Von Anne Haeming, Rostock
Das Gebäude der Schiff- und Meerestechniker mit Bullaugen und den deckenhohen Glasfenstern liegt in der Albert-Einstein-Straße. Einstein war bekannt für seine Segelei. Wenn er in seinem Sommerhaus in Caputh bei Potsdam war, schipperte er über den Schwielowsee. Sein "Tümmler", ein Jollenkreuzer von 20 Metern, war das Geschenk eines befreundeten Schiffbau-Ingenieurs.
Der Schwielowsee ist ein Spucketropfen im Vergleich zur Rostocker Ostsee, und mit kleinen Booten halten sich die künftigen Schiffbau-Ingenieure gar nicht erst auf. "Wir bauen Handelsschiffe und Marinekreuzer", sagt Robert Bronsart. Die Sache mit den Papierbooten war seine Idee. Seine Studenten sind der Nachwuchs für die ansässigen Werften, vor elf Jahren gab es viele Stellen und wenig Leute. Eine PR-Kampagne musste her, um das Schiffbau-Studium bekannt zu machen - ein Wettkampf!
Zehn Gramm, so viel wie neun Gummibärchen
"Es sollte alles ganz einfach sein, wir wollten ja Schüler begeistern. Und: Zehn Gramm Papier hat jeder zu Hause", erklärt Bronsart. Mehr ist nicht erlaubt. Zur Anschauung sind auf einer Theke 9 Gummibärchen aufgebaut - zehn Gramm. Daneben eine Pyramide aus 20 blauen Butterpäckchen, "mit Qualitätsgarantie". Fast so viel trug das Gewinnerschiff vom letzten Jahr: 4762 Gramm.
Viele Wettbewerbs-Schiffe warten noch im Trockendock, in Bastelbunt auf zwei Tischen hinter dem Aquarium. Einer hat sein Matheheft geschlachtet und mit dem Locher noch etwas Gewicht entfernt. Die Schlauen setzten auf Transparentpapier - das, mit dem man Fensterbilder klebt. Es ist am leichtesten.
Gernot Knieling wacht über die Boote. Er promoviert bei Bronsart über Wellenwiderstandsberechnung und hat auch ein Programm geschrieben, mit dem man prüfen kann, wie viel Lecks ein Schiff aushalten muss, bevor es sinkt. "Viele hier haben keine Versteifung, um dem Wasserdruck standzuhalten." Knieling deutet auf die Einsendungen: "Mit Sprühlack aus dem Baumarkt haben wir alle noch imprägniert, sicherheitshalber." Die Musterung durch Experten steht hier vor dem Wettbewerb, einen Innovationspreis gibt es auch.
"Walus II" hält sich wacker
Bronsart zieht Kreise durchs Foyer vor dem Großen Hörsaal und redet, die Zuhörer nimmt er nicht wahr, seine Glatze glänzt wie das Meer bei Windstille. Nur ab und an blinzelt er auf die Live-Übertragung, die an die Wand projiziert wird. Sein Team ruft ihm die Ergebnisse zu, alles andere hat er im Kopf. Man kann sich vorstellen, wie er Vorlesungen hält.
Als Lüdtkes Schiffe dran sind, steht der Vater allein da. Frau und Tochter treiben sich auf der Langen Nacht der Wissenschaft herum. Wegen der selbstbewussten Prognose standen "Luftikus" II und "Walus I und II" ganz hinten auf der Startliste. Jetzt muss Hartmut Lüdtke ran, schnell noch aufpusten, mit Blei füllen. Die Boote folgen ihrer Bestimmung: Sie gehen unter, langsam. Der Traum vom Rekord - geplatzt. Aber immerhin, zweiter Platz für Walus II mit 2304 Gramm in der Kategorie "Maximale Tragfähigkeit". Und beim Verhältnis Eigengewicht zu Tragfähigkeit gewinnt "Luftikus II".
Als tief in der Nacht Wissenschaftsminister Henry Tesch mit seinem Tross zur Preisverleihung hereinstürmt, sind fast alle Teilnehmer schon weg. Die anderen Rekordbastler, die Erbauer von DIVA 2 (Gewinner mit 2752 Gramm) und "666" (Platz 3 mit 2162 Gramm), mussten mit ihren Schulklassen die Züge nach Waren und Kiel erwischen.
"Wir haben das Problem erkannt", murmelt Lüdtke leise vor sich hin. "Wissenschaft ist Zufall, hat vorhin einer gesagt." Er ist Zimmermann. Das Ergebnis zählt. "Von den 200 Euro Preisgeld werden jetzt Bleikugeln gekauft. Zum Trainieren, für nächstes Jahr."
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