SPIEGEL ONLINE: Der Papst ist am Montag 80 geworden und jetzt seit zwei Jahren im Amt - ein Grund zum Feiern?
Liminski: Unbedingt! Hier steht ein Mann an der Spitze der Weltkirche, der trotz seines Alters sehr jung geblieben ist, der offen ist und die Kirche prägt. Ich hoffe, Benedikt bleibt uns noch lange erhalten.
Tobias Raschke: Ich kann keinen Grund zum Feiern erkennen. Die katholische Kirche soll nicht feiern, sie soll sich endlich den drängenden Fragen unserer Zeit stellen - allen voran dem Thema Verhütung. Die Position der Kirche, Verhütung zu verbieten, ist absurd. Sie kostet Menschenleben, denn Kondome verhindern Aids-Tote. Offenbar hat das nun auch der Papst erkannt und jedenfalls eine Kommission eingeführt, die sich mit dieser Frage beschäftigt.
Liminski: Hier muss ich gleich widersprechen. Die Kommission soll die Frage klären, ob Kondome vertretbar sind, wenn einer der Ehepartner Aids hat - sonst nichts.
SPIEGEL ONLINE: Herr Raschke, was lässt Sie so unzufrieden sein mit dem Papst?
Raschke: Benedikt nimmt die Welt anders wahr, als sie ist. Er lässt sich feiern und für seine Anhänger steht er offenbar im Mittelpunkt der Kirche – und nicht Gott oder Jesus.
Liminski: Benedikts gerade erschienenes Buch "Jesus von Nazareth" beweist das genaue Gegenteil. Die Botschaft ist eindeutig: Achtet nicht auf mich, achtet auf den, dessen Stellvertreter ich bin, achtet auf Gott.
Raschke: Was ich vor allem kritisiere: Der Papst grenzt Menschen aus. Er spricht mit Priestern, aber er spricht nicht mit Frauen.
Liminski: Falsch. Benedikt geht auf die Menschen zu. Dank ihm wird die katholische Kirche in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen, positiver.
Raschke: Unsinn. Wenn ich höre, was der Militärbischof Mixa so von sich gibt, wie er gegen die Wahlfreiheit von Frauen hetzt, wende ich mich entsetzt ab - und nicht nur ich. Kritische Stimmen innerhalb der katholischen Kirche werden mundtot gemacht, das ist traurig.
Liminski: Bischof Mixa hat nicht gegen die Wahlfreiheit von Frauen gehetzt. Er hat lediglich davor gewarnt, das traditionelle Familienbild als ein Relikt vergangener Tage abzustempeln. Und noch etwas: Die Kirche grenzt Kritiker nicht aus. Sie setzt sich mit ihnen auseinander. Das nämlich unterscheidet den Papst von anderen Figuren des öffentlichen Lebens: Er hat eine klare Haltung. Gerade das macht ihn für junge Menschen, die nach Antworten suchen, so wertvoll. Hier ist jemand, der verbindliche Werte vertritt, der Position bezieht. Also: Wer in Zeiten, da alles beliebig ist, nach Sinn sucht, ist bei Benedikt sehr gut aufgehoben.
Raschke: Gegen Sinnvermittler ist nichts einzuwenden. Nur: Der Papst ist ideologisch verblendet. Wie sollen sich Menschen in einer Kirche aufgehoben fühlen, die ein reiner Männerclub ist?
Liminski: Das Thema Frauenpriestertum wird von manchen Gruppen immer wieder groß aufgekocht. Wenn man aber mit jungen Frauen spricht, stellt man fest: Das beschäftigt die gar nicht.
Raschke: Weil die Kirche sie nicht mehr beschäftigt. Und warum? Erstens erkennen sie: Die wollen uns dort nicht. Zweitens, die Themen, die uns bewegen, kommen dort ohnehin nicht vor. Unsere Generation engagiert sich deshalb andernorts: bei Attac oder beim Vogelschutzbund.
Liminski: Dem widerspricht, dass ein Initiative wie "Generation Benedikt" auf großen Anklang stößt - über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus.
SPIEGEL ONLINE: Fest steht, dass wenige Jugendliche in die Kirche gehen. Wenn daran nicht die Kirche schuld sein soll – wer denn dann?
Liminski: Ich denke, die Nähe zur Kirche ist bei vielen jungen Menschen immer noch da. Die Probleme beginnen dort, wo es um Regelmäßigkeit und um Verbindlichkeit geht. Aber dieses Phänomen beklagen auch Jugendverbände, politische Organisationen und viele andere.
Raschke: Das ist mir zu einfach. Das Hauptproblem der Kirche ist ein anderes: Sie gibt den Jugendlichen nicht den Raum, den sie bräuchten. Sie ist unglaubwürdig. Also wenden sie sich Menschenrechts- oder Umweltorganisationen zu. Dort können sie handeln.
Liminski: Warum pilgern dann mehr als eine Million Menschen zum Weltjugendtag nach Köln? Doch nicht um einen grauen, alten Mann zu sehen. Sondern weil sie dessen Botschaft und dessen Wertekonzept begeistert.
Raschke: Der katholische Weltjugendtag war ein Welt-Papst-Tag: in erster Linie ein Event. So wie die Leute Rolling Stones gucken gehen, sind sie da halt mal zur Papst-Party gegangen.
Liminski: Eucharistische Anbetung und Gottesdienste hast du bei den Rolling Stones nicht.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich Deutschlands Jugend verändert, seit Joseph Ratzinger Papst ist?
Raschke: Ich halte das für einen Hype. Niemand ist religiöser, weil jetzt ein Bayer Papst ist. In Köln ließ sich Benedikt feiern, gleichzeitig streicht die Kirche Stellen in der Jugendarbeit.
Liminski: Die Jugend steht dem Glauben aufgeschlossener gegenüber. Junge Menschen spüren: Da ist jemand, an dem wir uns orientieren können.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnte die Kirche für Sie attraktiver werden?
Raschke: Sie müsste ihre Arroganz verlieren. Die Kirche tut so, als hätte sie die moralischste Antwort auf alle Fragen gepachtet. Warum kann sie auch über kontroverse Themen wie Verhütung, Abtreibung, Zölibat nicht offener diskutieren? Sogar Ratzinger hat als Kardinal gesagt: Das Zölibat ist kein Dogma.
Liminski: Wir haben eine grundsätzlich verschiedene Auffassung davon, was Glaube ist und was Religion ausmacht. Die Kirche hat nicht irgendeine Meinung zu irgendwelchen Themen, die sie willkürlich dem Zeitgeist anpasst. Sie hat ein Gesamtkonzept an. Ich bin froh, dass es in unserer relativistischen Zeit eine solche Institution gibt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Liminski, finden Sie am Papst nichts schlecht?
Liminski: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Herr Raschke, finden Sie am Papst nichts gut?
Raschke: Es ist gut, dass in Rom eine Diskussion über Kondome und Schutz vor Aids beginnt, wenn auch nur langsam. Und ich hoffe, dass wir positiv überrascht werden und der Vatikan da endlich umdenkt.
Das Gespräch führte Maximilian Popp
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