Von Markus Flohr
"Hockern ist ein Sport für die 'Generation in Ordnung', ein 'Gute-Leute-Klub' gegen die triste Welt da draußen, den Alltag, das Arbeiten", sagt Helge, 33, quietschroter Trainingsanzug, Baseballcap.
"Hockern" - das ist Helges Sport, bei dem es darum geht, mit einem Kunststoff-Hocker Sachen anzustellen, wie eine Skateboarderin mit dem Brett oder ein Sportgymnast mit den Keulen. Für seinen Sport nennt Helge sich "Ben Denn".
"Wir glauben, dass durchs Hockern die Welt besser wird", sagt auch Kollege Nico Rohmann, 35, gleicher quietschroter Trainingsanzug, Popstarfrisur, Hockername: "Romski Laroid". "Na klar, Tausend Leute pro Jahr haben so eine... Idee", sagt Markus Hartwig, roter Trainigsanzug, Name: "Orc von Rumänien". Vor "Idee" hat er eine Pause gemacht. Vermutlich wollte er davor "bekloppte" oder "verrückte" sagen. Oder zumindest "besondere" Idee.
Was die drei sich ausgedacht haben, ist all das gleichzeitig: bekloppt, verrückt, ausgefallen. Und endlos cool. Der Unterschied sei, so Markus, "dass alle anderen ihre Ideen wieder sausen lassen. Wir haben es eben gemacht". Sie haben das "Hockern" erfunden.
Oma Hildes alter Melkschemel
Vor drei Jahren fingen sie an, abwechselnd den alten Melkschemel von Nicos Oma Hilde durch die Luft zu schmeißen, ihn sich um den Rücken zu wickeln, auf der Schulter zu balancieren – um, ganz wichtig, am Ende immer wieder auf ihm Platz zu nehmen. Heute nennen die drei Freunde in den roten Trainingsanzügen sich "Hockstars", sie laden zu den "2. offenen Hockermeisterschaften der Welt" in den ehemaligen Kieler Tanzclubs "Nachtcafé".
Der Klub war einmal ein Ort, an den man als junger Mensch in Kiel gerne ging. Viele solcher Orte gibt es in Kiel nicht. Die Musik war gut, die Zimmer dunkel, das Bier erschwinglich. Vor zwei Jahren machte der Laden zu, weil der Besitzer nach Berlin ging. Seitdem steht er leer. Triste Welt eben.
Die drei "Hockstars" nehmen bei ihrer Meisterschaft dezent auf der Jury-Bank Platz, um den Nachwuchs hockern zu lassen. Sie wollen nicht zeigen, ob sie es eigentlich selbst noch können. Sie beurteilen lieber die anderen - sie sind die Erfinder.
Auf der Tanzfläche ist es noch recht leer. Das Partyvölkchen sitzt zu Hause vor dem Fernseher – in zehn Minuten spielt Deutschland gegen Zypern.
Ein paar Teilnehmer üben ihre Tricks und bereiten sich vor: Nino Kappler, 26, Hockername "Am-Kara", flickt gerade sein Gerät mit Gaffer-Tape. Es ist in der Mitte durchgebrochen. Eigentlich sieht es aus wie ein doppelter Kegel, wie eine Sanduhr oder ein übergroßes Jo-Jo. Alle "Hockerer" benutzen ungefähr das gleiche Modell eines Kunststoff-Designer-Hockers aus den Siebzigern. Er ist kniehoch, mit jeweils einer runden Sitzfläche oben und unten. Einige der Sportler haben ihre Geräte ein wenig umgebaut, bemalt oder mit Aufklebern geschmückt.
"Das Beste an diesem Sport ist doch", sagt Nino, "dass er absolut sinnlos ist – komplett sinnbefreit". Er studiert sonst Sport und Mathe. Vielleicht freut er sich auch darüber, dass er mal Sport machen kann, ohne eine Note auf die Leistung zu bekommen. Nino hat ein weites schwarzes T-Shirt an, eine Skater-Hose.
