Von Jonas Leppin
Wenn niemand mehr mit dem Gänseliesel knutschen mag, dann wird es sehr einsam in Göttingen. Das angeblich meistgeküsste Mädchen der Welt steht in diesen Tagen eisern lächelnd vor dem alten Rathaus. Nur ein paar mexikanische Touristen klettern für ein Foto auf den Rand des Marktbrunnens.
Solche Ignoranz ist für die Brunnenfigur, seit 1901 das Wahrzeichen der Uni-Stadt, ungewohnt. In guten Zeiten hängen die Studenten der Stadt an Gänseliesels Lippen. Fertige Doktoranden, so verlangt es die Tradition, drücken ihr Blumen in die Hand und bedanken sich mit allerlei Zärtlichkeiten für den gelungenen Abschluss.
Aber es sind keine guten Zeiten. Es sind Semesterferien - und da ist Göttingen öde und leer.
Vom Rathausplatz führt die Fußgängerzone direkt auf den Campus. Göttingen ist ein Klassiker unter den Studentenstädten: fast 130.000 Einwohner, davon 25.000 Studenten. Otto von Bismarck hat hier einst Jura studiert, der ehemalige Agrarwissenschafler und heutige RTL-Nachrichtenonkel Peter Kloeppel hält die Begrüßungsrede für Erstsemester und, nun ja, Dieter Bohlen war mal für BWL eingeschrieben. Manchmal ist es schwer vermeidbar, Jürgen Trittin auf der Straße zu begegnen. Das wichtigste Verkehrsmittel ist das Fahrrad. Es gibt drei Kinos, 27 Hotels und Pensionen.
Vor dem gewaltigen Glasbaukasten der Staats- und Universitätsbibliothek stehen unzählige Fahrräder. Die "Bibliothek des Jahres 2002" scheint auch tief in den Semesterferien nicht zur Ruhe zu kommen: Von sieben Uhr früh bis ein Uhr nachts kann man auf Recherchereise gehen.
"Freitags machen wir gar nicht mehr auf"
"Der Eindruck täuscht", sagt der Bibliothekar am Eingang, "jetzt, wo die heiße Klausurphase vorbei ist, ist es bedeutend leerer." Mit Profiblick erkennt er "mindestens 10 bis 15 Prozent weniger Auslastung". Die Studenten, die sich vor der Tür zur Raucherpause sammeln, bestätigen das: Auch mittags finde man mühelos einen Platz zum Arbeiten - in der Vorlesungszeit undenkbar.
Die Sommerflaute-Indizien in der Zentralmensa: Nur zwei der drei großen Säle sind noch geöffnet, die Menüauswahl ist deutlich geschrumpft, das legendäre Stammessen 1 wird gar nicht mehr angeboten. Und die besonders beliebte "Mensa Italia" hat ganz geschlossen.
"Freitags machen wir schon gar nicht mehr auf", sagt Se-Hun Kang, 29. Der Theologiestudent ist Mitarbeiter des einzigen Cafés auf dem Campus, das von Studenten selbst verwaltet wird. "Im Semester verkaufen wir am Tag bestimmt 160 Liter Kaffee, jetzt höchstens noch die Hälfte." Die Folgen für die Mitarbeiter der Theo-Cafete: einsame Schichtdienste, früher Feierabend.
Auf dem Platz der Göttinger Sieben, dem zentralen Campus, fehlen die gewaltige Menschenmassen, die gewöhnlich die Grünflächen vor den Fakultäten belagern. Auf einer Bank trinken Katharina Antoniades und Rieke de Haan Milchkaffee. Die Jura-Studentinnen machen gerade Pause von ihrer Examensarbeit. Sie sagen: In der Uni sind nur noch Leute, die Wichtiges zu erledigen haben. Der Rest ist gleich zum Semesterende in den Urlaub oder zu den Eltern gefahren.
Alle warten auf das Ende der Semesterferien
Wer bleibt, fühlt sich wie bei quälend lange Ferien in der Provinz. Das Stadtbild bestimmen Familien und Touristen. Cafés, Kinos und Diskotheken - überall, wo sich sonst Studenten breit machen, trifft man nur noch Schüler. Sie haben selbst den traditionellen Studentenmittwoch, an dem sich alle in den Kneipen der Stadt treffen, gekapert. "Ich war neulich Nacht in einem Kiosk plötzlich die Älteste", sagt Katharina Antoniades - dabei ist sie erst 23. "Als ich letzten Samstag mit Freunden im Pub war, hieß es um kurz nach zwölf: Letzte Bestellung! Es ist wie ausgestorben."
Bei gutem Wetter kann man in Göttingen durch den botanischen Garten schlendern oder an den Wendebachstausee fahren. Regnet es, regiert die Freizeitnot. Hochschulsport? Fiel wegen Umbauarbeiten lange flach. "Literarisches Zentrum Göttingen"? Das Programm ist mit bloßem Auge kaum erkennbar. Das Stadt- und Kulturmagazin "Pony" verzichtet gleich ganz auf die Aufgustausgabe - zu wenig "Lesungen, Konzerte und Partys", so Chefredakteur Michael Saager, "als würde alles warten, bis die Semesterferien vorbei sind".
Anruf bei Natalia Szopa, 24: Die Pädagogikstudentin und ihre Mitbewohnerin haben ein Zimmer zur Untermiete angeboten. Hübsche Lage, 16 Quadratmeter, Holzfußboden, 200 Euro inklusive Strom. "Es war schwierig jemanden für das Zimmer zu bekommen", sagt Natalia, "nur vier Leute haben sich gemeldet." Für die nächsten zwei Monate ist eine Praktikantin Zwischenmieterin - aber noch nicht aufgetaucht: "Ich werde wohl nachhaken müssen, ob sie es definitiv nimmt."
Zurück auf dem Platz der Göttinger Sieben. Katharina und Rieke sind wieder in der Jura-Fakultät zum Lernen verschwunden. Auf den Bänken lesen ein paar Studenten Zeitung. Vor der Bibliothek liegt ein Pärchen im Gras: weder Bücher noch Blöcke, aber wildes Geknutsche.
Wenn das Gänseliesel das sehen würde, es wäre grün vor Eifersucht.
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