An der University of Wisconsin gibt es eine studentische Gruppe namens "Sex Out Loud", die ihre Kommilitonen in Workshops nicht nur über Safer Sex aufklärt, sondern auch mit Anwendung und Vorzügen diverser Sexrequisiten vertraut macht. Die Uni hat für das Programm - ähnliche gibt es an anderen höheren Bildungsanstalten des Landes - immerhin 90.000 Dollar zur Verfügung gestellt.

Auch in die Lehrpläne selbst hat der Sex Einzug gehalten - und zwar in Gestalt der "Porn Studies": Vor allem an den Englisch- und Filmfachbereichen vieler Hochschulen wird die Pornografie inzwischen als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen begriffen und gelehrt, das viel über die Wünsche, Tabuzonen und Regulierungen einer Gesellschaft aussagt. "Ich stehe der Pornografie durchaus kritisch gegenüber", sagt Linda Williams, Filmprofessorin an der University of California in Berkeley, "und ich will niemandem beibringen, ihre Existenz hinzunehmen." Zugleich aber, so Williams, "müssen wir Pornos, wie jede andere Tradition der bewegten Bilder, ernst nehmen".

Für die den Segnungen der Wollust immer noch skeptisch gegenüberstehenden USA bedeutet dieses unverhüllte Interesse an den Darstellungen der menschlichen Libido, gelinde gesagt, eine Herausforderung.

Als zwei Harvard-Studentinnen, Katharina Cieplak-von Baldegg und Camilla Hrdy, Anfang 2004 ihr Zeitschriftenprojekt "H Bomb" dem zuständigen Komitee unterbreiteten, um dessen Anerkennung als offizielle Harvard-Veröffentlichung zu erreichen, gab es erhebliche Bedenken bei den Repräsentanten der 1636 gegründeten Hochschule. Ausgerechnet, schluck, das ehrwürdig-prüde Harvard in der von Puritanern angelegten Stadt Cambridge als Erscheinungsort einer tendenziell pornografischen Publikation?

"Sex nicht nur bereden, sondern auch genießen"

Darauf, dass eine Anerkennung durch das Komitee keineswegs die "Billigung durch Harvard" darstelle, wies umgehend die stellvertretende Dekanin Judith Kidd hin, die nach eigener Aussage "Tausende Anrufe" zu dem Porno-Dilemma bekam - auch die einschlägige Zeitschrift "Hustler" zeigte sich an einer Recherche interessiert. Kidd befürchtete außerdem, dass Studierende durch hüllenlose Auftritte in "H Bomb" eine Bekanntheit erlangen könnten, "die sie in 20 Jahren bereuen werden".


Aber letztlich wurde "H Bomb" als offizielle Harvard-Veröffentlichung anerkannt, weil sich die Universität nicht den Vorwurf der Zensur einhandeln wollte. Allerdings dürfen die studentischen Erotikfreunde ihre Fotostrecken nicht innerhalb der heiligen Hallen Harvards ansiedeln, und die Zeitschrift erhält auch keine finanzielle Unterstützung der Uni, nur einen 2000-Dollar-Zuschuss der studentischen Selbstverwaltung.

Zweimal ist "H Bomb", ein Kompendium von Fotos, Essays, Aufklärungstexten, Kurzgeschichten und Gedichten, bisher herausgekommen; die neueste Ausgabe wird - im Mai dieses Jahres - nur noch online publiziert (www.h-bomb.org). Die Herausgeberinnen definieren ihr Blatt als "fuck you gegen die herrschenden Kräfte, als Rebellion gegen die puritanischen Haltungen, die in Cambridge vorherrschen, und gegen die oberflächlichen, pornografischen und häufig sexistischen Darstellungen von Sex in den kommerziellen Massenmedien".

Erstaunlich häufig sind es weibliche Studierende, die hinter den Sexzeitschriften stecken - fast durchweg mit ähnlich hehren Zielen wie die Harvard-Herausgeberinnen. "Quake" wurde im Frühjahr 2005 von Jessica Haralson und Jamie York an der University of Pennsylvania gegründet, um "einen anspruchsvolleren intellektuellen Diskurs über Sex" an der Hochschule zu befördern; allerdings nennen sie als Grundprinzip ihrer Veröffentlichung, dass "Sex nicht nur beredet, sondern auch genossen werden sollte". "Quake" ist inzwischen ebenfalls von seiner Alma Mater offiziell anerkannt worden.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik WunderBAR
alles zum Thema Auslandsstudium Nordamerika

© UniSPIEGEL 1/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP