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14.08.2007
 

Studenten-Ballerspiel

Kettensäge und Kalaschnikow sind tabu

Von Rico Valtin

Studenten aus Jena befeuern die Debatte um "Egoshooter". Sie programmierten einen "Edushooter" und lassen Professoren und Studenten aufeinander los. Gekämpft wird mit den Waffen der Universität: Papierkügelchen, Kreide, Tafelschwamm.

Aus dem Tafelschwamm in Elisa Nößlers Händen trieft Wasser. Die 20-Jährige rennt die Hörsaaltreppen herunter. Ein grauhaariger Professor doziert gerade auf dem Podium und sieht sie aus den Augenwinkeln kommen. Seine Mundwinkel klappen herunter, er zögert einen Moment - schon ist es zu spät. Nößler baut sich vor ihm auf und wirft den Schimmelschwamm. Flatsch, die Brühe spritzt, Volltreffer! Nun muss Elisa flüchten.

Nach dieser Tat müsste die Studentin sich darauf gefasst machen, durch alle Prüfungen oder sogar von der Uni zu fliegen - im richtigen Leben. Doch Elisa bewirft ihren Professor nur im PC-Game "Edu" mit digitalen Ekelschwämmen. Der Name des Spiels lehnt sich an die heftig kritisierten Egoshooter an. "Edu" steht für Education-Shooter. Mit dem Spiel schalten sich Jenaer Kommunikationswissenschaftler in die Debatte um angebliche "Killerspiele" ein.

"Grundsätzlich besteht ein genereller Schuldverdacht. Wir wollen beweisen, dass Egoshooter nicht automatisch böse, sondern deren Spielmechanismus auch für ein Lernspiel geeignet sind", sagt der Jörg Müller-Lietzkow. Der Jenaer Computerspielexperte ist sich sicher: Mit Rollenspielen können Computerzocker nicht nur auf Bluttour gehen, sondern auch für Prüfungen lernen. Um das zu beweisen, hat er gemeinsam mit 30 Studenten den Edushooter gebastelt.

"Wir kommen ohne sinnloses Töten aus"

Der Plot klingt wie ein Ausflug in eine dunkle Zukunft: Der Freistaat ist pleite, der Kultusminister überlässt es der Uni, entweder für bessere Lehre oder bessere Forschung zu sorgen. Studenten und Professoren rangeln um die letzten Bildungs-Euros und tragen den Kampf mit den Waffen der Universität aus. Kreidestücke, Papierkugeln und Schimmelschwämme stehen als Wurfgeschosse zur Verfügung. Der Kampf von Angesicht zu Angesicht wird mit dem Edding ausgefochten.

Doch gewinnen geht hier nur mit Köpfchen. Überall auf dem digitalen Campus sind Fragestationen versteckt. Chancen auf Wissenspunkte hat, wer Bescheid weiß - über Medienwirkungstheorien, den Elitewettbewerb an deutschen Hochschulen oder das Jenaer Stadtschloss. Nach 15 Minuten ist eine Runde um, der Sieger mit den meisten Wissenspunkten sackt die Bildungskohle ein.

Mit seiner Steuerung und den langen 3-D-Gängen imitiert das Spiel die Grafik von Egoshootern wie "Counter-Strike" oder "Unreal". Doch in der Jenaer Version fließt kein Blut. "Wir kommen ohne sinnloses Töten aus. Das Spiel ist jugendfrei und becksteinfreundlich", sagt Müller-Lietzkow. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein fordert seit dem Amoklauf von Emsdetten ein Verbot von Killerspielen sowie Haftstrafen für die Hersteller. Nun taucht er in der Ehrengalerie von "Edu" auf. Sein Bild hängt in einem goldenen Rahmen auf dem Spielcampus und bekommt von Elisa einen dicken Edding-Schnauzer ab.

Dabei stand die Kritik an der "Killerspiel"-Debatte zunächst gar nicht im Vordergrund. Einige Kommunikationsstudenten der Uni Jena hatten von den vielen Theorien einfach die Nase voll und wagten in einem Projektmanagement-Seminar den Sprung in die Praxis. In fünf Teams entwickelten sie die Spielidee, programmierten eine digitale Campuskarte, tüftelten zusammen mit ihrem Professor an der Grafik und recherchierten Fragen für die Wissensstationen.

Munitions-Nachschub gibts in der Bibliothek

"Da ein Shooter ohne irgendeine Form von Schießen langweilig ist, entschieden wir uns nach einigen realen Schwamm- und Kreideschlachten für unsere vier Waffen", sagt Müller-Lietzkow. Zu einem Game gehören aber auch CD-Verpackung und Internetseite, schließlich soll das Seminar unter den Bedingungen einer Softwareproduktion stattfinden. Das erste Level steht nun mit Dokumentation zum freien Download im Internet.

Das Spiel wurde mit viel Liebe zum Detail entwickelt. Ein Plakat erinnert an den ( soeben gescheiterten) Boykott der Verwaltungsgebühren an der Uni Jena, im Büro des Rektors läuft klassische Musik, Panoramafenster geben den Blick auf den Campus frei. Und Papierkugel-Munitionsnachschub gibt’s am Kopierer der Bibliothek. Nicht nur Beckstein muss mit Farbattacken auf sein Bild rechnen - auch eine ganze Menge Jenaer Professoren werden zur Zielscheibe

Jörg Müller-Lietzkow sieht in dem Spiel aber noch mehr Potential, er denkt bereits an "Edu2": "Wenn dieses außergewöhnliche Team weitermachen möchte, könnte am Ende ein Spiel entstehen, welches sich mit kommerziellen Titel messen kann." Denn die Fragen können aus der medienwissenschaftlichen Ecke herausgeholt und auf andere Forschungsgebiete ausgedehnt werden.

Elisa schneidet bei den Fragen und Antworten nicht so gut ab. In den Wissenspunkten liegt sie klar hinten, so verliert ihr Team die Bildungseuros und das Spiel. Macht aber nichts. Der Schwammanschlag auf den Prof ist ihr auf jeden Fall geglückt.

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