Aus Los Angeles berichtet Marc Pitzke
"Das kann nicht wahr sein", dachte Hebbeln. Er war bereit, den Abspann zu kürzen - doch das erste Screening war schon am selben Abend. Zum Glück lebte seine Freundin Sophie Frost damals noch in Los Angeles. Sie trieb eine Kopie des Films auf, die beim Beverly Hills Film Festival lag, das zwei Tage später anfing.
Am Ende setzte "NimmerMeer" sich gegen vier andere Beiträge durch, darunter drei weitere aus Deutschland (die Auslandskategorie ist die einzige, die vorab entschieden wird). Und so landete Hebbeln am Mittwoch in Los Angeles, im Schlepptau neun Kollegen - darunter Kameramann Novo de Oliveira, Produzent Bickenbach, Cutter Simon Blasi und Herstellungsleiter Tommy Lechner.
Ampas-Fahrer chauffierten sie ins Renaissance Hollywood Hotel, gleich am Kodak Theatre, wo die "großen" Oscars verliehen werden, und dann vier Tage lang kreuz und quer, von einem Termin zum anderen. Es gab Gala-Dinners und Empfänge bei der Directors' Guild und der American Society of Cinematographers. Es gab "Photo Sessions" und Interviews mit US-Reportern.
Eine Dankesrede muss her
Für Sightseeing blieb Hebbeln da keine Zeit. Dafür schüttelte er Film-Legenden die Hand. Zum Beispiel Hawk Koch - der Produzent und Regieassistent von Klassikern wie "Chinatown", sagt Hebbeln, sei "hin und weg" von "NimmerMeer" gewesen. Für Montag habe er ein Treffen mit Agenten eingefädelt, um Hebbeln und Novo de Oliveira hier "Repräsentanz" zu beschaffen.
Hebbeln nimmt's gelassen: "Mal sehen." Trotzdem schwirrt ihm nur so der Kopf. So viele prominente Kontakte! Etwa William Fraker, Kameramann von "Rosemaries Baby". Und dieser Drehbuchautor, wie hieß der noch? "Ich bin mit Namen immer schlecht."
Stunden vor der Verleihung kauert Hebbeln nervös in einem Sofa in der Hotel-Lobby. Er hat sich schon in Schale geworfen: schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarzer Schlips, gegeltes Haar. Seine Dankesrede muss er noch schreiben. Und wem will er danken? Dem ganzen Team natürlich: "NimmerMeer" sei das Produkt der "Leidenschaft und Liebe aller Beteiligten".
Kurz vor dem Festakt lädt die Ampas zum Privatempfang mit ihren Mitgliedern, zwischen goldenen Oscar-Statuen und Postern alter Filme. Es gibt Hors d'Oeuvres und Dessert-Brownies. Die Schauspielerin Zooey Deschanel, in einem gewagt-kurzen Kostüm, delektiert sich an Weintrauben. An Hebbelns Revers steckt eine rote Schleife: "Winner."
"Wir haben für unsere Vision gekämpft"
Erst ein Oscar für "Das Leben der Anderen", nun (schon wieder, denn das gelang auch mehreren anderen Jung-Regissueren) der Studenten-Oscar: Warum, fragt jemand Ampas-Chef Ganis, sind die Deutschen in Hollywood so erfolgreich? Ganis lacht laut. "Sie lieben Film", sagt er. "Sie lieben Film."
Im Auditorium sitzt Hebbeln ganz vorn, seine Mannschaft in der achten Reihe. Produzent Bickenbach dreht sich um und dankt einem verrunzelten Ampas-Mitglied überschwänglich für seine Stimme. "Thank you, thank you", sagt er, verbeugt sich und berüht die Hand des Greises mit seiner Stirn, als sei er der Papst.
"Ihr seid wahrhaft Talente in der Blüte", lobt Ganis die Studenten und ruft dann gleich als ersten Hebbeln auf die Bühne. Den Nachnamen spricht er "Häblän" aus - und den Titel der Filmakademie "Beden-Wörderböörg".
Hebbeln nimmt die Trophäe entgegen, einen schwarzen Kubus mit einer goldenen Medaille. Er räuspert sich, zückt einen Zettel, liest seine Rede vor. "Es hat in meinem Leben nicht viele Momente gegeben wie diesen", sagt er und beschreibt erneut die "lange Geschichte von Rückschlägen, Enttäuschungen und Entmutigungen", die der Film überwunden habe. "Wir haben für unsere Vision gekämpft."
Zum Schluss doch noch Sightseeing
Novo de Oliveira hat sogar doppelten Grund zur Freude: Der Film "High Maintenance", bei dem er ebenfalls die Kamera führte, gewinnt die Silbermedaille in der Kategorie "Narrative". Bis auf den New Yorker Nachwuchsregisseur Philip Van ist auch der eine komplette deutsche Produktion und wurde in Berlin gedreht.
Zum Abschluss der Zeremonie zeigt die Ampas "NimmerMeer" noch einmal, in voller Länge. Das Publikum klatscht und jubelt, trotz der gelegentlich groben Untertitel.
Damit ist Hebbelns Hollywood-Abenteuer nicht zu Ende. Er hat seinen Aufenthalt um eine Woche verlängert, Universal Pictures zum Termin geladen. Ein kleiner US-Verleih - an dessen Namen er sich im Moment nicht erinnern kann - hat Interesse, "NimmerMeer" in die US-Kinos zu bringen.
Und zum Schluss will er zwei Tage lang den Highway 1 an der Küste entlang fahren. Ein bisschen Sightseeing muss doch noch sein.
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