Von Xenia von Polier
Die Unabhängigkeit bietet den Äther-Amateuren Raum zum Ausprobieren. Nicht nur in der Musikauswahl sind sie autark, auch in den Wortbeiträgen bleibt viel Platz für Experimente: Radio-Soaps über das Studentenleben, Satiresendungen, die die Hochschulpolitik verwursten, provokante Interviews und Umfragen rund um den Campus oder Berichte über spannende Forschungsprojekte - die studentischen Radiomacher produzieren, was ihnen in den Sinn kommt. Das macht die Hochschulradios als Ausbildungssender so beliebt.
Hinzu kommt, dass, anders als bei manch anderen Praktika, Neueinsteiger nicht die Bedienung der Kaffeemaschine verinnerlichen müssen. In selbstorganisierten Seminaren und Workshops lernen die Studenten das nötige Know-how.
Und im Südwesten nützt das Sprechen ins Mikro sogar dem Studium: Die Hochschule für Musik in Karlsruhe hat das "Lernradio" zum Studiengang erhoben. Seit dem Wintersemester 2006/2007 können die Studenten hier einen Bachelor und einen Master in "Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia" machen. Das Lernradio ist damit nach eigenen Angaben der "einzige Studiengang in ganz Europa, der Rundfunkjournalisten mit Schwerpunkt Musik ausbildet".
Gelernt wird hier allerdings nicht nur Radioproduktion: 2003 entwickelte sich aus dem Hochschulradio heraus der studentische Fernsehsender Extrahertz. Als Web-TV gestartet, läuft das Programm inzwischen auch beim regionalen Fernsehsender R.TV "on Air". Im Human Information Technology-Labor (HIT-Labor) der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft, wo das Programm produziert wird, laufen die Fäden zusammen. An einem Dutzend Computern sitzen Studenten technischer und auch geisteswissenschaftlicher Fächer zusammen mit Kommilitonen vom Lernradio und schneiden Filmmaterial.
Nicht für Geld, sondern für die Sache
Einige werkeln hier ehrenamtlich neben dem Studium, für andere ist die Mitarbeit Teil der Ausbildung, denn die Produktion der Extrahertz-Sendungen ist für Lernradio-Leute genauso Studieninhalt wie die Mitarbeit beim gedruckten Hochschulmagazin "KA.mpus". "Trimediale Produktion" nennen die Karlsruher dieses Aufbrechen medialer Grenzen. Dazu arbeiten Karlsruher Studenten verschiedener Fachbereiche von sechs Hochschulen eng zusammen.
Der riesige Flachbildschirm im Foyer der Hochschule Karlsruhe deutet bereits darauf hin, dass hier selbst angehende Mechatroniker und Maschinenbauer den Campusmedien eine große Bedeutung beimessen. Die Technik im HIT-Labor ist auch ihre Spielwiese. Seit den neunziger Jahren arbeiten hier Studenten technischer Studiengänge unter der Leitung von Professor Jürgen Walter konsequent an der Integration und Weiterentwicklung verschiedener Medien. "Mit HDTV-Kameras haben wir schon lange gearbeitet, bevor die innovative Technik auf der Cebit der Öffentlichkeit vorgestellt wurde", sagt Walter stolz.
Anderswo können studentische Fernsehproduzenten über solche Technikwunderwelten nur staunen. Bei Moritz TV an der Universität Greifswald würde sich die Chefredakteurin Jeanette Rische schon darüber freuen, einen einzigen versierten Studenten zu haben, der das Filmstudio der Uni bedienen kann. "Die bestimmt 100.000 Euro teure Technik ist so kompliziert, dass wir das Studio ohne einen Fachmann nicht nutzen können", erzählt die Germanistikstudentin. "Mit ganz herkömmlichen Kameras drehen wir zum Beispiel in der Aula, auf der Straße oder an irgendwelchen ausgefallenen Orten, die sich gerade anbieten."
Was den Reiz der Campusmedien ausmacht, sind die Leidenschaft, das unkonventionelle Vorgehen und die Experimentierfreude, mit der die Macher am Werk sind. Ob in HDTV-Qualität oder Standardtechnik, eines haben die studentischen Medienmacher gemeinsam: Sie arbeiten nicht für Einschaltquoten und nicht für Geld, sondern für die Sache. Jeanette Rische ist sich sicher. "Die Möglichkeit, wie für Moritz TV ganz ohne Vorgaben solche Sendungen zu produzieren, bekomme ich nie wieder im Leben."
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