Von Anne Huschka
Ein letztes Mal geht Kishen Sewnarain Sukul an seine Universität zurück. Er hat seine Eltern und seine Schwester mitgebracht. Schick gekleidet und voller Erwartung gehen sie in das Akademiegebäude der Universität, das mit einem Baugerüst eingekleidet ist. Statt schwerer Teppiche bedeckt eine graue Staubschicht den Boden. Die Wände sind mit Brettern verkleidet, Hämmern und Bohren hallt laut durch das Gebäude. Es riecht nach Beton und kaltem Schweiß.
Kishens Familie steigt eine holzverkleidete Wendeltreppe hinauf und ist am Ziel: ein zehn Quadratmeter kleiner Raum mit hoher Decke und Holzdielen. Das große Fenster ist vernagelt, eine Baulampe sorgt für schummrige Beleuchtung. Auf dem einzigen Möbelstück, einem grau lackierten Tisch, liegen zwei rote Bleistifte. Ein Portier reicht Kishen einen davon. Aufgeregt zückt seine Schwester ihren Fotoapparat. Kishen lächelt in die Kamera, gleich wird er seinen Namen an die Wand des historischen Gebäudes kritzeln.
Mit einer Unterschrift auf der Wand beendet der 23-Jährige seine Zeit an der Uni endgültig. Fest drückt er die Silbermine gegen den Putz, zieht die einzelnen Buchstaben noch einmal sorgfältig nach. Die Kamera blitzt, die Mutter ist stolz, der Vater hält sich im Hintergrund. Kishen hat sich im Zweetkamertje (Schwitzräumchen) verewigt.
"Lasse alle Hoffnung fahren"
Seit über drei Jahrhunderten ist es an der ältesten Universität der Niederlande Tradition, dass Absolventen im Zweetkamertje unterschreiben. Hier mussten Examenskandidaten früher ihrer Abschlussprüfung entgegenzittern und eben -schwitzen. "Der du hier eintrittst, lasse alle Hoffnung fahren": Was Dante über dem Höllentor geschrieben sah, schrieb Victor De Stuers über die Tür zum Zweetkamertje. Der Künstler hinterließ außerdem zwei Kohlezeichnungen, die einen armen Studenten schwitzend und ratlos vor der Prüfung zeigen - und erleichtert danach.
Ein aus Nervosität in den Holztisch geritzter Name war der Beginn des eigentümlichen Brauchs. Wenig später standen die ersten Absolventen-Namen an den Zimmerwänden. Aus dem still geduldeten Gekritzel wurde eine Tradition. Auch wenn die Kandidaten nicht mehr im Zweetkamertje auf ihre Prüfung warten müssen, so kommen sie noch immer, um ihre Unterschrift zu hinterlassen.
Kishen Sewnarain Sukul hat sein Jurastudium eigentlich bereits anderthalb Monate zuvor abgeschlossen. "Aber so richtig fertig ist man hier erst, wenn man im Zweetkamertje unterschrieben hat", sagt er. "Hier benutzt man außerdem zum ersten Mal offiziell seinen vollen Titel." Bis unter die Decke reichen die Namen der Absolventen. Sie dürfen auch Stuhl und Leiter zu Hilfe nehmen, kaum ein weißer Fleck ist zu sehen. Wie viele Unterschriften genau die Wände zieren, weiß an der Universität niemand.
Einmal pro Woche Signierstunde
Sich verewigen darf im Zweetkamertje jeder, der in Leiden einen Abschluss oberhalb des Bachelor macht. Da lassen sich auch Prinzen und Königinnen nicht zweimal bitten. "Drs. W. A. van Oranje" ist auf der rechten Seite zu lesen: Kronprinz Willem-Alexander signierte die Wand in kleinem Abstand zu seiner Mutter Beatrix, Winston Churchill und Nelson Mandela. Sie unterschrieben als Ehrendoktoren. Besonders prominente Signaturen werden von kleinen Glasscheiben geschützt.
Als das Akademiegebäude wegen der Renovierungen komplett geschlossen werden sollte, grassierte unter den Leidener Studenten Aufregung. Sie fürchteten einen Traditionsbruch in der Tradition; gleich machten Gerüchte die Runde, die Wände sollten geweißt werden. Die Antwort der Uni-Verwaltung: Das Zweetkamertje ist von den Renovierungen ausgenommen, einmal pro Woche wird es extra für Absolventen geöffnet. Sie müssen ihr Abschlusszeugnis vorlegen und können sich ein Fleckchen für die Unterschrift aussuchen, mit extra dafür vorgesehenem Bleistift - aber nur mit vorheriger Anmeldung.
Nach einer Viertelstunde verlässt Familie Sukul das Zweetkamertje wieder. Zwischen rauchenden Bauarbeitern stehen sie vor dem Akademiegebäude und blinzeln in das helle Sonnenlicht. Kishen resümiert den letzten Augenblick seines Studiums: "Er war kurz, aber gewaltig."
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