Fertig repariert: Nino rollt den Hocker flach über die Tanzfläche, hebt ihn mit der Fußspitze in die Luft, lässt ihn auf dem Boden springen, hüpft drüber - und nimmt Platz. Hin und wieder rasselt er aus Versehen mit Kollegen zusammen – zum Beispiel mit Julian ("Klopfer"), 21, und Rahel (muss sich noch einen Namen ausdenken), 22, der einzigen Frau im Starterfeld.
Die "Hockstars" ziehen ein wie die Kaiser ins Kolosseum
Gegen 23 Uhr drängen sich die jungen Kieler um die Tanzfläche, auf die ein Quadrat von vier mal vier Metern gemalt ist. Es sieht ein wenig aus wie ein Boxring. Es riecht nach Zigarettenqualm und Bier. Mittlerweile ist das Länderspiel vorbei, Deutschland hat 4:0 gewonnen. Der Laden ist jetzt knallvoll. Hinten stehen sie auf Zehenspitzen. Im ersten Stock gibt es eine lange Balustrade, kein Zentimeter ist mehr frei. Nico, Markus und Helge ziehen ein, wie die Kaiser ins Kolosseum, sie grüßen ins Rund – und setzen sich auf der Bühne auf ihre Jury-Hocker.
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Konfettikanonen schießen buntes Zeug durch die Gegend, ein heißer Beat brummt aus den Boxen - dann hockert der erste los. Es ist Julian - er ist noch nicht so lange dabei, ihm fällt das Gerät immer mal wieder runter. Aber egal! Das Publikum trägt ihn, feuert ihn an, bei jeder gelungen Aktion springen die Jurymitglieder Nico, Markus und Helge auf, mit einem metergroßen Pappdaumen in der Hand und recken ihn nach oben. Sitzen geblieben! Super!
Eine Kür dauert zwei Minuten, das klingt kurz, aber am Ende stolpert Julian abgekämpft von der Tanzfläche. Einen Riesen-Applaus bekommt er, gewinnen wird er heute nicht. Ein halbes Dutzend Starter "hockern" nach ihm noch.
Die Besten aus der Vorrunde treten in einer Finalrunde noch einmal gegeneinander an: Ihre Tricks werden waghalsiger, die Hockerer stellen ihre Schemel drei Meter weg, nehmen Anlauf, springen drauf, drüber, daneben. Es gibt blaue Flecke, Abschürfungen, Blutergüsse.
Ein junger Mann ist noch dabei, bei dem das Gehockere flüssiger aussieht als bei den anderen. Er heißt Stephan Landschütz, 26, seine Bewegungen fließen, der Hocker tänzelt ihm auf der Handfläche, selten fällt er ihm hin – und was er macht, passt gut zur Musik. Bei ihm ist das Hockern mehr ein Tanzsport als alles andere.
Am Ende gewinnt Stephan. Er bekommt eine Sektflasche, aus der er trinken darf – und den Inhalt von zwei weiteren über den Kopf geschüttet. Die "Hockstars" überreichen ihm einen Trainingsanzug, der aussieht wie ihre eigenen, nur in schwarz. Hinten werden sie draufdrucken: "Meister von der Welt 2007".
Diplomarbeit Sporthocker
Für Stephan war das heute der große Abend. Er hat nicht nur den Titel geholt, Stephan hat den Hocker sozusagen offiziell zu einem Sportgerät gemacht. Im echten Leben ist er Industrie-Designer mit Diplom, seine Abschlussarbeit: der Sporthocker. Gerade frisch beendet hat er sein Studium, seine Erfindung ist zum Patent angemeldet. Jetzt steht er im Gang vor dem Backstage-Raum und jongliert ein wenig mit dem Hocker.
"Im letzten halben Jahr hatte ich kaum noch Zeit zum Trainieren", sagt Stephan. Aber für den Titel heute hat es trotzdem gereicht. Ruhig sagt er das, mit Sekt im Haar und auf der Brille. Andauernd kommen Freunde zu ihm, und gratulieren. Für diesen Abend hat sich der ganze Stress jedenfalls gelohnt. Und für ihn hat das Hockern die Welt mit Sicherheit ein wenig besser gemacht.
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